• Samstag, 18.11.2017
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WOHNFORMEN

Wohneigentum und Demographie

Zu wenig altersgerechte Wohnungen in Landgemeinden  
Von Ingrid Rappl und Andreas Bröhl  
  Wohneigentum und Demographie
© TERTIANUM
Die Wohnbedürfnisse ändern sich im Laufe eines Lebens. Während die junge Familie von einem Einfamilienhaus mit Umschwung träumt, ist das eigene Haus für das ältere Paar nach der Familienphase möglicherweise zur Belastung geworden.


Auch wenn die Hypothek das Haushaltsbudget kaum noch beeinträchtigt, braucht es doch ein grosses Engagement zur Pflege von Haus und Garten. Das geht auf Kosten der Zeit, die man vielleicht lieber für Reisen, die Pflege von Freundschaften und Kultur nutzen würde. Ein Umzug in eine kleinere Wohnung hat also durchaus Vorteile, und zwar nicht nur für die bisherigen Hausbesitzer, sondern auch für die nachfolgende Generation, die sich damit ihre Platzbedürfnisse besser erfüllen kann.

Viel Wohnraum im Eigenheim

Dass der Generationenwechsel eher spät stattfindet, zeigt die Studie «Kanton Zürich in Zahlen 2011»¹. Die 53 Quadratmeter Wohnfläche, die von den Bewohnern von Einfamilienhäusern im Kanton Zürich durchschnittlich belegt wird, steigt mit dem Alter der Bewohner rasant an. Mit 55 Jahren stehen im Mittel bereits 60 Quadratmeter zur Verfügung, und ab 60 Jahren sind es mehr als 70 Quadratmeter. Viele ältere Hausbesitzer bleiben offensichtlich möglichst lange in ihrem Einfamilienhaus, was in Anbetracht der heute hohen Lebenserwartung bei guter Gesundheit verständlich ist.

Ländliche Gemeinden besonders betroffen

Die eine Grafik zeigt für die Gemeinden im Kanton Zürich den Anteil älterer Personen, die in einem Einfamilienhaus wohnen. Diese Werte wurden aus Hektardaten geschätzt und auf die Gemeinden hochgerechnet. Die Altersgrenze wurde bewusst tief gewählt, um einen Ausblick auf die Entwicklung der nächsten Jahre zu ermöglichen. In den dunkelblau eingefärbten Gemeinden sind gemäss den Schätzungen mehr als 16 % der Bewohner 55-jährig oder älter und wohnen in einem Einfamilienhaus. Hier stehen also relativ viele Haushalte bereits heute oder demnächst vor der Entscheidung, ihre Wohnsituation den veränderten Familienverhältnissen anzupassen. Die am stärksten betroffenen Gemeinden aus dem Bezirk Andelfingen, dem ländlichen Umland von Winterthur und Bülach sind in der nachfolgenden Tabelle aufgelistet. Vor allem hier dürfte in den nächsten Jahren ein grösseres Interesse von älteren Paaren und Singles nach geeignetem Wohnraum bestehen

  Gemeinden mit mehr als 17 % älteren Personen im Einfamilienhaus  
 
Gemeinde Anteil EFH am
Wohnungsbestand
Anteil Personen
≥55 Jahre
Anteil Personen
≥55 Jahre im EFH
Dinhard 58% 32% 23%
Trüllikon 44% 35% 21%
Altikon 47% 33% 21%
Humlikon 57% 31% 21%
Wasterkingen 54% 31% 20%
Laufen-Uhwiesen 50% 31% 20%
Wil (ZH) 48% 31% 19%
Adlikon 44% 31% 19%
Berg am Irchel 62% 32% 19%
Oberstammheim 47% 31% 19%
Unterstammheim 47% 27% 18%
Hüttikon 55% 29% 18%
 

Umzugsbereitschaft vorhanden

Gefragt ist also attraktiver Wohnraum für die ältere Bevölkerung. Schliesslich ist es nur ein Vorurteil, dass es den älteren Hausbesitzern grundsätzlich an der Bereitschaft für einen Umzug mangelt, wie eine kürzlich vom Kanton Zürich in Auftrag gegebene Studie² zeigt. Für die Babyboomer stellt ein Umzug keine grosse Herausforderung dar, aber auch die ältere Generation der Eigenheimbesitzer ist durchaus mobil. Beiden gemeinsam ist, dass ihre Ansprüche an die zukünftige Wohnung hoch sind.

Attraktiver Wohnraum für ältere Bewohner

Damit die neu gewonnene Freiheit vor allem nach der Pensionierung optimal genutzt werden kann, sind gut bis exklusiv ausgestattete, bedürfnisgerechte Wohnungen gefragt. Altersgerecht sind auch viele Neubauten, zudem profitieren auch jüngere Personen von Lift und hindernisfreier Bauweise. Attraktiv sind Wohnungen an zentraler Lage, denn gerade Ältere schätzen eine kurze Gehdistanz zum Dorfzentrum, das Begegnungsmöglichkeiten und ausserdem Läden, Arztpraxen und einen Zugang zum öffentlichen Verkehr bietet. Wichtig ist zudem, dass die Wohnungen in Nähe des jetzigen Wohnorts liegen, denn gerade ältere Umzugswillige legen Wert darauf, durch einen Wohnungswechsel nicht aus ihrem vertrauten sozialen Umfeld gerissen zu werden.


Nachfrage versus Angebot

Wohnraum am falschen Ort

Wie gut ist nun das Angebot an altersgerechten Wohnungen? Die andere Grafik zeigt den Anteil neuerer 2- bis 3,5-Zimmer-Wohnungen. Wie man erkennt, bestehen gerade in den oben erwähnten Gemeinden mit einer potenziell hohen Nachfrage von Hausbesitzern kaum Neubauten mit kleineren Wohnungen. Offensichtlich werden in der Nähe von älteren Einfamilienhäusern eher weitere neue Einfamilienhäuser oder grössere Familienwohnungen gebaut. So haben die älteren Hausbesitzer kaum eine Möglichkeit, ihren nicht mehr benötigten Wohnraum freizugeben und sich umzuorientieren, sofern sie in ihrer Gemeinde bleiben möchten. Eine Analyse der Baubewilligungen von Alterswohnungen der letzten Jahre bestätigt dieses Bild. Spezielle Angebote für Ältere gibt es in den Ballungszentren, in und um Zürich, Winterthur und auch am rechten Zürichseeufer, jedoch nicht da, wo die meisten betroffenen Personen zurzeit wohnen. So verwundert es nicht, dass es den Hausbesitzern bislang schwerfällt, nach Änderung der Familiensituation umzuziehen. Wie man sieht, treffen Angebot und Nachfrage räumlich nicht zusammen. Wohnungen für ältere Paare und Singles entstehen in den Ballungsräumen und nicht in den ländlichen Gebieten mit hohem Einfamilienhausanteil. Dabei könnte gerade dort durch mehr wohnliche Vielfalt die Verdichtung gefördert und die weitere Zersiedelung gebremst werden.


 
¹ Herausgegeben vom Statistischen Amt des Kantons Zürich in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank, Mai 2012.
² Wohnbedürfnisse und Wohnmobilität im Alter – Heute und in Zukunft, DieBabyboomer und ältere Generation im Fokus, Auftraggeber: Kanton Zürich, Amt für Raumentwicklung, von: Zimraum Raum + Gesellschaft, Oktober 2012.
 



 
 
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