• Montag, 20.11.2017
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GENERATIONEN

Was Alt und Jung einander mitteilen

Über intergenerationelle Erzählungen
Von François Höpflinger
Was Alt und Jung einander mitteilen - Über intergenerationelle Erzählungen
© K.-P. Adler / fotolia.com

Von Alt zu Jung – der Blick von oben

Wer lange gelebt hat und damit alt geworden ist, wird immer mit zwei grundlegenden Lebenselementen konfrontiert:

Erstens: Die eigene Kindheit und Jugend ist weit weg, unter Umständen zu weit weg. Man kann sich vielleicht noch ‚jung’ fühlen, aber das Spiegelbild spricht eine andere Sprache. Die Jugend von heute ist zwar die Zukunft der Gesellschaft, und eigene Enkelkinder garantieren die Zukunft der Familie, aber die eigene Jugend ist für alte Menschen schon längst Vergangenheit.

Zweitens: Alte Frauen und Männer haben eine völlig andere Kindheit und Jugend erlebt als heutige Kinder und Jugendliche, da sie in einer damals noch stark ländlich geprägten Schweiz aufwuchsen. Dies kann negative wie positive Reaktionen hervorrufen. So wird der gesellschaftliche Wandel von älteren Menschen nicht unbedingt negativ beurteilt, nämlich als Zerfall von Moral und Sitte. Solchen Vorbehalten könnte nur durch begleitetes Erzählen oder durch Gespräche begegnet werden. Andere alte Menschen realisieren – unter Umständen mit Trauer -, dass ihre Erfahrungen aufgrund des enormen Wandels für die nachkommenden Generationen weder nützlich noch gefragt sind.
Die erste Generation verdient das Geld,
die zweite verwaltet das Vermögen,
die dritte studiert Kunstgeschichte
und die vierte verkommt vollends.
(Otto von Bismarck, 1815-1898)
Für einige alte Menschen ist ein guter Kontakt mit jungen Menschen anregend, weil sie damit an der Zukunft der Gesellschaft aktiv teilnehmen können. Im Kontakt mit Jungen lernen sie neue Sprachformeln, neue Techniken oder eine verstärkte Toleranz für sozialen Wandel. Speziell persönlich intensive Kontakte mit jungen Menschen werden von älteren Menschen nicht selten benützt, um wieder an frühere Lebensphasen anzuknüpfen. Eine Studie zu Enkelkind-Grosseltern-Beziehungen liess erkennen, wie oft ältere Menschen sich im Kontakt mit ihren heranwachsenden Enkelkindern kulturell sozusagen ‚verjüngen’ (und im Spiel mit Teenagern werden einige Grossmütter und Grossväter selbst wieder zu Teenagern).

Andere alte Menschen hingegen erleben den Kontakt zu jungen Menschen eher negativ; sei es, weil der Verlust der eigenen Jugend schmerzhaft bewusst wird; oder sei es, weil damit negative Kindheits- und Jugenderinnerungen wachgerufen werden. Ein Teil der heute alten Frauen und Männer hat eine durchaus harte Kindheit in Armut und Unterdrückung erlebt.

Projekte, in denen alte Menschen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählen, sollten deshalb immer begleitet sein, weil Kindheitserinnerungen auch traumatisch sein können. Beim Erzählen über frühere Zeiten wird alten Menschen zudem häufig bewusst, dass ihre Erfahrungen und Erzählungen von früher zwar für junge Menschen durchaus interessant, aber nicht relevant sind. Auch die erlebte Entwertung der eigenen Erfahrungen ist ein Punkt, der bei intergenerationellen Erzählprojekten immer wieder thematisiert wird.
Das Gespräch zwischen den Generationen ist ebenso wichtig wie das Gespräch zwischen den Supermächten.
(Helmut Schmidt, 1918-2015)

Von Jung zu Alt – der Blick von unten

Für jüngere Menschen zeigt sich beim Kontakt mit älteren Menschen – und ihren Erzählungen – ebenfalls eine doppelte Lebensperspektive:

Erstens ist das Alt-Werden die eigene Zukunft, und das Altern des Gegenübers ist sozusagen – im positiven wie negativen Sinne - der ‚Schatten der eigenen Zukunft’. Kinder und Jugendliche sind – so die Erfahrung – im Kontakt mit alten Menschen allerdings oft ungezwungen und positiv, weil für sie das Alter noch weit weg ist. Am meisten Probleme mit intergenerationellen Kontakten haben die 40- bis 50-Jährigen, die ihr eigenes Alter nicht akzeptieren (wollen) und die im Kontakt mit alten Menschen mit einer nicht gewollten persönlichen Zukunft konfrontiert werden. Negative und teilweise diskriminierende Aussagen über Ältere widerspiegeln häufig nicht nur eine Abwertung älterer Menschen, sondern oftmals eine Angst vor der eigenen Zukunft.

Zweitens sind alte Menschen zwangsläufig Vertreter der Vergangenheit, und sie können über längst vergangene Zeiten (vor der Erfindung von Handy und Internet) erzählen. Als Grosseltern sind sie eine oft geschätzte Quelle von Informationen über die eigene Herkunftsfamilie, und wer kennt die Jugendsünden von Mutter und Vater besser als die Grosseltern? Kinder und Jugendliche, die sozusagen ihre Zukunft noch vor sich haben, sind – wie neuere Studien zeigen – überraschend stark an Fragen der Vergangenheit wie auch an Familienritualen interessiert, und in manchen Familien ‚zwingen’ Grosseltern und Enkelkinder die mittlere Generation gemeinsam zu traditionellen Weihnachtsfeiern.

Der Kontakt mit alten Menschen kann für junge Menschen deshalb durchaus anregend sein, weil sie durch Erzählungen und Gespräche mit alten Menschen familiäre und soziale Zukunft und Vergangenheit zu verbinden vermögen. Gleichzeitig realisieren junge Menschen, dass die Erfahrungen älterer Menschen für ihr eigenes Leben nur beschränkt gültig sind, da sie ja in einer anderen Gesellschaft – mit anderen Anforderungen – zu leben haben als frühere Generationen. Entsprechend zeigt sich oft das Muster, dass junge Menschen die Erzählungen alter Menschen durchaus interessant finden, sie jedoch Mühe haben, diese mit ihrer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit zu verbinden.
Gewöhnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt etwas anderes oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die neue Generation abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben Ansichten wieder zum Vorschein.
(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832)

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