• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Zeitvorsorge

Die neue "4. Säule" für die Altersvorsorge?  
Von Carsten Niebergall  
Zeitvorsorge. Die neue „4. Säule“ für die Altersvorsorge?
Bahnhofsuhr Aarau
© Careum Weiterbildung
Vitale und rüstige Menschen im 3. Lebensabschnitt sollen hochbetagten und gebrechlichen Menschen im 4. Lebensalter helfen. Dafür erhalten diese Zeitgutschriften, eine konjunkturunabhängige Währung, die sie dann später selber einlösen können, wenn ein Pflege- oder Hilfebedarf eintritt.


Diese Idee klingt einfach und ist auf den ersten Blick bestechend, enthält Chancen und Risiken. Der ehemalige Bundesrat Pascal Couchepin lancierte die "Zeittauschbörse", weil er auch die Solidarität zwischen den Generationen fördern und gleichzeitig die Kosten der demographischen Alterung abfedern wollte im Sinne von "ambulant vor stationär".

Zeitgutschriften

Die Idee der „Time Dollars“ wurde erstmals von Edgar S. Cahn in den USA (Florida) zu Beginn der 1980er Jahre umgesetzt. Die Zeitgutschrift (Time Dollar) ist die fundamentale Tausch- und Verrechnungseinheit im Rahmen einer Zeitbank und entspricht dem Arbeitseinsatz einer Person von einer Stunde. In traditionellen Zeitbanken entspricht eine Stunde Arbeit einer Person einer Stunde Arbeit einer anderen Person. Zeitgutschriften werden erworben, indem Arbeitsdienste geleistet werden. Sie werden ausgegeben, indem Dienstleistungen „konsumiert“ werden. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Zeitverlauf keiner Ab- oder Aufwertungen unterworfen sind. Bei den Zeitgutschriften handelt es sich demnach um eine inflationsfreie Alternativwährung.

Eine Stunde Arbeit im Rahmen eines Zeitgutschriftensystems heute entspricht einer Stunde Arbeit in 20 Jahren. Ein weiteres Merkmal von Zeitgutschriften besteht darin, dass Zeitguthaben keine Zinserträge abwerfen. Zeitgutschriftensysteme sind in der Regel von den Steuern befreit, wobei die Steuerbefreiung nicht in direktem Zusammenhang mit der Art der Währung, sondern mit der Natur des Tausches (nicht-gewerblicher Charakter) steht. Mit dem Begriff der «nicht-zeitgleichen» Zeitgutschriftensysteme wird darauf hingewiesen, dass die Leistungserbringung und der Leistungsbezug nicht in die gleiche zeitliche Periode fallen. (Vgl. BASS-Studie Bern 2008, S. 3f.)

Ziele von Zeitgutschriften

Mit der Idee des Zeitgutschriftensystems sind drei hauptsächliche Ziele verknüpft, die in Zusammenhang mit der demographischen Alterung und Langlebigkeit in den nächsten Jahrzehnten stehen:
  1. Deckung des erhöhten Bedarfs an Betreuungs-und Pflegeleistungen aufgrund der steigenden Anzahl betreuungs- und pflegebedürftiger Menschen
  2. Eindämmung der zu erwartenden Kostensteigerung bei der Betreuung und Pflege älterer Menschen
  3. Gesellschaftliche Wertschätzung und Nutzung des Zeitpotentials älterer Menschen.


  Careum Weiterbildung bietet am 20. Februar 2014 eine Abendveranstaltung zum Thema «Zeitvorsorge» an. Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.  


Kritik an Monetarisierung

Das Interesse an den Zeitvorsorge-Modellen in der Schweiz ist gross und wird auch kritisch diskutiert: Sollen der Staat, die Kantone oder die Gemeinden in funktionierende freiwillige soziale Unterstützungssysteme eingreifen und z.B. die bisher geleistete freiwillige Nachbarschaftshilfe durch Zeitgutschriften honorieren oder sogar finanzielle Garantieleistungen aussprechen. Das bisherige System der Freiwilligenarbeit, das auf nicht-monetären Grundlagen beruht, wird ergänzt oder in manchen Fällen sogar ersetzt durch ein in die Zukunft gerichtetes Abgeltungssystem. Entsteht daraus nicht eine neue Zeit-Währung - und findet nicht eine Monetarisierung dessen statt, was im Kern nicht monetarisiert werden darf, nämlich die intrinsische Motivation zur Freiwilligenarbeit? Es wird ein Zeitguthaben angespart, auf das der Zeitvorsorger im Falle von Pflege- oder Betreuungsbedürftigkeit zurückgreifen kann. Dazu wird eine komplexe Administration benötigt mit finanziellen Garantieversprechen über einen sehr langen Zeitraum. Hier setzt dann auch die Kritik an von neoliberaler Seite:

"Damit das System die Erwartungen erfüllt, muss vieles stimmen; ein komplexes, konkretes Matching muss sich einstellen. Man sollte sich durch die homogene Rechnungseinheit ‚Stunde‘ nicht irreführen lassen. Genau wie ein Liter Süssmost nicht gleich einem Liter Champagner ist, sind auch Dienstleistungsstunden nicht gleich Dienstleistungsstunden. Ja, Dienstleistungsstunden sind noch heterogener als die Liter der verschiedenen Flüssigkeiten, da sie sich nicht lagern lassen. Ein heute nicht getrunkener Liter Champagner ist morgen immer noch ein Liter Champagner, aber eine heute nicht nachgefragte Dienstleistungsstunde kann nicht auf morgen aufgespart werden" (Prof. Jörg Baumberger, Uni St. Gallen).

Der Präsident und Ökonom der Stiftung Zeitvorsorge in St. Gallen, Dr. Reinhold Harringer, entgegnet dieser Position: "Diese übersieht, dass sich diese Probleme in reinen Freiwilligensystemen in genau gleicher Weise stellen. Gerade um diese praktischen Herausforderungen zu lösen, wird in St. Gallen grosses Gewicht auf die Zusammenarbeit mit den bereits im Altersbereich aktiven Organisationen gelegt."

Umsetzung

Trotz aller kritischen Einwände und Diskussionen haben sich verschiedene Initiativen und Genossenschaften auf den Weg gemacht, um eine geldfreie vierte Säule der Altersvorsorge aufzubauen. In der Gemeinde Sarnen und neu auch in Luzern geht man bottom-up vor durch den Verein KISS (Motto: Keep it small und simpel), der genossenschaftlich organisiert ist. Die Gemeinde Sarnen hat erkannt, dass durch die neue Pflegefinanzierung hohe Kosten auf sie zukommen werden und unterstützt das Projekt Zeitvorsorge in Form einer Anschubfinanzierung. Auch der Kanton Aargau prüft nun nach einem politischen Vorstoss eine Realisierung.


Nachtrag:
Pilotprojekt "Zeitvorsorge" wird nicht umgesetzt

Mit einer Medienmitteilung im Februar 2015 wurde informiert, dass der Kanton Aargau nach eingehender Prüfung der erarbeiteten Grundlagen von der Umsetzung des skizzierten Pilotprojekts "Zeitvorsorge" absieht.

www.srf.ch/news/regional/aargau-solothurn/aargauer-regierung-stoppt-projekt-zeitvorsorge
 
Radiosendung SRF-1 zum Thema:

 
Ende der
Freiwilligen Arbeit?


Sendung vom 16.1.2014 - 20:03 Uhr
Ende der Freiwilligen Arbeit?
 
 
Links zum Thema:
       
 
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