• Sonntag, 23.04.2017
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PERSPEKTIVEN

Wir bitten zum Tanz…

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Von Helmut Bachmaier
Wir bitten zum Tanz…
© en.wikipedia.org
Ein Tanz am Sonntagnachmittag oder am Abend ist meist mit einigen Vorbereitungen verbunden. Man kleidet sich eigens dafür an, denkt an die gewünschte Partnerin oder an den möglichen Partner, erwartet musikalische Nummern, die Erinnerungen auslösen oder dem Tanzbein einen bestimmten Rhythmus vorgeben – und dann kommt das eigentliche Erlebnis, eine ganz eigene Choreographie der Bewegung. Richtige Tänzer sind mit Herz und Seele bei der Sache. Und sie wissen, dass der Tanz, gerade auch im fortgeschrittenen Alter,
Standardtanz Standardtanz
positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat.

Strukturierte Bewegung

Die Bewegung selbst ist zunächst das Wichtigste beim Tanzen. Dabei müssen die Beine trainiert und das Gleichgewicht beibehalten werden. Durch den Rhythmus der Tanzschritte beim Walzer oder gar beim Tango wird die Bewegung strukturiert. Eine stabile Körperhaltung ist notwendig. Die Bewegung im musikalischen Rhythmus sorgt für eine heitere Stimmung, eben weil die Tänzer sich beschwingt fühlen. Allein dies sind schon erfreuliche Wirkungen des Tanzes.

Nähe und Berührung

Physische und psychische Wirkungen werden noch ergänzt durch den direkten Kontakt zu einem anderen Menschen, mag dieser nun einem nahe oder ferner stehen. Eine gewisse Nähe wird bei Standardtänzen durchaus erwartet, – und es wird nicht wie in früheren Zeiten beim Walzer (der Walzer wurde anfangs als ausschweifend und sogar „unzüchtig“ getadelt) als unschicklich empfunden. Deshalb die Huldigung des Lyrikers Detlev von Liliencron: „König der Tänze, dem Höchsten, Geringsten, Sommers, am Herbsttag, im Winter, zu Pfingsten, Walzer, bist du.“ Schliesslich ist der Tango ein dynamisches Liebesspiel entzückter Körper oder ein erotischer Kampf: „Tango sagt nicht ‚Liebe mich’, sondern ‘kämpfe mit mir, oder gegen mich’“ (Ramón Regueira).
Tango Argentino, Buenos Aires
Tango Argentino, Buenos Aires © pixabay.com  
Seltsamerweise tanzen heute junge Menschen miteinander auf Distanz als hätten sie Angst vor Berührung. Das führt dazu, dass eigentlich jeder nur für sich, vor sich hin tanzt und seine eigenen, beliebigen Bewegungen ausführt. Beim Tanzen zu führen oder geführt zu werden, den Kontakt zu spüren, sich zusammen zu drehen, zusammen „walzen“ – das ist aber eine gute Medizin gegen die Einsamkeit.

Ausserdem kann der Tanz den Tag verherrlichen, wie es Goethe in seinem „Wechsellied zum Tanze“ (1.Strophe) den „Gleichgültigen“ nahe legte:

Komm' mit, o Schöne, komm' mit mir zum Tanze!
Tanzen gehöret zum festlichen Tag.
Bist du mein Schatz nicht, so kannst du es werden;
Wirst du es nimmer, so tanzen wir doch.
Komm mit, o Schöne, komm' mit mir zum Tanze!
Tanzen verherrlicht den festlichen Tag.

Tanzen und Jonglieren

Die Wirkungen des Tanzes sind vergleichbar mit denen beim Jonglieren. Mittels Jonglieren werden das Gleichgewicht, die Konzentration und Sturzvermeidung trainiert, nur macht man es alleine.

Es kann als gesichert gelten, dass Tanzen sehr positive gesundheitliche, psychische, soziale und emotionale Wirkungen hervorruft. Nicht zufällig ist der Tanz auch das Symbol des ganz lebendigen Lebens. Und geradezu metaphysisch ist die Tanz-Empfehlung, die dem Bischof von Hippo, dem Kirchenvater Augustinus, (zurecht oder fälschlicherweise) zugeschrieben wird:

Ich lobe den Tanz,
denn er befreit den Menschen
von der Schwere der Dinge,
bindet den Vereinzelten
zu Gemeinschaft.

Tanz ist Verwandlung
des Raumes, der Zeit, des Menschen
[…]

Ich lobe den Tanz.

O Mensch
lerne tanzen,
sonst wissen die Engel
im Himmel mit dir
nichts anzufangen.
Tanzen und Jonglieren

Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass der philosophische Alleszertrümmerer, Friedrich Nietzsche, wohl nur an einen Gott glauben könnte, der zu tanzen verstünde.


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