• Montag, 23.01.2017
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ALTERSTHEMEN

Zuhause alt werden.

Wohnungswirtschaft ist gefordert
Von Margrit Hugentobler
Zuhause alt werden – Wohnungswirtschaft ist gefordert
© zabanski - fotolia.com
Mögliche Mobilitäts- oder andere gesundheitliche und soziale Einschränkungen treten – wenn überhaupt – meist erst im höheren und hohen Alter auf. Sinnvoll ist dabei die von François Höpflinger (SenLine-Beitrag: „Demographische Alterung.“) vorgeschlagene Altersdefinition, welche sich auf die statistisch noch zu erwartenden letzten 10 - 15 Lebensjahre bezieht und sich bei zukünftigen Generationen weiter nach hinten verschiebt.

Unterstützung durch Spitex, Mahlzeitendienst, administrative Hilfen, Nachbarschaftshilfe oder Freiwilligenarbeit werden für viele ältere Menschen erst in dieser Phase zentral. Ebenso wichtig und zu einem allfällig grossen Hindernis werden dann fehlende Optionen auf dem Wohnungsmarkt und unangepasste Strategien der Wohnbewirtschaftung. Sie erschweren oder verunmöglichen das Ziel, den Lebensabend so autonom wie möglich – mit Unterstützung wo nötig – "zuhause" verbringen zu können. Zwei fiktive Szenarien illustrieren diesbezügliche Herausforderungen.

Szenario 1.

Fritz und Erika Meister zogen vor 40 Jahren mit ihren beiden Kindern, die inzwischen im Ausland leben, in eine grosszügige, erschwingliche 5-Zimmer-Gründerzeitwohnung im 3. Geschoss im Zürcher Kreis 6 ein. Vor vier Jahren starb Erika. Fritz ist nun 80-jährig, die Treppen bereiten ihm zusehends Mühe... auch das Putzen. Zudem ist die Wohnung für seinen Bedarf längst zu gross, findet auch er. Er sieht sich nach einer kleineren, hindernisfreien, zentral gelegenen Wohnung um. Als gebürtiger Zürcher will er in der Stadt bleiben. Prospekte einer neu gebauten Altersresidenz erschrecken ihn. Eine 67m² grosse 2 ½-Zimmerwohnung kostet – mit Notrufsystem versehen – 3'000 Franken im Monat. Für seine gegenwärtige Wohnung bezahlt er 2'400 Franken. Ein Anruf bei der Stiftung städtischer Alterswohnungen ergibt, dass er sich dort zwar für eine Wohnung zum halben Preis anmelden kann, die Wartefrist jedoch bei ca. 4 Jahren liegt. Da er nicht Internet-kundig ist, sind für ihn Angebote über homegate nicht zugänglich. Zeitungsinserate für allenfalls geeignete Wohnungen gibt es ja nicht mehr.


Kommentar:
In Städten mit knappem Wohnraumangebot wird immer wieder beklagt, dass ältere Menschen viel zu lange grosse, erschwingliche Wohnungen belegen. Dieser Wohnraum fehlt für junge Familien oder auch für studentische WGs. Gefragt wären Vermittlungsdienstleistungen unterschiedlicher Art, seitens der Bewirtschafter, freiwilliger oder professioneller Anbieter, welche frühzeitige Wohnungswechsel unterstützen und kleinere, hindernisfreie Wohnungen für diese Zielgruppe reservieren und im Umgang mit dem schnell-lebigen, internet-basierten Wohnungsmarkt Unterstützung bieten könnten.


Szenario 2.

Anna Spörri, 76, wohnt seit 35 Jahren in einer 3 ½-Zimmerwohnung eines Wohnblocks der 1970-er Jahre. Das Schreiben der Liegenschaftenverwaltung, dass Gebäude und Wohnungen in den kommenden 2 Jahren grundlegend saniert und dann als Eigentumswohnungen verkauft werden sollen, ist ein Schock für sie. Frau Spörri ist fit und gesund. Sie hat sich als ehemalige Hobby-Marathonläuferin ihre Beweglichkeit weitgehend bewahrt. Unverheiratet, pflegt sie ihren Freundeskreis, kocht gerne für sich und andere und besucht eine Vielfalt kultureller Anlässe. Mit dem Internet hat sie sich auch vertraut gemacht und ist nun also auf Wohnungssuche. Dass sie keine Reaktionen oder nur Absagen erhält, versteht sie als zuverlässige, langjährige Mieterin, die sich stets auch um ihre Nachbarn gekümmert hatte, nicht.


Kommentar:
Eine Studie aus dem Jahr 2011 "Ältere Menschen in der Wohnwirtschaft aus Sicht von LiegenschaftenverwalterInnen" (Fahrländer Partner AG) zeigt, dass Paare zwischen 50 und 65 und ältere Menschen mit längerer Mietdauer ein geschätztes Mietersegment sind. Bei einer Neu- resp. Wiedervermietung werden gegenüber über 75-Jährigen – vor allem Frauen – jedoch Bedenken geäussert. Befürchtet werden ein erhöhter Verwaltungsaufwand oder auch zunehmende Inflexibilität im hohen Alter. Obwohl ältere SeniorInnen grundsätzlich als Zukunftsmarkt gesehen werden, kann ein adäquates Wohnangebot kaum ausschliesslich dem Markt überlassen werden. Auch hier sind Aufklärungsarbeit und die Vernetzung von Hauswarten und Verwaltungen mit der Vielfalt anderer Dienstleistungsanbieter nötig.


Fazit

Soll das vielerorts propagierte Leitbild "ageing in place" – verbunden mit Zielen der Quartier- und Nachbarschaftsentwicklung – greifen, ist eine Gesamtstrategie nötig. Ausgangspunkt müsste dabei die Vielfalt der Wohn- und Lebenssituation vor allem hochaltriger Menschen sein, damit die Schnittstellen unterschiedlichster bestehender (und fehlender) Angebote verbessert werden können.

Diese Sichtweise umfasst sowohl die Bedeutung von Wohnraum- und Mobilitätsoptionen als auch die Vielfalt der geforderten Akteure. Neben Wohneigentümern und Bewirtschaftern sind dies auch eine Vielzahl professioneller und freiwilliger Dienstleistungsanbieter für diese Zielgruppe. Noch zu oft pflegen sie ihre eigenen Gärtchen, anstatt Vernetzung und Kommunikation ins Zentrum zu stellen. Auch die öffentliche Hand ist gefordert. Erschliessungen und Gebäudezugänge im öffentlichen Raum sind oft ein Problem. Kommunale Altersbetreuung und –politik darf sich nicht länger primär der Planung von Pflegebetten, Alterswohnungen und Spitexdiensten widmen, sondern müsste sich der vernetzenden Planung stellen. Eine sozial- und volkswirtschaftliche Herausforderung, welche auch eine zugegebenermassen komplizierte, jedoch dringlich notwendige Gesamtkostenrechnung umfassen müsste.



Link zum Thema
  Zuhause alt werden – Wohnungswirtschaft ist gefordert



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