• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Von Alpha bis Omega.

Haut-Zeichen im Lebenslauf  
Von Dagmar Burkhart  
  Von Alpha bis Omega.
  Abb. 1
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Gesetzt den Fall, die Bedeutung eines Humanphänomens lässt sich daran bemessen, wie viele Redewendungen und Spruchweisheiten dazu bestehen, dann läge die Haut in der Rangfolge weit oben. Was hier in bildhafter Rede formuliert wurde, umkreist die körperlich-seelische Gesamtverfassung des Menschen.


Die Fülle und Vielfalt der Phraseme (Redewendungen) und Parömien (Sprichwörter) erklärt sich daraus, dass die Haut auch im übertragenen Sinn thematisiert wird und dann für den Menschen in toto steht. „Mit Haut und Haar“ – diese durch die Alliteration besonders einprägsame Redewendung bedeutet den ganzen Menschen, nur ist sie sinnlich-konkreter als das nicht-bildliche Phrasem „ganz und gar“. In Karl Simrocks Sammlung Die deutschen Sprichwörter (1846) nimmt das Begriffsfeld Haut mit ihren Wunden und Narben, ihrem Altern und ihrem Gedächtnis einen hohen Stellenwert ein. Bereits ein kleiner Ausschnitt aus dem Haut-Kapitel belegt dies: „Alte Leute, alte Häute“; „Wird man grau und alt, gibt’s allerlei Gestalt“; „Es ist in der Haut, wär’s im Kleide, so könnte man’s abwaschen“; „Wo Haut und Haar nicht gut sind, da gibt es keinen schönen Pelz“; „Auf heiler Haut ist gut schlafen“; „Aus anderer Leuten Häuten ist gut Riemen schneiden“; „Dass man in eine andere Haut schlüpfte, hilft nicht in den Himmel“; „Ledige Haut/ schreit überlaut“; „Die Haut ist kein Narr: Wenn sie alt wird, so rümpft sie sich (runzelt sie)“; „Alte Häute sind zäh und bedürfen viel Gerbens, das sie aber nicht leiden“; „Alte Wunden bluten leicht“; „Alte Wunden soll man nicht aufreissen“; „Auch geheilte Wunden lassen Narben zurück“; „Die Wunden heilen übel, die man sich selber schlägt“; „Zeit heilt alle Wunden“; „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt“.

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Hautgedächtnis

Die Haut – symbolische Repräsentation des Menschen

Haut steht pars pro toto für den ganzen Menschen, beispielsweise in den Ausdrücken „eine anständige Haut“: zuverlässiger, charaktervoller Mensch; „brave Haut“: redlicher Mensch; „ehrliche Haut“: ehrlicher Mensch; „arme Haut“: bedauernswerter Mensch; „lustige Haut“: gutmütiger, umgänglicher Mensch. Bemerkenswert ist, dass auch weitere Hüllen des Menschen die Haut ersetzen können, neben der Kleidung (etwa „eine weisse Weste haben“, d.h. untadelig sein) vor allem das Haus: „fideles Haus“: lustiger Mensch; ferner „altes Haus“: alter Freund; „gelehrtes Haus“: kluger Mensch; „tolles Haus“: überspannter Mensch“. Speziell das Hautgedächtnis-Thema betreffen Redensarten wie „eine Elefantenhaut haben“ („ein dickes Fell haben“): nicht zu rühren und zu verwunden, unzugänglich, auch herzlos sein; „ein Gedächtnis haben wie ein Elefant“: jemand kann sich an unfassbar viele Dinge erinnern und vergisst nichts. „Nicht aus seiner Haut können“, das heisst: seine Identität, seinen Standpunkt nicht aufzugeben vermögen, sich nur innerhalb seiner (gleichsam in der Haut gespeicherten) charakterlichen Veranlagung verhalten können. Die Wendung ist verwandt mit dem bibelsprachlichen „den alten Adam ausziehen“, „den neuen Menschen anziehen“ (Eph 4, 24) für: sich grundsätzlich ändern. Als Wunsch formuliert dies die Redewendung „am liebsten in eine andere Haut (in die Haut eines anderen) schlüpfen wollen“ (Lutz Röhrich Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten).

