• Dienstag, 26.09.2017
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PERSPEKTIVEN

Warum lachen die Menschen?

Über Humor, Witze und andere Scherze
Von Helmut Bachmaier
Warum lachen die Menschen?
© Tertianum
Bekannt sind die Sprichwörter „Lachen ist gesund“ und „Lachen ist die beste Medizin“ – und tatsächlich wird durch Lachen eine intensivere Atmung, ein Abbau von Stress sowie eine leichte Stabilisierung des Immunsystems und des Kreislaufes erreicht. Lachen ist überdies ein bewährtes Palliativum bei physischen und psychischen Schmerzen oder bei Angstzuständen. Lachen befreit und baut vielfältige innere Spannungen ab. Lächeln dagegen ist eine Haltung, in der die Geste der Distanzierung sichtbar wird.

Ausser den genannten segensreichen Wirkungen gibt es noch andere bemerkenswerte Eigenschaften der Komik und des Lachens, die in der Gelotologie, der Lachforschung, untersucht werden, so z.B. die kommunikative Funktion des Humors oder dass durch Witze eine Lach-Gemeinde gebildet wird (die Funktion der Gemeinschaftsbildung: Man erzählt sich selten einen Witz vor dem Spiegel selbst, sondern anderen, oder?). Lachen hat ausserdem eine ganz andere Bedeutung als Grinsen, das eigentlich nichts anderes ist als eine Nachahmung eines mimischen Ausdrucks des Affen.

Perspektivenwechsel

Eine besondere Art der Applikation von Komik geschieht in der Humor- oder Komiktherapie, die vor allem in Krankenhäusern (der Clown im Kinderkrankenhaus) und in Alterseinrichtungen angewandt wird. Hier geht es vor allem darum, dem Kranken oder Gebrechlichen seine Situation zu erleichtern. Wenn durch die Komiktherapie die Einstellung zu dem eigenen Leiden oder Defizit verändert wird, ist schon eine Brücke zur Bewältigung geschlagen. Hier spielt der Perspektivenwechsel, also die Dinge einmal anders, auf komische Weise, zu sehen (etwas auf den Kopf stellen), eine wichtige Rolle. Das Lachen über das eigene Defizit stärkt das Selbstbewusstsein und setzt Energien frei, die bislang oft für das Verdrängen und Verdecken verwendet wurden.

Ein Beispiel: Ein Mobilitätsdefizit kann den Gebrauch einer Gehhilfe erforderlich machen. Ein Stock wird oft negativ besetzt, wird als Stigmatisierung empfunden. Um diesem auszuweichen, zieht sich eine Person zurück in die eigenen vier Wände mit Folgen der Isolation und Vereinsamung, was wiederum Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden hat.

Ein elastisches Stöckchen

Wenn in einer humortherapeutischen Sitzung der Stock mit neuen, anderen Bedeutungen verbunden wird (ein Gummistöckchen, mit dem man einiges anstellen kann – oder Ausschnitte aus einem Chaplin-Film, in dem Charly sein Stöckchen auf besondere Art schwingt), dann verliert der Gegenstand allmählich seinen negativen Beigeschmack. Der Gegenstand kann in der Folge als ein besonderes Attribut der Person verwendet werden, ohne Scheu, ohne das Anzeichen von Schwäche. Die bisherige Verdeckungsenergie, um damit das Mobilitätsdefizit zu verbergen, wird nun frei für eine intensivere und bessere Lebensgestaltung.

Das Sardonische Gelächter

Diese Art des Lachens meinte das aggressive Hohngelächter eines Zornigen. Man erzählte, dass es auf Sardinien die Sitte gab, alte Leute zu töten, wobei gelacht werden sollte, ohne dass die Seele dabei beteiligt war (risus Sardonicus). Heute ist dies medizinisch eine Bezeichnung für die permanente Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur infolge Tetanus.

