• Samstag, 23.09.2017
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PERSPEKTIVEN

Zwischen Herz und Kopf

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Von Max Hugelshofer
Zwischen Herz und Kopf
© Marco 2811 / de.fotolia.com
Lagebesprechung in der Dorfbeiz in Hergiswil bei Willisau: Hans-Jürg Hiltbrands Kaffee ist längst kalt geworden und weggeschoben, dafür türmen sich vor ihm die Papierstapel. Landkarten, Notizen, Auflistungen, Berechnungen. Und mehrere Spickzettel. In einer Stunde steht Hiltbrands erste Projektprüfung für die Schweizer Berghilfe auf dem Programm. Dies ist eine Besonderheit der Organisation: Jedes eingegangene Gesuch wird durch einen ehrenamtlichen Experten vor Ort geprüft, und es sind auch Ehrenamtliche, die über die Unterstützung entscheiden.


Lagebesprechung in der Dorfbeiz. Urs Ambühl (links) packt immer mehr Unterlagen aus, und Hans-Jürg Hiltbrands Kaffee wird kalt.
Lagebesprechung in der Dorfbeiz. Urs Ambühl (links) packt immer mehr
Unterlagen aus, und Hans-Jürg Hiltbrands Kaffee wird kalt.

„Ja, ich bin ein bisschen nervös“, sagt der 62-Jährige. „Ich muss zugeben, dass ich mir alles etwas einfacher und weniger strukturiert vorgestellt habe.“ Urs Ambühl kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sein Kaffee ist nicht kalt geworden, denn für ihn sind die Vorbereitungen nach fast 200 Gesuchprüfungen in sieben Jahren Routine. Er kann sich jedoch noch gut an seine Anfangszeit als ehrenamtlicher Experte erinnern. Und damit auch an den Respekt vor der Datenflut, die mit jedem Projekt einhergeht. Sein Kommentar: „Keine Sorge, da gewöhnst du dich dran.“



Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.


Gemeinsam trotz Verschiedenheit

Die beiden Männer verstehen sich gut, auch wenn sie noch nicht lange zusammenarbeiten. Auf den ersten Blick könnten zumindest die beruflichen Laufbahnen unterschiedlicher nicht sein. Hier Urs Ambühl, der im Militär Helikopterpilot war und zum Schluss einen Flugplatz geleitet hat sowie parallel dazu in der Privatwirtschaft in das obere Kader der Swisscom aufstieg, bevor er sich mit 58 Jahren pensionieren liess. Dort Hans-Jürg Hiltbrand, der Agronomie studierte, als landwirtschaftlicher Berater, Agronomie-Journalist und Treuhänder tätig war und bis zur Pensionierung Führungsaufgaben bei der Bauerngenossenschaft Fenaco-Landi inne hatte. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Etwa eine Vorliebe für den Modellflug, aber natürlich auch der Wunsch, nach der Pensionierung nochmals etwas Neues anzufangen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ambühl ist per Zufall auf die Berghilfe gekommen. Bei Hiltbrand war die Idee, mal ehrenamtlicher Experte zu werden, schon seit Jahrzehnten im Hinterkopf. „Als ich damals als junger Mann noch Betriebsberater war, hatte ich oft mit den Leuten der Berghilfe zu tun. Mir imponierte damals dieses freiwillige Engagement, und ich sagte mir: Wenn ich selbst alt bin, mache ich das auch.“ Inzwischen sei er alt, schmunzelt er. „Et voilà…“

Eine Stunde später am Küchentisch der Bergbauernfamilie Häfliger: Es ist eng, denn nebst den zwei Experten haben sich auch zwei Generationen Häfligers versammelt, um an diesem für die Familie wichtigen Gespräch teilzunehmen. Hans-Jürg Hiltbrand hat die Aufgabe, der Familie gegen Ende des Gesprächs zu vermitteln, dass das Projekt zum Neubau des Wohnhauses vernünftig und gut geplant sei und voraussichtlich auch unterstützt werde – jedoch nicht mit dem gesamten Betrag, den Häfligers errechnet hatten.

Emotionale Falle

Die Analyse der Vermögensverhältnisse des Juniors, der den Hof vor ein paar Jahren übernommen hat, aber noch auswärts arbeitet, hat gezeigt, dass ein kleinerer Beitrag zumutbar ist. „Eine Unterstützung durch die Berghilfe ist zwar zwingend nötig, jedoch nicht in dem Umfang, wie von Häfligers erhofft“, sagt der Experten-Lehrling Hiltbrand. Er legt dies dem jungen Bauern sachlich, aber mit Einfühlungsvermögen dar und erklärt auch, dass die Beiträge der Schweizer Berghilfe ausschliesslich aus Spendengeldern bestehen und es daher nicht möglich sei, mehr zu geben als unbedingt nötig. Noch während er redet, gehen ihm die Worte von Urs Ambühl von vorhin in der Beiz durch den Kopf: „Am Anfang bin ich auch ein paar Mal in die emotionale Falle getappt.“

Was hat der erfahrene Experte damit gemeint? „Es ist manchmal nicht einfach, zwischen Herz und Kopf abzuwägen“, erklärt dieser. So auch hier bei Häfligers. „Es ist eine super Familie, sehr sympathisch, ‚gschaffig’, und auch der Zusammenhalt scheint gut zu sein. Man würde es ihnen sehr gönnen, dass alle ihre finanziellen Sorgen auf einen Schlag weg wären“, erklärt er. Aber aus Verantwortung gegenüber den Spendern dürfe man nur so viel geben, wie zwingend notwendig sei. „Es ist manchmal nicht leicht, hier sachlich zu bleiben.“


Hof von Familie Häfliger. Erst wird der Stall besichtigt…
Hof von Familie Häfliger. Erst wird der Stall besichtigt...

….dann wird am Küchentisch über das Projekt und vor allem über die Finanzierung gesprochen.
...dann wird am Küchentisch über das Projekt und vor allem über
die Finanzierung gesprochen.

„Ich würde auch gerne mehr geben“, sagt Hans-Jürg Hiltbrand kurz darauf auf dem Nachhauseweg im Auto. „Aber ich sehe auch die andere Seite.“ Er sei überzeugt davon, dass das Projekt auch mit einer geringeren Unterstützung als von Häfligers beantragt zu Stande komme. Und das sei ja die Hauptsache. „Alles in allem ist das Gespräch gut gelaufen“, so Hiltbrand. „Ich war aber schon froh, dass Urs noch dabei war und helfen konnte, wenn ich mal nicht weiter wusste.“ Es werden im Verlauf eines Jahres noch mehrere derartige Gesuchprüfungen stattfinden, in denen Hiltbrand von Mal zu Mal selbständiger agiert. Bis es dann soweit ist, und er sein eigenes Gebiet zugeteilt bekommt. „Bis dann habe ich mich hoffentlich auch an den Papierkram gewöhnt.“



Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch



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