• Dienstag, 25.07.2017
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ALTERSTHEMEN

Wohlbefinden bei Demenz

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Wohlbefinden bei Demenz
© dcmnederland.nl
Wohlbefinden ist die Schlüsselkategorie in der Pflege von Demenzpatienten. Oft wird die Qualität der Pflege an äusseren Gegebenheiten festgemacht: an der Architektur, am Milieu, an der Kompetenz des Personals oder an der Subtilität der Dokumentation. Die Dokumentation sagt allerdings manchmal mehr über die verbalen Kompetenzen der Mitarbeitenden als etwas über den Kranken aus, mehr über die Prioritäten des Teams als über die tatsächliche Qualität. Häufig sind auch Zweifel an Befragungen angebracht, da sie mit reduzierten Erwartungen der Sachlage gegenübertreten. Die Pflege, ihr Alltag und ihre Möglichkeiten, sollten immer von dem Bewusstsein getragen werden, dass der Andere und seine gesamte Biographie bei Demenzerkrankung zur Diskussion stehen.

DCM

DCM ist ein Instrument für eine entwicklungsbezogene Evaluation einer Pflegeeinrichtung. Dieses Verfahren verfolgt einen personenzentrierten Ansatz mit der Biographie als Spiegel der Person, also die Individualität der an Demenz erkrankten Person zu sehen, jenseits der Diagnose. Die Erhaltung der Personalität ist dabei vorrangiges Ziel. Dazu bedarf es eines angemessenen Milieus, einer kompetenten Begleitung, einer optimalen Pflegeplanung und Pflegepraxis sowie der regelmässigen Qualitätsprüfung.

Mapping

Mapping gleicht einem teilnehmenden Beobachten im öffentlichen Raum einer Pflegestation und dem Erstellen einer „Landkarte“ von Ausdruckshandlungen an Demenz leidender Personen, wobei Pflege als Beziehungsarbeit verstanden wird. Ein Mapper beobachtet, schätzt und bewertet. Bis maximal 8 Personen werden mindestens 6 Stunden beobachtet, dabei werden ihre Aktivitäten aufgezeichnet und an Indikatoren des Wohlbefindens gemessen. Weiterhin wird alle 5 Minuten etwas Signifikantes im Verhalten des Patienten protokolliert. Alle Informationen werden an das Pflegeteam weitergegeben. Das subjektive Einschätzungsverfahren gewinnt anhand von Verhaltenskategorien eine gewisse Verlässlichkeit und garantiert Orientierung. Was ist aufgefallen? Welche Anzeichen und Affekte sind signifikant hervorgetreten? Da bei Demenz keine Verstellung zu erwarten ist, ist die Reliabilität des Verfahrens zumindest in dieser Hinsicht gewährleistet.
Dreieck des DCM's
Wohlfühl-Werte (dazu gibt es sehr detaillierte Listen in der einschlägigen Literatur) werden angerechnet und in die Gesamtbilanz einbezogen. Als Negativ-Wert wird z.B. bei sozialer Degeneration eine länger als 30 Minuten dauernde Phase ohne Kontaktaufnahme und ohne Intervention gesehen (Selbstintervention schwindet bei Demenz).

Die Datenanalyse zur Einschätzung der Pflegeumgebung soll verhindern, dass es zu einer „Entmächtigung des Menschen durch die Rituale der Organisation“ kommt (so Christian Müller-Hergl, dem wir wichtige Einsichten zu diesem Thema verdanken). Demenz wird von beiden Seiten geprägt und unter Umständen gesteigert und durch Abwehr zu einem leidvollen Beziehungsdrama.

Grenzen des Verfahrens

DCM ist nur bei leichter und mittlerer, jedoch nicht bei schwerer Demenz anwendbar. Es ist ein Verfahren der kleinen Schritte und keine Erlösungsvision. Bedürfnisse sollen besser erkannt, die Kompetenzen des Kranken gefördert, seine Anerkennung durch eine gesteigerte Wahrnehmungsfunktion und Interaktion auch indirekt ausgedrückt werden. Pflegedienst muss kreativ sein. Dazu will DCM verhelfen.

Veränderung aller Parameter

Bei Demenz kommt es zu einer Umwälzung aller Parameter des bisherigen Lebens. Als eigentliches Schicksal wird die drohende Abhängigkeit empfunden: Die existentielle Abhängigkeit des Kindes kehrt wieder und wird vom Gefühl des Verlustes und dem der Scham begleitet sowie als Selbstentfremdung wahrgenommen. Dazu kommen der Sinn- und Orientierungsverlust. Die Konstruktionen von Welt und Ich werden allmählich aufgelöst, ein episodisches Gedächtnis zerbricht die Kontinuität des Ich, Urängste werden aktualisiert.

Beim Pflegepersonal wird ebenfalls die Erinnerung an die eigene Erfahrung der Abhängigkeit in die Struktur der Person eingeschrieben, so dass diese Erfahrung perpetuiert wird: Selbsterfahrung wird projiziert in das multiple Drama der Abhängigkeiten, das der Entwirrung bedarf. Auch hier bietet DCM Hilfen an. Wohlbefinden ist das Pflegeziel. Dazu zählt das Gefühl, etwas wert zu sein, etwas tun zu können, Kontakte sowie Hoffnung und Vertrauen zu haben.

DCM ist letztlich ein Prozess des Verstehens, in dem Urteile abgegeben werden, die innerhalb eines geregelten Verfahrens und in Abstimmung mit Anderen gewonnen werden. Dies führt zu einer Reduktion von Subjektivität beim Verstehen und bei der Interpretation der Zeichen und Ausdruckshandlungen. Schliesslich ist in der Pflege besonders die Situation von Menschen zu beachten, die nicht mehr in der Lage sind, sich überhaupt artikulieren zu können.


Literaturhinweis:
  • Tom Kitwood: Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen, Bern 2008 (6. Auflage Huber Verlag, Bern 2013).


Links/Quellen:
  • www.dcm-deutschland.de
  • www.brad.ac.uk/health/dementia/DementiaCareMapping


Video zum Thema




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