Ethnologie und Kulturanthropologie sind Wissensgebiete, die mit dem Fremden, auch dem Fremden im Eigenen, nämlich Resten von vorrationalem Denken in der Industriegesellschaft (Aberglauben etc.) und oraler Überlieferung (mythischen Erzählungen, Spruchweisheit) bekannt machen. Sie unterscheiden den Körper als Akteur (Agens) vom Körper als Symbol. Mary Douglas war eine der Ersten, die 1970 in ihrem Buch Natural Symbols die symbolische Bedeutung des Somatischen artikulierte. Der menschliche Körper wird als Ort symbolischer Repräsentation „gelesen“, als „Text“, dem eine Reihe von Bedeutungen eingeschrieben ist. Da der Körper als mächtiges symbolisches Medium fungiert, ist er als Agens vor allem mit der Fähigkeit ausgestattet, die Beziehung des Menschen zur Aussenwelt zu vermitteln und an der Schöpfung psychosozialer Bedeutung teilzunehmen. Dies gilt auch für die menschliche Haut als grösstem Körperorgan. Als nonverbales Kommunikationsmittel sendet sie Signale aus, die ihrer Entzifferung harren.

Das Haut-Gedächtnis begleitet den Menschen von der Geburt über die Initiation bzw. Hochzeit bis zum Tod. Alpha-Phänomene (so nenne ich Nabel und Muttermale), Lebens- oder Zōē-Phänomene (Narben) und Omega-Phänomene (Altersflecken und Falten, Abb. 1) zeugen davon. Die aus der Antike stammende und vor allem in der Renaissance wiederbelebte Vorstellung eines Jungbrunnens (Abb. 2) gab dem archaischen Wunsch des Menschen Ausdruck, den zu Alter und Tod führenden Lebensbogen zu durchbrechen und durch ein Bad in dem magischen, mit Lebenswasser gefüllten Brunnen eine permanente Verjüngung zu bewirken.

Geschorene Bärte, zerkratzte Brüste

Das kollektive Hautgedächtnis verlangt Erfüllung durch das Ritual. Ethnologische und historisch-anthropologische Belege zeigen, dass die Haut bzw. ihre Anhanggebilde (Kopfhaare und Bart) sowie die Kleidung (zweite Haut) in Trauerriten eine signifikante Rolle spielen, und zwar sowohl für den Verstorbenen als auch für die Angehörigen. Kulturelle Omega-Phänomene sind das Schliessen der Augen des Toten und die Leichenwäsche: Da das Auge in archaischer Vorstellung als aktives Organ gedacht wird, durch das die Kraft eines Menschen wirkt, kann der Blick eines Toten für die Lebenden gefährlich werden. Dem Toten werden deshalb durch Herunterschieben der häutigen Lider die Augen geschlossen (Lid kommt von althochdeutsch lit „Deckel, Verschluss“), damit er nicht durch seine mitziehende Macht die Lebenden gefährdet. Im antiken Griechenland legte man dem Toten Münzen auf die Augenlider, die der Beschwerung, vor allem aber als Fährgeld für den Fährmann Charon beim Überqueren des Unterweltflusses Acheron dienen sollten. Die rituelle Waschung der Leiche hat ausser der symbolischen Reinigung den Zweck, die im Gedächtnis der Haut gespeicherte diesseitige Welt abzuwaschen, damit der Gereinigte bereit ist zum Betreten der jenseitigen Welt. Auch das Bekleiden des Toten mit einem reinen Leichengewand, das seinen neuen Status symbolisiert, dient der Beschwichtigung des Verstorbenen und, zusammen mit Grabbeigaben, als Ausstattung für die andere Welt. Zerkratzen oder Ritzen der Gesichts- oder Brusthaut und Ausreissen oder Abschneiden der Haare in Klageritualen der Hinterbliebenen eines Toten (oder auch einer untergegangenen Stadt) ist seit dem Altertum bekannt und im Alten Testament bezeugt, wo es beim Propheten Jeremia heisst: „Alle Köpfe werden kahl sein und alle Bärte abgeschoren, aller Hände zerritzt, und jedermann wird Säcke anziehen“ (Jer 48, 37) und im Buch Esther (4,1) über Mardochai: „Da zerriss er seine Kleider und legte einen Sack an und Asche und ging hinaus mitten in die Stadt und schrie laut und kläglich“ (auch 2 Sam 3, 31). In den Gesetzen zur Heiligung des täglichen Lebens steht bei Moses als Verbot (der wohl gängigen Praxis) geschrieben: „Ihr sollt kein Mal um eines Toten willen an eurem Leibe reissen noch Buchstaben an euch ätzen“ (3 Mose 19, 28; auch 21, 5). In der griechisch-römischen Antike rissen sich weibliche Familienangehörige oder professionelle Klageweiber, die Mediatorinnen (Mittlerinnen) zum Jenseits, mit aufgelöstem Haar und dunkler Trauerkleidung die Gewänder auf, schlugen und zerkratzten die Brüste, schütteten sich Staub auf den Kopf und stiessen schrille Klagerufe bzw. Klagegesänge aus, wobei die Intensität und Exaltiertheit der Klagegesten die Intensität der Trauer ausdrücken sollten.