Komik oder Humor: der Unterschied

Komik oder Humor: der Unterschied
Wird auf den Unterschied zwischen Komik und Humor abgehoben, dann kann für das Komische wohl gelten, dass es eine Form von Inszenierung, von Konstruktion ist, ein Ausdruck intellektuellen Raffinements im Gegensatz zum Humor, der eine Haltung, einen Charakter, eine Lebenseinstellung festlegt: Komik wird inszeniert, humorvoll ist eine Person. Was in der Komik sich vor allem ausdrückt ist das Gelächter der Vernunft angesichts der Verkehrtheiten der Welt. Die subtilste Form des heiteren Weltumgangs und der kritischen Selbstbegegnung ist zweifelsohne die Ironie, die – im Sinne Voltaires – als Praxis der Toleranz vor bornierter Einseitigkeit und Rechthaberei bewahrt. Jedenfalls stossen wir bei allen heiteren Diskursen an vielfältige Grenzen, so dass in Humor und Komik sich unsere Grenzerfahrungen direkt niederschlagen.

Mittel der Komik

Die Mittel der Komik können dabei ganz verschieden sein: Inversionen (Umkehrungen eines realen Verhältnisses, z.B. ein Mann in Frauenkleidern u. u.) oder Kategorienvertauschungen (z.B. wenn Raum und Zeit verwechselt oder gegeneinander ausgetauscht werden. Beispiel: „Ich weiss nicht mehr genau, war es gestern, oder war’s im vierten Stock oben...“, so Karl Valentin in dem Monolog „Im Gärtnertheater“). Häufig sind es Konventionsverstösse, wenn eine Rede wörtlich genommen und der Vereinbarungscharakter der Sprache ignoriert wird (die Feststellung, dass jemand in einer bestimmten Strasse wohnt, ist – logisch und empirisch gesehen – reiner Unsinn, denn „in“ einer Strasse kann man nicht wohnen…, vielleicht der Maulwurf).

Oder eine Definitionsmanie und ein Genauigkeitsfanatismus sind in der Sprachkomik am Werke, obwohl explizite Definitionen und entsprechende Versuche versagen: „Wenn einer a Geld hat und is kein Artist, des is gerade so als wie, als wie irgendwas anderes“ (Karl Valentin in dem Film „Die verkaufte Braut“). Auch kann die Sprechsituation völlig ignoriert werden und die Rede ins Leere gehen oder durch eine einfache Substitution von Buchstaben oder Namen eine komische Wirkung erzielt werden (z.B. Karl Valentin: „Wie gut ist es, dass der Hitler nicht Kräuter heisst, sonst müssten wir ständig 'Heilkräuter' rufen").

Bewegung – Erstarrung

Vertreter der sog. Lebensphilosophie gehen von einer dynamischen Lebenskraft aus, die alles durchströmt. Komisch oder lächerlich ist, wenn das Lebendige in seinem Gegensatz, als etwas Starres und Mechanisches erscheint. Wiederholungen haben einen mechanischen Charakter und sind daher ein typischer Fall der Komik. Ein erstarrtes Gesicht, eine gleichförmige Sprache, Stereotypen im Ausdruck wirken daher gleichfalls komisch (z.B. die Phrasen von politischem Personal oder von Werbetextern). Schliesslich wird in der Gesellschaft jede Art von Immobilität und Trägheit mit Lachen bestraft. Automatismus, Wiederholung, Erstarrung sind die wesentlichen Kennzeichen einer im Gegensatz zum bewegt Lebendigen stehenden Komik (so Henri Bergson in „Das Lachen“).

In diesem Zusammenhang kann das Lachyoga erwähnt werden, bei dem der Mensch über verschieden Übungen zum Lachen kommt, wobei das anfänglich künstliche, gespielte oder inszenierte Lachen infolge etwa von Dehn- und Atemübungen oder pantomimischen Gesten sich in ein authentisches Lachen verwandelt.

Kitzeln und Lachen

Nur wenn uns andere Personen kitzeln, dann können wir lachen – sich selbst kitzeln bleibt wirkungslos. Wir erkennen dabei, dass durch die Berührung anderer keine Gefahr droht, und das Lachen ist Ausdruck der Erwartung des Genusses durch die Reizung. Auch deshalb wird die Auffassung vertreten, dass das dem Kitzeln folgende Lachen einen Schutzreflex darstellt.

