• Dienstag, 26.09.2017
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Wissen oder Kompetenzen?

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Von Willy Burgermeister
Wissen oder Kompetenzen?
© wikimedia.org
56% der Eltern meinen, dass es mühseliger geworden sei, Kinder zu erziehen. Selbstentfaltung und Willensfreiheit prägten das Leitbild und den Geist jener Eltern, die heute ihre eigenen Kinder zur Schule schicken. Nun zeichnet sich aber ab, dass sie für ihre eigenen Kinder etwas anderes anstreben, nämlich eine Rückbesinnung auf konservative Werte. Als wichtigstes Erziehungsziel geben 89% Höflichkeit und gutes Benehmen an. Es folgen Verantwortungsbewusstsein (85%), Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit (84%), Durchhaltevermögen, Hilfsbereitschaft und Selbstbewusstsein (je 79%). Neugier und Wissensdurst bringen es auf 54%.

Ich glaube, dass eine Umfrage bei uns in der Schweiz zu sehr ähnlichen Ergebnissen führen würde. Lassen wir uns alle diese Erziehungsziele nüchtern durch den Kopf gehen, fällt es uns wie Schuppen von den Augen, in welch Kräfte zermürbendem Spannungsverhältnis sich die Lehrerinnen und Lehrer bewegen.

Kompetenzorientierung statt Wissen

In immer mehr Schulen in Deutschland gilt die so genannte Kompetenzorientierung als ultimative Pädagogik. Das bedeutet doch in der letzten Konsequenz, Schüler sollen kein altmodisches Wissen mehr erarbeiten, sondern sich Kompetenzen aneignen. Der Darmstädter Professor für Pädagogik Peter Euler erfand dafür den schönen Begriff „Fassadenkompetenz“. Mit ihrer profunden „Kompetenz-statt-Wissen-Ausbildung“ zählen die Schüler, so Euler, allerdings nicht zur Avantgarde, eher zum gesellschaftlichen Mainstream.

Ich frage mich deshalb, ob es nicht geschickter oder gar klüger wäre, uns mehr an folgender Devise zu orientieren: Lernen soll vom Staunen zum Verstehen führen. Nur weil heute in jedem Haushalt ein Computer steht, muss das klassische Schreiben nicht verschwinden. Es hilft sogar beim Denken. Wir lernen ja auch laufen, obwohl wir mehr Kilometer mit dem Auto zurücklegen.

Wir müssen uns fragen: Sind wir gewappnet auf eine Zeit mit weniger Arbeit? Wo steht die Schweiz in 10, 20 oder 30 Jahren? Was hat es zu bedeuten, wenn Mensch und Maschine immer mehr verschmelzen? Überall in der industrialisierten Welt, also auch in der Schweiz, wird die Arbeitslosigkeit steigen, und die Löhne werden stagnieren, wenn nicht gar fallen. Schaffen wir es doch, mit immer weniger Ressourcen immer effizienter zu wirtschaften. Viele Eltern spüren, dass sie ihren Kindern nicht mehr einfach versprechen dürfen, sie würden es einmal besser haben. Digital vernetzte Strukturen dringen immer tiefer in alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Schichten ein und krempeln unsere Art zu leben grundlegend um. Und was passiert eigentlich mit den Millionen Menschen, die ihren Job durch Roboter verlieren?

Schlussfolgerungen

Erziehung ist und bleibt die Aufgabe aller Eltern und darf nicht mit der Schule vermengt oder ihr gar aufgebürdet werden. Die Schule wird sich darauf konzentrieren müssen, ihre Schüler so auszubilden, dass sie sich in der „neuen Normalität“ äusserst schwieriger Arbeitsverhältnisse zurecht finden können. Dazu gehört ein grundsolides Wissen in Mathematik, Lesen, Schreiben und Fremdsprachen. Schüler, die sich in dieses Grundwissen nicht einspannen lassen, werden wahrscheinlich die Qualifikationen nie erreichen, die es braucht, um sich in dieser neuen Welt erfolgreich durchzusetzen.



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