• Dienstag, 27.06.2017
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ALTERSTHEMEN

Wohnformen älterer Frauen.

Tatsachen, Erwartungen und Perspektiven
Von Margrit Hugentobler
Wohnformen älterer Frauen - Tatsachen, Erwartungen und Perspektiven.
©jd.photodesign - de.fotolia.com
Dazu gehören Familiengeschichte, Beruf, Einkommen, soziale Kontakte und allen voran individuelle Präferenzen und Wünsche betreffend Lebens- und Alltagsgestaltung. Auch Brüche in der eigenen Biographie gehören dazu wie beispielsweise Verluste und – meist erst im höheren und hohen Alter – mögliche gesundheitliche Einschränkungen.

Wie wohnen Frauen im höheren Alter – heute

Zuhause alt werden, "ambulant vor stationär" – oder "ageing in place" – so lautet das Credo der Altersleitbilder vieler Gemeinden, die sich auf die Zunahme des Anteils an hochaltrigen Menschen in den kommenden Jahrzehnten vorbereiten. Sie rüsten sich mit "hardware", d.h. der Bereitstellung von Alterswohnungen, Alters- und Pflegeheimplätzen. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Sie muss durch eine Vielzahl von mittel- und langfristiger Massnahmen, welche vielerlei Akteure involvieren, ergänzt werden.

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Erkundet man die Wohn- und Lebens- situation der heutigen Frauengeneration im höheren Alter ab 80 Jahren, zeigt sich ein vielfältiges Bild. Die meisten möchten möglichst lange in der vertrauten eigenen Wohnung bleiben. Paare unterstützen sich nach Möglichkeit gegenseitig. Auch verwitwete, geschiedene oder alleinstehende Frauen bleiben häufig in ihrer langjährigen Wohnung. Diese Wohnungen sind oft preisgünstig, aber nur selten hindernisfrei. Gesundheitliche Einschränkungen variieren stark. Viele Frauen finden kreative Wege, die grösseren und kleineren Hindernisse im Alltag zu überwinden. Zentral für die meisten sind jedoch Angehörige, allen voran Töchter und Söhne, als Ansprechpartner für Fragen der Gesundheit, des Einkaufens, der sozialen Kontakte oder als Vermittler von professionellen Dienstleistungen. Freiwillige, Nachbarn, langjährige Freunde und Freundinnen erweitern das soziale Netz.

Wer vorsorglich in eine Alterssiedlung umgezogen ist, hat meist erleichterten Zugang zu Unterstützungsangeboten wie beispielweise eine Notrufeinrichtung, Mittagstisch, soziale Aktivitäten – und anderes mehr. Um das wahrscheinlich wichtigste gesundheitlich/pflegerische Angebot der Spitex-Dienste zu nutzen, sind ältere Menschen nicht auf eine spezifische Wohnung angewiesen.

Ein Blick in die Zukunft

Wie werden sich die Wohnweisen der Frauen verändern, die in 15 bis 20 Jahren im höheren und hohen Alter sein werden – die Generation, die heute als "Babyboomer" bezeichnet wird? Anzunehmen ist, dass die grundlegenden Bedürfnisse älterer und hochaltriger Menschen auch in 20 oder 30 Jahren dieselben sein werden wie heute: grösstmögliches physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Dieses umfasst Sicherheit und Geborgenheit, soziale Kontakte und Netzwerke, Hilfe und Unterstützung bei gesundheitlichen Problemen und Mobilitätseinschränkungen. Wichtig sind aber auch grösstmögliche Selbständigkeit und Autonomie in der Alltagsgestaltung.

Und doch hat sich gegenüber früheren Jahrzehnten einiges geändert. Wichtige Entwicklungen der letzten Jahre eröffnen neue Perspektiven für die zukünftige Generation 80+, um "ageing in place" möglich zu machen. Die folgenden Szenarien zeigen Potentiale, aber auch Handlungsbedarf auf.