Die vorherrschende „Farbe“ der Trauerkleidung war (und ist) die Nichtfarbe Schwarz (in China und Japan Weiss). Männer liessen sich einen Trauerbart wachsen, laute Schreie, Zerkratzen der Wangen, Zerreisen der Gewänder und Schlagen bzw. Zerfleischen der Brust waren körperlicher Ausdruck der Trauer. Exzesse mussten immer wieder durch Gesetzesbestimmungen eingedämmt werden. Der ursprüngliche Impetus für die Trauerriten war wohl die Furcht vor dem Toten und seiner mitziehenden Macht, welche die Lebenden zwang, sich unkenntlich zu machen, den Totengeist zu vertreiben oder ihn zu besänftigen, damit er sich nicht in einen gefährlichen Wiedergänger (Revenant) verwandelte. In christlicher Ausdeutung wurde das apotropäische (magisch bannende) Brauchtum im Sinne einer religiösen Praxis zur Ehrung Gottes und des Toten uminterpretiert, indem man die archaischen exaltierten Riten durch Heilszeichen wie letzte Ölung (Salbung der Gesichtshaut durch geweihtes Öl und Kreuzeszeichen), Kerzenlicht, Gebete und Lieder ersetzte.

Abb. 2
Jungbrunnen

Glückshaut − Glückskind

Im Vergleich mit der Omega-Symbolik des Todes haben dermale Alpha-Phänomene existentielle Bedeutung für das Leben, weil sie an die Mutter-Kind-Einheit erinnern: die Glückshaut, die Nachgeburt sowie Hautmale und der Nabel. „Glückshaut“ (auch Glückshäubchen, Glückskäppele, Labhäublein, Helm, Kindsfell u.a.) heisst im Deutschen die unverletzte Embryonalhaut (latein. pileus naturalis), die ein Neugeborenes umhüllt, wenn der Fruchtblasensprung ausgeblieben ist. Wird ein Kind mit dem Fruchtwassersack (Amnion) und mütterlichen Hautteilen geboren, so deutet man das im Volksglauben als Zeichen für ein ungewöhnliches Leben. Das Kind wird tapfer, reich und glücklich. Der Ausdruck „Glückskind“ meint also ursprünglich das mit einer Glückshaut geborene Kind. In einem der Lieder des romantischen Dichters Adalbert von Chamisso singt „Hans im Glück“: „Alles, alles trifft mir ein,/ muss ein Sonntagskind wohl sein/ und auf Glückeshaut geboren“. Weil das Glückshäutchen, als Amulett in die Kleidung eingenäht, unter der Türschwelle vergraben oder dem Essen beigemischt, glückbringend und schützend wirkt, haben Hebammen immer damit heimlich Handel getrieben. Fällt die Glückshaut (ähnlich wie die Nachgeburt oder die Nabelschnur) in die Hände von Hexen oder Zauberern, so können diese ihrem ursprünglichen Träger Schaden zufügen.

