• Sonntag, 19.11.2017
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ALTERSKULTUR

Wenn die Haut dünner wird…

Über die Verletzlichkeit älterer Menschen
Von Helmut Bachmaier
Wenn die Haut dünner wird… - Über die Verletzlichkeit älterer Menschen
© simonwijers.pixabay.com
Ein Ereignis, das jüngere und ältere Menschen in gleicher Weise betrifft, wird meist generationenspezifisch verarbeitet. Es entsteht dadurch leicht der Eindruck, dass in der Kindheit oder im Jugendalter alles schnell bewältigt, geradezu abgeschüttelt wird. Dies ist jedoch eine falsche Vorstellung, denn Kränkungen und Verluste können bereits in den frühen Jahren einen solch tiefen Eindruck hinterlassen, dass davon die ganze zukünftige Biographie geprägt wird. Aber es stimmt auch, dass viele junge Menschen die Kraft zur Bewältigung besitzen und sich in ihrem Leben neu erfinden und passend einrichten.

In der Jugend erfolgt die Prägung

Bei Jüngeren spielt dabei die soziale Lage und das kulturelle Bewusstsein der Eltern, die Beziehung zu älteren Geschwistern oder zu Grosseltern ein gewichtige Rolle, zumal wenn dieser Personenkreis einen Wert auf Bildung legt und diese zur Stabilität beitragen wird. Wenn junge Menschen in Vereinen oder Religionsgemeinschaften eingebunden sind, ermöglicht dies eine oft nachhaltige Orientierung an Werten.

Menschen werden widerstandsfähig, wenn sie gelernt haben, ihre Impulse und Bedürfnisse zu kontrollieren und wenn sie die Bedeutung von Zuverlässigkeit verstehen. Diese jüngeren, widerstandsfähigen Jahrgänge sind in der Regel anderen Menschen zugewandt, sind einfühlsam und vertrauensbereit (generalisiertes Vertrauen). Bei ihnen trifft man zumeist auf eine realistische Selbsteinschätzung und ein starkes Selbstwertgefühl, das durchaus mit der Gewissheit, von anderen akzeptiert zu werden, korrespondiert. Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ist also keine angeborene, sondern eine erlernte Fähigkeit.

Verletzlichkeit im Alter - Resilienz

Bei älteren Menschen mit vielfältigen und reichen, angenehmen und unangenehmen Erfahrungen ist die Situation komplizierter. Ihre Vulnerabillität, Verletzlichkeit oder „Verwundung“, zeigt sich durch leichte Reizbarkeit, Impulsivität, Passivität, Empathiemangel, Überwältigung bei extremer Sensibilität und Anfälligkeit für bestimmte psychische Störungen. Vulnerabilität ist ein Zeichen für einen Mangel an Resilienz.
Verletzlichkeit im Alter - Resilienz
  © resilienz-kompetenz.com   
Resilienz (lat. resilire=abprallen) ist die Kompetenz, bei Krisen auf Ressourcen zurückgreifen zu können und damit schwierige Situationen oder Probleme zu bewältigen. Es ist eine seelische Widerstandsfähigkeit, die verhindert, dass jemand an einem Widerfahrnis oder einem Konflikt zerbricht (bei Lebenskrisen, Arbeitslosigkeit, Misserfolg, Niederlagen, Krankheiten, Trennungen etc.). Ganz allgemein wird damit die Fähigkeit bezeichnet, mit alltäglichen Belastungen gut und sicher umgehen zu können (Sinnbild dafür ist das Stehaufmännchen).
Stehaufmännchen
  © palverlag.de 
Dabei gilt für resiliente Personen, dass sie selbstbewusst ihr Schicksal kreativ in die eigene Hand nehmen und Kontrolle über ihr Handeln ausüben. Starke Belastungen sind für sie Herausforderungen und keine Infragestellung ihrer Person, deshalb kennen sie das Bewusstsein der Hilflosigkeit nicht (sie fühlen sich nicht als Opfer). Sie wollen nicht nur Durchhalten, sondern eine Lösung, einen eigenen Weg aus der Krise finden und möglichst sich dabei noch weiter entwickeln. Mit einer deutlichen Selbstwirksamkeitserwartung und mit Verantwortungsgefühl treten sie für ihr Leben und Handeln ein. Intakte und stabile Beziehungen zu Mitmenschen und ein klares Wertebewusstsein helfen ihnen dabei. Schliesslich haben sie die Meinung, dass Krisen, Niederlagen und Probleme durchaus zum Leben gehören und dass diese bewältigt werden können, was durch eine optimistische Grundhaltung durchaus gefördert werden kann.

Abgrenzungen

Resilienz unterscheidet sich etwas von Salutogenese (Entstehung und Erhaltung von Gesundheit als Prozess von Wechselwirkungen der Risiko- bzw. der Schutzfaktoren), von Hardiness (Schutz vor Krankheiten bei grossen Belastungen und Lebenskrisen, wobei nicht passiv etwas erlitten wird, sondern die negativen Ursachen bearbeitet und möglichst beseitigt werden) und Coping (methodischer Umgang mit schwierigen Lebensereignissen; medizinisch: Bewältigung chronischer Krankheiten oder Behinderungen; psychotherapeutisch: Patienten befähigen, Probleme autonom erledigen zu können).

Chancen

Heute gibt es vielfältige Angebote und Gelegenheiten, um die Widerstandsfähigkeit zu steigern – etwa durch Meditation, Selbstreflexion oder besondere Techniken. Diese Möglichkeiten müssen aber in Anspruch genommen oder ergriffen werden. Entscheidend ist dabei die Gewissheit, dass man die Chance hat, eine Lösung für eine Krise oder für einen Konflikt zu finden. Diese Gewissheit muss vorhanden sein oder vermittelt werden, denn ein entsprechendes Bewusstsein ist die Voraussetzung für eine stabile Widerstandsfähigkeit.


Literaturhinweis
  • Klaus Fröhlich-Gildhoff, Maike Rönnau-Böse: Resilienz. München 2009.
  • Christa Diegelmann, Margarete Isermann (unter Mitarbeit v. Gerald Hüther): Kraft in der Krise - Ressourcen gegen die Angst. Resilienz: Was kann die psychische Widerstandskraft stärken? Stuttgart 2011.
  • Fritz Breithaupt: Die dunklen Seiten der Empathie. Berlin 2017.



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