• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Was den Menschen zum Menschen macht

Von Maria Schorpp  
Was den Menschen zum Menschen macht
© bbaw.de
Menschenwürde, wie wir sie heute verstehen, ist wesentlich von der Philosophie Immanuel Kants geprägt. Für den grossen Aufklärer hat sie ihren Grund in der inneren Freiheit des Menschen und ist das, was diesen von allen anderen Lebewesen unterscheidet.


Einen absoluten Wert zu behaupten, das war für den alten Spötter Schopenhauer ungefähr so sinnvoll wie von einem „absoluten Onkel“ zu sprechen. So wie der Onkel nur Onkel sein könne „relativ zu Neffen und Nichten“, so sei jeder Wert eine Vergleichsgrösse in Bezug auf etwas anderes. Dem Sprachschöpfer Kant hingegen scheinen solche relativistischen Wortbedeutungen gerade recht gekommen zu sein, um die Unbedingtheit seiner Transzendentalphilosophie auf den Punkt zu bringen. Indem er das Relative ins Superlative, geradezu Absolute steigerte: Die Würde des Menschen ist unhintergehbar, der Mensch als Träger der Würde hat einen absoluten Wert.

In sich begründet

Ob jemand als Würdenträger einzuschätzen ist, hängt von äusseren Qualitäten wie Erfolg, Können oder charakterlichen Zusprechungen ab. Für die Würde des Menschen gibt es hingegen keinen externen Massstab. Sie hat keinen Preis. „Die Menschheit selbst ist eine Würde“, sagt Kant in der „Metaphysik der Sitten“. Womit der Königsberger Philosoph zum Ausdruck gebracht hat, was beispielsweise in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen von 1948 so lautet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Unser aktueller Begriff der Menschenwürde ist wesentlich von Kant geprägt.

Zwei Seiten des Menschen

Was uns heute zumindest ideell zur Selbstverständlichkeit geworden ist, die keiner weiteren Begründung zu bedürfen scheint, fusst bei Kant auf einer hoch theoretischen Konzeption. Der Mensch hat in Kants kritischer Philosophie zwei Seiten: Er ist ein Naturwesen, insofern er einen Körper hat, von Gefühlen geleitet wird oder Intelligenzleistungen vollbringt: ein „homo phaenomenon“. Er ist aber auch „homo noumenon“, ein geistiges Wesen. Als Naturwesen ist er nur graduell von den Tieren unterschieden und hat durchaus einen relativen Wert, insofern man sagen kann, ein Mensch sei zum Beispiel für die Gesellschaft nützlicher als ein anderer. Als homo noumenon, als geistiges Wesen, zeichnet er sich durch eine Eigenschaft aus, die nur er hat: die innere Freiheit. Das heißt: Hier ist er unabhängig von seiner sinnlichen Natur, von Gefühlen wie Lust und Unlust, von Ehrgeiz oder seiner Umgebung. Und von Verstandesregeln wie der Kausalität, die ihn, wie alle anderen Phänomene auch, in den Ablauf von Ursache-Wirkungszusammenhänge stellen.

Hier ist er „Person“. Als handelnde Person ist er in der Lage, unabhängig von psychisch-physischen Antrieben selbst Ursache-Wirkungszusammenhänge in Gang zu setzen. Lediglich geleitet vom kategorischen Imperativ, dessen bekannteste Formulierung aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“

Natürliches Vermögen zur Freiheit

Kant geht davon aus, dass der Mensch das natürliche Vermögen zur Freiheit besitzt, ein „mit Freiheit begabtes Wesen“ ist, wozu der kategorische Imperativ das konstitutive moralische Regelwerk gibt. Dabei verhält es sich mit diesem Vermögen zur Freiheit wie mit der Fähigkeit zum logischen Denken. Beide sind in der Wirklichkeit nur über ihre Umsetzung als gültig ausweisbar – über den Umstand, dass wir logische Schlüsse ziehen, wie über den Umstand, dass wir im Bewusstsein unserer Autonomie Entscheidungen treffen. Beides ist dem Menschen aufgegeben und muss immer wieder neu von ihm geleistet werden.

Autonomie

Diese Autonomie des Menschen („dass er einen eigenen Willen hat“) ist für den Transzendentalphilosophen der Grund für die unverfügbare Würde des Menschen. Weshalb kein Mensch als Mittel zum Zweck gebraucht werden darf. Er ist selbst ein Zweck, „Zweck an sich“ in Kants Terminologie. So erklärt sich die Verpflichtung, „die Würde der Menschheit an jedem anderen Menschen praktisch anzuerkennen“, wie es in der „Metaphysik der Sitten“ heisst.

Die Würde ist das Eigentliche, das den Menschen zum Menschen macht und letztlich in ihm selbst gründet. Entsprechend hat jeder Anspruch auf Achtung durch den anderen. Und so lautet der kategorische Imperativ in seiner „Menschheitsformel“: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

Der Staat vermag sich laut Kant nur dadurch zu rechtfertigen, dass er die Würde und Freiheit der Menschen sichert. Im Gegensatz zu unserem heutigen aller Moralität enthobenen Verständnis der Menschenwürde hängt Kants „Würde“ letztendlich doch von einer einzigen, allerdings inneren Bedingung ab: der moralischen Gesinnung einer Person. Fehlt diese ganz und gar, kann der Anspruch auf Würde entzogen werden. Tatsächlich hat das Fehlen von Moralität in Kants Konzeption weitreichende Konsequenzen. Da der moralische, wenn auch formale Leitfaden des kategorischen Imperativs letztlich die Bedingung der Möglichkeit selbstbestimmten Handelns ist, bedeutet seine Negation, dass der Mensch sich nur mehr passiv verhält. Er lässt sich durch Stimmungen, Gefühle, Interessen, äussere Umstände usw. leiten. Mit anderen Worten: So ist er nur noch homo phaenomenon: ein ausschliesslich durch empirische Wissenschaft bestimmbares Wesen.

Freiheit und Autonomie ist ein notweniges Postulat, das zu realisieren dem Menschen zur Aufgabe gemacht ist, weil sonst keine (sittliche) Handlung möglich wäre. Es ist als Mensch eine ureigenste Pflicht, selbst Zwecke zu setzen, „sich um die Kultur der eigenen Moralität zu bemühen“, wie der Philosoph Klaus Steigleder es formuliert.

„Tugendpflichten“ nennt Kant die Vorschriften, die sich für ihn aus der Würde des Menschen ergeben. Gut kantisch wird hier nochmals unterteilt in „Liebespflichten“ wie Wohltätigkeit, Dankbarkeit, Anteilnahme am anderen. Und „Pflichten der Achtung“, die darin bestehen, sich nicht über andere zu stellen. Letztlich geht es um eine Abstimmung beider Pflichten. Wer hilft, darf den anderen dabei nicht demütigen, muss die Grenzen, die dieser setzt, akzeptieren. Und: Das Schicksal anderer darf einem nicht gleichgültig sein.
       
 
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