Hasenscharte und Mäusefleck

Dem Gedanken, dass die Dinge der Welt nach Ähnlichkeitsverhältnissen und Nähe aufeinander einwirken (sympathetisches Prinzip), entsprechen Volksglaubensvorstellungen über dermale Phänomene, die an pränatale und natale Ereignisse erinnern. So entstehen nach elementarem Denken und Glauben angeborene Hautmale durch das so genannte „Versehen“, d.h. die Mutter hat während der Schwangerschaft etwas Analoges gesehen oder erlebt. Es gilt das Prinzip der Entsprechung: „schöne Bilder – schöne Kinder“, und umgekehrt. So bekommt das Kind rote Haare, wenn die Schwangere Feuer gesehen hat, – eine Hasenscharte, wenn sich die Mutter an einem Hasen „versehen“ hat, – einen „Mäusefleck“ (ein analoges Hautmal), wenn die Mutter beim Anblick einer Maus erschrocken ist und sich im Schreck an irgend eine Körperstelle gefasst hat etc. Oder aber die Schwangere hat ihr Verlangen nach bestimmten Speisen ausgelebt, etwa nach Brombeeren, so dass es zur Zeichnung des Neugeborenen in Form eines beerenähnlichen Muttermals kommt. Auf dieser Basis ist wohl die Bedeutung des französischen Wortes envie, der Bezeichnung für „Muttermal“, aber auch „Lust, Gelüste von Schwangeren“, zu verstehen. Zugrunde liegt diesem Elementargedanken der Völker, dass zwischen Welt und Mensch, insbesondere zwischen Mutter und Kind eine geheimnisvolle Korrespondenz im Sinne einer mystischen Partizipation herrscht. Hat sich die Schwangere beispielsweise beim Nähen in die Haut gestochen, so zeigt das Kind später an der gleichen Stelle ein Mal.

Schwankerzählungen, eine jüngere Form populärer Erzählformen, verwenden derartige Glaubensvorstellungen, um sie zu parodieren: So wird beispielsweise der Sohn dreier Väter mit drei Streifenmalen geboren, oder das Kind eines Pfarrers, der ein Holzbein hat, kommt mit einer Miniaturausgabe des künstlichen Beins zur Welt etc. In den Gottesurteilen, beispielsweise den „Hexenproben“, herrschte bis ins 18. Jahrhundert die Vorstellung, Gott zeige auch in forensischen Zweifelsfällen die Wahrheit an. So galten auffallende, insbesondere in Form von Hasen, Kröten oder einem Drudenfuss gestaltete Feuer- oder Muttermale als vom Teufel aufgeprägte „Hexenmale“, (latein. stigma diaboli, stigma diabolicum). Stach der Scharfrichter mit einer Nadel in die verdächtige Stelle und floss daraus kein Blut oder zeigte die Verdächtigte keinen Schmerz, so galt sie als Hexe und wurde der Folter bzw. Hinrichtung zugeführt.

Abb. 3
Nuba-Mädchen

Nabel – die Mitte des Mensch-Seins

Der Nabel als Hautzeichen, in dem die pränatale Existenz gespeichert ist, nimmt eine besondere Stellung unter den Narben ein, umfasst er doch das ganze Mysterium des Mensch-Seins. Er ist Symbol der Verbindung von Kind und Mutter, von Mensch und Erde, und wird deshalb in afrikanischen Skulpturen oft besonders hervorgehoben. Im archaischen Glauben schreibt man dem Nabel als Markierung der Bauchmitte und Durchtrittsstelle der mütterlichen Nabelschnur magische Bedeutung zu. Dementsprechend herrschte die weitverbreitete Vorstellung (Elementargedanke), dass die Nabelschnur als schützendes Amulett dienen könne. In den Mythen und Religionen war der Nabel seit jeher eine symbolhafte Grösse. Verschiedene Völker, so die Chinesen, erklärten, ihr Land liege in der Mitte der Erde. Die antiken Griechen betrachteten als Nabel des Kosmos, Omphalos, einen bienenkorbförmigen heiligen Stein in der Orakelstätte des Apollo in Delphi: Ursprünglich wohl ein Opferstein für die Erdgöttin Gaia, galt der Marmorkegel als Erdmittelpunkt. In Rom war der Umbilicus urbis Romae, der „Nabel der Stadt Rom“, von dem ein Rest noch auf dem Forum Romanum steht, der ideelle Mittelpunkt der Stadt. Die Idee gründet auf der metaphysischen Vorstellung, alles Leben kommt aus der heiligen Mitte und kehrt wieder dahin zurück. Seit dem 4. Jahrhundert gilt Golgotha, später im erweiterten Sinn jeder christliche Altar als „Nabel der Erde“ (umbilicus terrae).