Neues und Verstehen: der Witz

Das Komische, insbesondere ein Witz, muss immer neu sein; ein oft gehörter Witz ist langweilig. Man muss – wegen des Neuen der Kombination der Sprach- oder Bildelemente – den Witz verstehen, und es stellt sich Freude ein über die eigene Verstandesleistung. Manche Zuhörer bedürfen dafür einige Zeit und lachen erst nach Minuten, wenn überhaupt.

In der Deutung des Witzes bei Sigmund Freud steht deshalb die Triebökonomie im Vordergrund: Witz, Humor und Komik bedeuten jeweils eine bestimmte psychische Aufwandsersparnis und mithin einen Lustgewinn.

Der Witz überwindet ein gesellschaftliches oder kulturelles Hindernis (Tabu, Konvention) oder eine innere Hemmung (ein Widerstand, der durch Bildung oder Sozialisation hervorgerufen wird) und erlaubt es, sich momentan vom Verdrängungsdruck zu befreien. Die Ersparung des Hemmungsaufwandes, der psychischen Energie, die zur Erhaltung der Hemmschwelle erforderlich ist, führt zu einem Lustgewinn, denn die sexuellen oder aggressiven Wünsche können imaginär - gleichsam wie durch ein Ventil - ausgelebt werden. Das plötzliche Lachen ist wie eine Erinnerung an die Freiheit und an das lustvolle Spiel in der Kinderzeit, so Sigmund Freud („Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“).

Der Humor ist bei Freud die Haltung, durch die bei einem gravierenden, emotional starken Erlebnis ein Gefühlsaufwand erspart werden kann – etwa durch einen Scherz. Dazu ein Beispiel: Ein Verbrecher soll am Montag gehängt werden. Als er vom Scharfrichter am Montag zur Hinrichtung abgeholt wird, sagt er: „Da fängt die Woche schon gut an…“.

Lachverbot

Der Witz lebt also von sprachlichen und gedanklichen Innovationen, und ein witziger Mensch ist ein geistreicher und ein innovationsfreudiger Mensch. Da aber das Neue oft negativ beurteilt wird – aus Angst und Unkenntnis – , gibt es eine lange Geschichte des Lachverbotes. Im Lachverbot drückt sich die Abwehr des Neuen gewaltsam aus.

Vielleicht ist dies der Grund, warum der Clown oft eine Träne vergiesst und damit an die Leidenskultur erinnert.
Warum lachen die Menschen?
  © Tertianum
Bertolt Brecht hat in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ noch einen anderen Gesichtspunkt zu diesem Thema geltend gemacht: „In einem Land leben, wo es keinen Humor gibt, ist unerträglich, aber noch unerträglicher ist es in einem Land, wo man Humor braucht.“

Unterschiedliche Lachkulturen

Lachen ist als Ausdruckshandeln eine anthropologische Konstante. Zwar haben alle Menschen diese Disposition, jedoch prägen historische, kulturelle, nationale oder regionale Unterschiede die Ausdrucksmuster. Bestimmte Formen der Komik oder des Witzes sind an eine bestimmte Zeit oder an einen bestimmten Raum gebunden und werden nur dort gepflegt und gut verstanden (Limerick ist z.B. zuerst eine typisch irische, dann englische Gattung - oder Witze über Zürcher und Berner; in Deutschland wird gerne über Ostfriesen gelacht und in Österreich über die Burgenländer). Eine Landkarte der Komik oder eine Geographie des Witzes sind deshalb genauso bunt und vielgestaltig wie eine Kulturgeschichte des Lachens. Auf dieser Landkarte und in dieser Kulturgeschichte werden unsere Grenzerfahrungen festgeschrieben.


Literaturhinweis
  • Helmut Bachmaier (Hrsg.): Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart 2005 (2. Aufl. 2013), Reclam Verlag Nr. 17656.

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