• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Vom Beruf in die nachberufliche Zeit bei Frauen

Untertitel
Von Ruth Derrer Balladore
Vom Beruf in die nachberufliche Zeit bei Frauen
© mitoimages - de.fotolia.com

Veränderte Erwerbsbiographie

Während frühere Frauengenerationen nach der Familienphase nur sehr beschränkt wieder ins Erwerbsleben zurück kehrten, finden sich zunehmend Frauen, die über die ganze Zeit hinweg konstant mehr oder weniger in Vollzeit, mit oder ohne Familie, erwerbstätig waren. Andere haben nach der Familienphase eine neue Berufskarriere gestartet. Wir haben es mit der ersten Generation von Frauen zu tun, die bis zum Pensionsalter erwerbstätig ist. Frühere Generationen haben sich nach der Familienphase den ehrenamtlichen Sozialaufgaben gewidmet, waren karitativ tätig und ermöglichten so eine gutes Funktionieren der Gesamtgesellschaft.

Heute sind Frauen und Männer gleichermassen mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit konfrontiert, bis zur Pensionierung erwerbstätig zu sein. Vermehrte Scheidungen und ein geändertes Bild der Ehe, das zu einem neuen Unterhaltsrecht geführt hat, lassen es nicht mehr zu, dass sich die Frauen ganz und definitiv aus dem Berufsleben zurückziehen.

Das schafft für viele Frauen, die heute am Übergang stehen, ungeahnte finanzielle Probleme. Sie gingen ursprünglich von der Versorger-Ehe aus, gaben die Erwerbstätigkeit auf und rechneten nicht mit der Notwendigkeit, Jahre später für die eigene Altersvorsorge arbeiten zu müssen. Gross ist auch die Zahl der Frauen, die zwar wieder einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, aber eher unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung als aus finanziellen Überlegungen.

Feminisierung der Berufswelt führte zur Flexibilisierung

Frauen, die mit Familie berufstätig waren, haben sich mit den Forderungen nach Flexibilisierung der Arbeitswelt erfolgreich durchgesetzt. Es war ein langer Weg, aber heute sind Teilzeitanstellungen und flexible Arbeitszeiten in vielen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. Die Frauen haben dafür gekämpft, um die Kinder und den Beruf vereinbaren zu können. Und später sind sie erneut auf diese Flexibilität angewiesen, wenn es um die Betreuung der Enkelkinder oder der pflegebedürftigen Eltern geht.

Anmeldung zur Tagung NEUE WEIBLICHKEIT IM ALTER
Während die ganz jungen Frauen im Glauben leben, die Gleichstellung sei längst verwirklicht, haben die Frauen mit zunehmendem Alter vermehrt mit den alten Bildern zu kämpfen. Männer sehen sich konfrontiert mit selbstbewussten, berufserfahrenen Frauen, die ihre Meinung offen und klar äussern. Das kommt häufig nicht gut an. Junge Frauen hingegen werden als ungefährlich erachtet, können deshalb (väterlich) wohlwollend gefördert werden.

Selbstbewusst, kompetent und älter ist eine schwierige Formel für die Frauen. Statt die Erfahrungen und Sichtweise dieser Personengruppe abzuholen, werden sie ins Offside gedrückt, da ihre Überlegungen zu Umdenken auffordern. Das ist anstrengend und oft nicht erwünscht.

Neue Rollenbilder

Die Frauen sind heute mit 60 selbstbestimmt. Mit der durchgehenden Erwerbstätigkeit wurde auch die wirtschaftliche Abhängigkeit durchbrochen. Sie hatten ihre Kinder oft auch erst um die 30 und sind, kaum sind die Kinder selbständig, bereits mit der Unterstützung der eigenen alten Eltern konfrontiert.

Ihre Töchter und Schwiegertöchter wiederum wollen selber auch berufstätig bleiben. Die Grosselterngeneration bekommt damit häufig einen völlig neuen Stellenwert. Gefragt ist nicht mehr das gelegentliche Hüten, vielmehr eine zeitlich verbindliche Mitarbeit bei der Kinderbetreuung. Für die Grossmutter, die mit grossem Aufwand Beruf und Familie unter einen Hut gebracht hat, ist es aber nicht unbedingt ihr Ziel, am Ende des Berufslebens ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um die Enkel zu hüten.

Das scheinbar geänderte Rollenbild hat die Verantwortlichkeiten nicht verschoben: Weder die Sorge für die ältere Generation noch die Kinderbetreuung wird konsequent aufgeteilt. Geht es um pflegerische Unterstützung sind nach wie vor mit grosser Selbstverständlichkeit hauptsächlich die Frauen gefragt.

Was hat das für Konsequenzen?

Männer wie Frauen sind im Zeitpunkt des Eintritts in das Rentenalter zunehmend gesund und in der Lage, einen neuen, aktiven Lebensabschnitt zu gestalten. Aber wie soll diese Zeit gestaltet werden?

Grosse Teile in unserer Gesellschaft sind von der Freiwilligenarbeit abhängig. Aber wollen die Frauen nach einem anstrengenden Berufsleben nun ehrenamtlich weiterarbeiten? Wollen sie sich bereits wieder durch ein regelmässiges, verpflichtendes Engagement einschränken lassen? Die Frauen sind also gefordert, ihren „Ruhestand” zu planen, und sie werden dies auch tun.

Die Rolle der Unternehmen

Überall wird festgestellt, dass die Wirtschaft die Frauen braucht. Gemischte Teams erbringen langfristig bessere Leistungen. Frauen prägen die wesentlichen Kaufentscheide, und die ältere Generation hat mehr Finanzen zur Verfügung. Das führt aber nicht dazu, dass Unternehmen vermehrt auch «ältere» Frauen in Entscheidungsfunktionen einbinden.

Heute behaupten Unternehmen, sie wollten mehr Frauen in Verwaltungsräten oder an leitenden Stellungen, würden diese aber nicht finden. Gut qualifizierte Frauen empfinden derartige Aussagen als unehrlich. Es gibt sie, diese qualifizierten Frauen, und sie lassen sich auch gerne finden. Unternehmen müssen jedoch dringend ihre Stereotypen überdenken und abbauen.

Frauen haben heute klare Vorstellungen, wie sie ihre letzten Berufsjahre und den Übergang in die nachberufliche Zeit gestalten wollen. Sie wissen auch, was sie vom Lebensabschnitt danach erwarten. Die Erfahrung hat sie aber auch gelehrt, dass sich das Leben nicht immer so entwickelt wie geplant. Sie werden deshalb ihre Pläne flexibel anpassen. So unterschiedlich wie die Erwerbsbiographien waren, so unterschiedlich werden auch ihre Vorstellungen vom Übergang aus dem Erwerbsleben sein. Der Jugendlichkeitswahn wirkt auch heute noch mit Effekt bei den Frauen. Sie werden schneller als alt gestempelt im Berufsleben. Wollen wir motivierte Frauen halten, gilt es, die Flexibilität beim Übergang aus dem Berufsleben zu ermöglichen.

[Quelle: „Impulse“ 2014. Feminisierung des Alters, S. 10-11. Mit einem Dank für die Genehmigung des Abdrucks an die Tertianum Gruppe.]


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