„Ehrenrose“ und Kranzgeld

Das Zōē-Phänomen Hymen, der im patriarchalischen Kulturkontext als „Symbol der Symbole“ gilt, meint das so genannte Jungfernhäutchen am Vagina-Eingang, das im Allgemeinen (nicht immer) beim ersten Geschlechtsverkehr unter leichter Blutung zerreisst. Als dermales Speichermedium der Jungfräulichkeit (Virginität) und Unbeflecktheit war es in kultischen Zusammenhängen Voraussetzung für die Begegnung mit der Gottheit, etwa in der griechisch-römischen Antike bei den Sibyllen oder den Priesterinnen der Vesta, der keuschen Hüterin des heiligen Feuers. In der germanischen Mythologie hat Brünhild übernatürliche, magische Kräfte nur solange sie Jungfrau ist. Für die Christen ist die Jungfrau Maria Inbegriff der Reinheit. Unter den Heiligen gilt Katharina („die Reine“) als Symbolgestalt der Jungfräulichkeit. Virginität steht seit dem Spätjudentum (siehe das apokryphe Sirachbuch 42, 9-11) im Mittelpunkt zahlreicher Verhaltensnormen, denn ihr Wert wurde und wird in traditionellen Kulturen nach den strengen Normen der Ehre gemessen. Der intakte Hymen fungiert als symbolisches und materielles Kapital, welches den unter männlicher Kontrolle stehenden jungen Frauen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verbietet, aber dem Brautvater Prestige und einen höheren Brautpreis einbringt. Werden Zweifel an der Unberührtheit eines Mädchens laut, für die der Blutfleck (die „Ehrenrose“) auf dem Laken nach der Hochzeitsnacht gilt, kann die gesamte Familie ihr Ansehen verlieren. Im Extremfall droht der vorzeitig Entjungferten Ermordung, um die Familienehre wieder herzustellen. So kommt es nicht nur in den so genannten Honour-and-shame-Gesellschaften des Orients, der Levante und südeuropäischer Ländern, sondern auch im Migranten-Milieu Nord- und Mitteleuropas immer wieder zu Morden aus Ehrmotiven. Der Kampf um das Jungfernhäutchen dekuvriert sich so nicht selten als tödlicher Mythos, der in vergangenen Jahrhunderten, nimmt man die diesbezüglichen Duelle als Indiz, auch in Deutschland Geltung besass.

In Lessings Drama Emilia Galotti tötet der Vater seine eigene Tochter aus Ehrmotiven, in Goethes Faust will Gretchens Bruder ihre verlorene Ehre mit dem Degen wiederherstellen; im Freischütz wird vom „Jungfernkranz“ als Symbol der Virginität gesungen, und bis 1998 war der so genannte Kranzgeld-Paragraph (§ 1300 BGB) in Geltung, der die Jungfräulichkeit gesetzlich schützte, das heisst: Eine „unbescholtene Verlobte“, die angesichts des Eheversprechens zwar defloriert, aber nicht geheiratet wurde, konnte für die erlittene Ehrverletzung eine Entschädigung in Form des „Kranzgeldes“ verlangen. Weil heute noch im streng patriarchalischen Kulturkontext dem intakten Hymen und der Unberührtheit der Braut eine entscheidende Bedeutung für die dem äusseren Anstand gemässe Heirat beigemessen werden, wird in Spezialkliniken für die heimliche Wiederherstellung des verlorenen Häutchens (Hymenalrestitution) gesorgt, und eine florierende Genitalchirurgie wirbt dafür im Internet.