Frauen der "Babyboomer"-Generation verfügen vermehrt über:

  • Einen höheren Bildungsgrad als ihre Mütter; sie sind damit meist auch finanziell unabhängiger. Der Anteil an Geschiedenen, Allein- oder in neuen sozialen Arrangements Lebenden wird um einiges höher sein. Viele von ihnen haben keine oder nicht in der Nähe wohnende Kinder. Diese Lücken können professionelle Dienstleister alleine nicht füllen. Nachbarschaftlich vernetzte Quartiere und informelle soziale und freundschaftliche Beziehungen werden vermehrt eine tragende Basis bilden.
  • Zugang zu neuen Informationstechnologien und Formen der Vernetzung. Auch bei eingeschränkter Mobilität können soziale Kontakte rund um die Welt via E-Mail, Skype und Social media-Plattformen gepflegt werden. Diese technologischen Möglichkeiten erleichtern zudem den Zugang zu professionellen Dienst- und Serviceleistungen oder zu freiwilliger Hilfe, nachbarschaftlichen Aktivitäten usw. Wer diese neuen Kommunikationskanäle aus verschiedenen Gründen nicht nutzen kann, stützt sich auf eine neue Art von Vermittlungsnetzwerken.
  • Eine breite Palette von Wohnangeboten unterschiedlichster Art. Wer das geliebte, aber barrierenreiche Einfamilienhaus mit dem grossen Garten aufgeben möchte, findet eine geeignete, altersgerechte Eigentums- oder eine Mietwohnung. Wer seit Jahren in einem oberen Stockwerk ohne Lift wohnt, kann innerhalb der Siedlung in eines der altersgerecht renovierten Häuser mit Lift umziehen, ohne die vertraute Nachbarschaft und die nahen Einkaufsmöglichkeiten zu verlieren. In Härtefällen unterstützt die Liegenschaftsverwaltung die Suche nach geeignetem neuem Wohnraum.
  • Ein plötzlicher Sturz oder ein anderes gesundheitliches Ereignis führen nicht mehr zum ungewollten Übertritt in ein Pflegeheim. Eine Rückkehr in die eigene Wohnung oder auch in eine dezentrale betreute Pflegegruppe in der früheren Wohnsiedlung ist eine von mehreren Optionen. Dieses Angebot kann auch genutzt werden, wenn die Partnerin oder der Partner in der Wohnung bleiben will, die Unterstützung und Pflege aber die eigenen Kräfte überfordert.


Eine Utopie? Das gibt es doch (noch) gar nicht! Wo sind diese nachbarschaftlichen sozialen Netzwerke, wo gibt es solche Wohnoptionen und Liegenschaftsverwaltungen, die nicht nur Wohnungen an möglichst zahlungskräftige, unproblematische (und gewiss nicht hochaltrige) Mieterinnen und Mieter vermieten wollen, sondern eine Art Sozialmanagement als Teil ihres Kerngeschäfts betrachten? Doch, es gibt sie, allerdings erst in Ansätzen der Quartier- und Siedlungsentwicklung. Es gibt sie auch in neueren Mehrgenerationen-Wohnprojekten und in den Bau- und Bewirtschaftungsstrategien einzelner Wohnbaugenossenschaften. Ein winziger, mutiger Anfang ist gemacht. Ihm gegenüber steht ein grosser Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen. Ihn anzupacken gehört zu den dringlichen Aufgaben einer alternden Gesellschaft.


Literaturhinweise

  • Älter werden und autonom wohnen. Ein Leitfaden für Frauen, Gemeinden und Liegenschaftsverwaltungen. (Hrsg.) Zürcher Frauenzentrale und Age Stiftung. 2013. www.age-stiftung.ch
  • Margrit Hugentobler/Elke Wurster: Zuhause alt werden. Zur Umsetzung von "ambulant vor stationär" am Beispiel der Alterspolitik in Schaffhausen. Im Fokus 01, (Hrsg.) ETH Wohnforum – ETH CASE, 2013. www.wohnforum.arch.ethz.ch

[Quelle: „Impulse“ 2014. Feminisierung des Alters, S. 12-13. Mit einem Dank für die Genehmigung des Abdrucks an die Tertianum Gruppe]


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