• Freitag, 24.02.2017
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ALTERSTHEMEN

Wie unsere fünf Sinne schwächer werden.

Spezielle Veränderungen im Alter
Von Reto W. Kressig
Wie unsere fünf Sinne schwächer werden - Spezielle Veränderungen im Alter.
 
Die Prävalenz (Kennzahl zur Krankheitshäufigkeit, wie häufig jemand aus einer Gruppe davon betroffen ist) für Hör- und Sehkraftminderung liegt bei 75 – 79-Jährigen zwischen 10 und 16%, bei über 90-Jährigen bei rund 55% (2, 3). (Figur 1).
Prävalenz der Hör- und Sehkraftverminderung bei 14‘000 Älteren zu Hause lebenden
E rwachsenen ab 75 Jahren.
Figur 1:
Prävalenz der Hör- und Sehkraftverminderung bei 14‘000 älteren, zu Hause lebenden
Erwachsenen, ab 75 Jahren in Grossbritannien. Definition Hörverminderung: nicht
erfüllter Flüstertest (3). Definition Sehkraftverminderung: Binokuläre(Blick beider Augen)
Sehkraft <6/18 (Snellen) (2).

Sehkraft

Die Sehkraft ist abhängig von den optischen Eigenschaften der Cornea, Pupille, Linse, Retina und dem visuellen Cortex und damit bestimmend für die Refraktionsfähigkeit, d.h. den Brechwert, mit dessen Hilfe das Auge (ohne Akkommodation) ein scharfes Bild eines in unendlicher Entfernung befindlichen Objekts erzeugt (Dioptrien), mithin das Auflösungsvermögen von visuell-räumlicher, -zeitlicher und -farblicher Information und die absolute Sensitivität.

Presbyopie (Altersweitsichtigkeit, normaler altersbedingter Funktionsverlust): Altersbedingte Veränderungen der Cornea äussern sich in einer leicht verminderten Berührungsempfindlichkeit, einer leichten Abnahme des Krümmungsradius; die Lichtdurchlässigkeit ist unverändert.

Der Brechindex der Linse nimmt um ca. 2 Dioptrien ab (ab 50). Die Linse zeigt eine verminderte Durchlässigkeit für kurzwelliges Licht (Blau). Die Linsenmatrix verhärtet sich und die Membranelastizität geht verloren. Ebenso erfährt die Ziliarmuskulatur (ringförmiger Muskel, indirekt mit der Linse verbunden und diese aktiv verformend) eine mechanische Veränderung. Aus den genannten Veränderungen resultiert eine vermehrte intra-okuläre Lichtstreuung, was zu einer verminderten räumlichen Kontrastsensitivität, vermehrter Blendempfindlichkeit und Photophobie führen kann. Der intraokulare Linsenersatz (Katarakt-Operation), Refraktionskorrektur durch eine Lesebrille oder Blendschutz mittels Sonnenbrille sind wirksame und in den meisten Fällen erfolgreiche Therapieansätze.

Eine im Alter auftretende verminderte Lichtsensitivität (Abnahme um Faktor 3) wird v. a. als Konsequenz einer altersbedingten Verkleinerung der Pupillengrösse („Altersmiose“) interpretiert. Die Dunkeladaptation wird dadurch verlangsamt (3 Minuten pro Dekade), was zu vermehrten Nachtsehproblemen führen kann (1).

Hörkraft

Presbyakusis (altersbedingter Hörverlust).

Mit zunehmendem Alter kommt es zu einem Hörverlust im Hochfrequenzbereich (Figur 2) (1).
Tonaudiogramm für Erwachsene im Alter von 30 bis 80 Jahren.
Figur 2:
Tonaudiogramm für Erwachsene im Alter von 30 bis 80 Jahren (1).

Die Presbyakusis ist eine neurosensorische Störung und hat wahrscheinlich ihren Ursprung in Funktionsveränderungen der Haarzellen in der Cochlea (Hörschnecke) oder in metabolisch-atrophischen Veränderungen des Striatums (Teil der Basalganglien, bedient neuronale Regelkreise).


Aufbau des Ohres
Aufbau des Ohres

Zum Aussenohr gehören die Ohrmuschel und der Gehörgang. Das Trommelfell grenzt das Aussenohr
vom Mittelohr ab. In letzterem befinden sich die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel.
Das Innenohr besteht aus der Gehörschnecke (Cochlea) und den Bogengängen. Es ist anders als
Aussen- und Mittelohr flüssigkeitsgefüllt.


Daraus resultierende Konsequenzen für ältere Menschen sind primär psycho-sozialer Genese: Kommunikationsprobleme, Missverständnisse und die daraus entstehende Entwicklung paranoider Persönlichkeitsstörungen, die ihrerseits zu Vereinsamung und Verlust der Unabhängigkeit führen können.

Als therapeutische Ansätze bieten sich heute kleinste und z. T. technologisch hochentwickelte Hörhilfen an. In der Kommunikation mit älteren Menschen soll, wenn möglich, mit tiefer Stimme und mit visuellem Kontakt (Ablesen der Lippen) gesprochen werden. Hintergrundgeräusche sollen bei einer Kommunikation, wenn immer möglich, minimiert oder total ausgeschaltet werden.