  Abb. 4  
  Lebenslinien  

Initiierter Mensch: gezeichneter Mensch

Bei der Initiation, dem Eintritt in eine neue Lebensphase, spielen Zōē-Phänomene der Haut eine signifikante Rolle. So dient das schmerzhafte Tätowieren bzw. Skarifizieren, worauf sich die heutige westliche Tattoo- und Piercing-Kultur gerne beruft, bei einigen Völkern als Prüfung zur Einführung in den Erwachsenenstatus. Der französische Ethnologe Pierre Clastres etwa belegte durch seine Feldstudien bei staatenlosen Gesellschaften in Südamerika, dass die in Initiationsriten vollzogene „Kennzeichnung“ den von Nietzsche betonten Zusammenhang von Körper, Schmerz und Gedächtnis bestätigt. So schreibt er über das Ziel des Rituals bei den nomadischen Guayaki in Paraguay: „Nach der Initiation, wenn der Schmerz bereits vergessen ist, bleibt etwas zurück, ein unwiderruflicher Rest, die Spuren, die das Messer oder der Stein auf dem Körper hinterlässt, die Narben der empfangenen Wunden“. Ein initiierter Mensch ist ein gezeichneter Mensch. Die tief in die Rückenhaut der jungen Männer und in die Brust- und Bauchhaut der Frauen eingeschriebenen Zeichen verhindern das Vergessen, denn der Körper selbst trägt auf sich die Spuren der Erinnerung, der „Körper ist Gedächtnis“, die Narben darauf sind der „eingeschriebene Text“ des tradierten Stammesgesetzes.

Tätowierungen bedeuten also bei vorindustriellen Völkern Gedächtnis-Signifikanten, die sowohl Auskunft über die Altersstufe, wie auch über Stammeszugehörigkeit (Clan) und Status geben, aber auch als magisches Schutzmittel dienen. Berühmt sind die mit hoher Kunstfertigkeit ausgeführten Gesichts- und Körper-Tattoos in Südostasien (Neu-Guinea) und bei den Maori in Neuseeland. Aber auch in Afrika (Guinea, Burkina Faso, Sudan) hat die Tätowierung eine lange Tradition. Wegen der dunklen Haut, auf der Farbpigment-Einbringungen weniger wirkungsvoll sind als auf hellerer Haut, wird die Tätowierung bevorzugt durch künstlich herbeigeführte Narben realisiert. Diese Narbenzeichen haben oder hatten beispielsweise bei den Völkern des Sudan (den Nuba, den Fulbe u.a.), wie vor allem der Ethnologe James C. Faris gezeigt hat, einen hohen sozialen und ästhetischen Stellenwert (Abb. 3). Nackte, unverzierte Körper werden als unschön empfunden. Die Skarifizierung ist Teil einer Körperinszenierung, zu der auch Körperbemalung, Haartracht, Kosmetik und Schmuck gehören.

Das heisst, bei jeder Schwellenüberschreitung im Leben, wie Arnold van Gennep in seinem Buch Les rites de passage (1909) sie analysiert hat, werden dem Hautgedächtnis Zeichen eingeschrieben, welche die Haut − nach dem Gehirn – zum umfassendsten Speichermedium des Menschen (Abb. 4) machen.


Literaturhinweise
  • Dagmar Burkhart, Hautgedächtnis. Mit einem Vorwort von Volker Steinkraus. Georg Olms Verlag: Hildesheim, Zürich, New York 2011 (234 Seiten, 18 Abb., ISBN 978-3-487-14631-7).
  • Dagmar Burkhart: Diva Haut – der Kult um die erste Hülle des Menschen. (in: Soziologie heute, April 2012).
  • Dagmar Burkhart: Schönheit im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. (in: Der Deutsche Dermatologe, Januar 2013).


Abbildungen/Legenden:
  • Abb. 1: „Ich erinnere mich nicht mehr, in welchem Alter meine Hände anfingen, denen meines Vaters zu gleichen“. Foto von Bernd Jäckel (Hamburg) zu Jewgenij Grischkowjez Sledy na mne (Spuren auf mir), Moskau 2009.
  • Abb. 2: Der Jungbrunnen. Holzschnitt von Erhard Schön, Nürnberg, um 1520. In: Anna Rapp, Der Jungbrunnen in Literatur und Kultur, Zürich 1976, S. 151.
  • Abb. 3: Initiationsnarben bei einem Nuba-Mädchen. In: James Faris, Nuba Personal Art, London 1972, Colour plate 6.
  • Abb. 4: Lebenslinien. Foto von Bernd Jäckel (Hamburg).
       
 
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