Geschmacksinn

Eine Verminderung des Geschmacksinns ist im Alter häufig und kann zusätzlich durch Medikamenteneinnahme und/oder Rauchen verstärkt sein. So liegt im Alter die Erkennungsschwelle für Salziges rund 11x höher, die Schwelle für Bitteres rund 7x höher als bei jungen Probanden (Figur 3) (4). Die intrinsischen Gründe für die Geschmackssinnverminderung im Alter liegen in einem bis zu 50% betragenden Verlust an Geschmackspapillen (Zungenwärzchen mit Geschmacksknospen) über die Lebensspanne, aber auch in Veränderungen der Zungenstruktur sowie einem Innervationsverlust/-dysfunktion im Nucleus des Tractus Solitarius (kompakte Leitungsbahn im Zentralnervensystem mit Fasern für Infos u. a. aus Geschmackswahrnehmungen aus der Zunge).
Erkennungsschwelle für Salz in Wasser und Tomatensaft bei jungen und alten
Probanden
Zunge
Figur 3:
Erkennungsschwelle für Salz in Wasser und Tomatensaft bei jungen
und alten Probanden (4).

Die genannten altersassoziierten Geschmackssinnveränderungen stellen Risikofaktoren für eine Malnutrition (Unterernährung), aber auch einen fehlenden Schutz vor der Einnahme von verdorbenen Lebensmitteln dar. Für Tätigkeiten wie Koch, Sommelier, Parfumier etc. sind sie eine erhebliche Beeinträchtigung.

Geruchsinn

Der altersbedingte Verlust der Geruchsintensität kann (v. a. ab Alter 70) bis 20% betragen und betrifft Männer mehr als Frauen (Figur 4) (5).
Vermindert empfundene Geruchsintensität bei Männern mit zunehmendem Alter.
Figur 4:
Vermindert empfundene Geruchsintensität bei Männern mit zunehmendem Alter (5).


Die Diskriminationsfähigkeit (Unterscheidungsfähigkeit) zwischen verschiedenen Gerüchen ist bei Senioren über 80 Jahren bis zu 75% vermindert (Figur 5) (5).
Sich mit zunehmender Lebensdekade vermindernde Gerucherkennung für Gerüche wie Essig, Rose, Gewürznelke und Schwefel.
Figur 5:
Sich mit zunehmender Lebensdekade vermindernde Gerucherkennung für Gerüche
wie Essig, Rose, Gewürznelke und Schwefel.

Die Gründe für die Verminderung des Geruchsinnes im Alter sind schlecht verstanden. Mögliche diskutierte Faktoren sind der normale Alterungsprozess, Medikamentennebenwirkungen, Exposition zu Umgebungstoxinen während des Lebens etc. Neuroanatomisch wird ein räumlicher Organisationsverlust des olfaktorischen Epithels, ein Neuronenverlust im Bulbus olfactorius (beginnend ab 60 Jahren) sowie Defizite in höheren Nervenzentren (Demenz, Parkinson-Erkrankung) als Ursache vermutet (1).

Taktile Sensibilität

Zunehmend, ab dem 40. Lebensjahr, steigt die taktile Sensibilitätsschwelle bis zu 2-3fach an. Im Alter über 90 Jahren besteht ein dreifacher Anstieg der vibro-taktile Sensibilitätsschwelle für die Frequenz von 100 Hz. Die Sensibilität in der Grosszehe ist am meisten von dieser Verminderung betroffen (Figur 6) (7).
Vergleich der vibro-taktilen Sensiblitätsschwelle (100 Hz) zwischen jungen und alten Probanden.
Figur 6:
Vergleich der vibro-taktilen Sensiblitätsschwelle (100 Hz) zwischen jungen
und alten Probanden an oberen und unteren Extremitäten. Durch Verlust von
Mechanorezeptoren kommt es zu sensiblen Defiziten für feine Berührung,
Druck und Vibration. Der Mechanismus ist weitgehend unbekannt.


Literatur:
  1. Margrain TH, Boulton M: Sensory impairment. In Johnson ML (Editor): The Cambridge Handbook of Age and Ageing. Cambridge University Press 2005.
  2. Evans JR, Fletcher AE, Wormald RP et al.: Prevalence of visual impairment in people aged 75 and older in Britain. Results from the MRC trial of assessment and management of older people in the community. Br J Ophthalmol 2002; 86:795-800.
  3. Smeeth L, Fletcher AE, Ng ES, et al.: Reduced hearing, ownership, and use of hearing aids in elderly people in the UK--the MRC Trial of the Assessment and Management of Older People in the Community: a cross-sectional survey. Lancet 2002; 359:1466-70.
  4. Stevens JC, Cain WS.: Changes in taste and flavor in aging. Crit Rev Food Sci Nutr 1993; 33(1):27-37.
  5. Wysocki CJ, Gilbert AN.: National Geographic Smell Survey. Effects of age are heterogenous. J Gerontol B Psychol Sci Soc Sci 2001; 56:P226-33.
  6. Meisami E : Aging of the sensory system. In Timiras PS (Editor): Physiological basis of aging and geriatrics. CRC Press Inc 1994, Boca Raton Fla.


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Gemälde von Hans Makart: Tastsinn, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken (1872–1879).



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