• Montag, 29.05.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Voller Einsatz für Bauern und Berge

Untertitel
Mit Peter Rieder sprach Max Hugelshofer
Voller Einsatz für Bauern und Berge
© Schweizer Berghilfe

Herr Rieder, Sie sind selbst in einem Bergdorf aufgewachsen, als Sohn einer Bergbauernfamilie. Wie hat sich das Leben in den Bergen verändert?

Peter Rieder: Richtig, viel verändert hat sich vor allem für die jungen Frauen. Ich konnte damals auch als Sohn eines einfachen Valser Bergbauern bereits ins Gymi und später an die ETH, und ich war keine Ausnahme. Aber von den Mädchen meines Jahrgangs durfte niemand studieren. Die mussten möglichst rasch als Zimmermädchen in die Hotels gehen, um Geld zu verdienen. Da konnte eine junge Frau pro Monat mehr Geld nach Hause bringen als ein Bergbauer im ganzen Jahr. Das ist heute zum Glück anders.


Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.


Bekommen heute im Berggebiet wirklich alle Jungen die Ausbildung, die sie sich wünschen?

Theoretisch ja. Es gibt allerdings Fälle, in denen die Kosten rund um die Ausbildung herum für Familien zu hoch werden. Etwa für Fahrten, Schulgeld oder für Unterkunft am Ort der Ausbildung. In solchen Fällen unterstützt die Schweizer Berghilfe immer wieder betroffene Familien.

Als Sie in den 1980er-Jahren bei der Schweizer Berghilfe eingestiegen sind, wurden ausschliesslich landwirtschaftliche Projekte unterstützt. Hat es ihnen als Agronom nichts ausgemacht, dass später auch Projekte aus dem Bereich Tourismus oder aus dem Gewerbe unterstützt wurden?

Überhaupt nicht. Denn einerseits wurden ja deswegen nicht weniger Projekte aus der Landwirtschaft unterstützt. Und andererseits kommen die innovativsten Projekte – also diejenigen, die das Berggebiet wirklich weiterbringen können – selten aus der Landwirtschaft.

Das tönt jetzt nicht nach der grossen Liebe zu den Bauern.

Das war umgekehrt auch nicht immer so. Ich wurde von den Bauern für meine Arbeit zwar geachtet, aber nie geliebt. Denn ich war ja nicht nur Agronom, sondern auch Ökonom. Ich verlangte von den Bauern mehr wirtschaftliches Denken und strukturelle Veränderungen. So empfahl ich auf eidgenössischer Ebene, dass allzu kleine Betriebe nicht mehr subventionsberechtigt waren, damit mittelgrosse sich durch Zupachten vergrössen konnten. Da habe ich mir auch Gegner gemacht. Trotzdem: Ich mag die Bauern, tief in meinem Herzen bin ich ja selbst noch einer. Ich kann eine Kuh melken und mit einer Sense mähen.

Wie geht es heute der Berglandwirtschaft in der Schweiz?

Besser als auch schon. Ein grosser Teil der fälligen Strukturanpassungen sind vollzogen worden, Höfe wurden vergrössert, mechanisiert und somit wettbewerbsfähiger gemacht. Diese Entwicklung habe ich schon vor Jahrzehnten vorausgesagt. Und sie ist sogar schneller eingetroffen als gedacht.


Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch


Sie waren lange Zeit Vorsitzender des Projektausschusses der Schweizer Berghilfe, also des Gremiums, das auf Antrag der Experten entscheidet, ob und wie viel Unterstützung ein Gesuchsteller erhält. Haben Sie dort dagegen votiert, wenn eine Bauernfamilie mit einem kleinen Hof Unterstützung beantragte.

Nein, ich bin ja auch kein Unmensch. Ich will helfen. Beim Erarbeiten einer Strategie für die schweizerische Landwirtschaftspolitik kann man nicht auf Einzelschicksale Rücksicht nehmen. Bei der Berghilfe ist dies zum Glück möglich. Jeder Fall wird mit all seinen Besonderheiten genau angeschaut. Und manchmal kommt man dann zum Schluss, dass ein Projekt, das in der Theorie kaum Chancen hat, doch unterstützenswert ist. Wir haben manchem Bauern Investitionen ermöglicht, die eine Effizienzsteigerung brachten und so dem Hof wieder eine Zukunft gaben.



Peter Rieder

Peter Rieder, Jahrgang 1940, wuchs in Vals/GR auf, machte in Disentis an der Klosterschule die Matura und studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaften. An das Agronomie- hängte er noch ein Ökonomiestudium an. Seither begleitete ihn die wirtschaftliche Sichtweise. Aber auch der Bezug zu den Bergen blieb. Seine Dissertation schrieb er zum Thema „Landwirtschaftliche Produktionsmöglichkeiten im Berggebiet.“

Peter Rieder machte sich international einen Namen als Agrarökonom und wurde 1980 zum Professor an der ETH gewählt. Die eidgenössische Agrarpolitik seit den 1970er-Jahen prägte er entscheidend mit. Der Schweizer Berghilfe stellte Rieder während Jahrzehnten seine Expertise ehrenamtlich in verschiedensten Funktionen und Positionen zur Verfügung. Er war langjähriges Mitglied des Stiftungsrats und leitete während mehrerer Jahre den Projektausschuss. Bis zu seinem Rücktritt war er Fachexperte für den Bereich Bildung.

Zum Titelbild: Peter Rieder verbringt auch im Pensionsalter noch viel Zeit in seinem Büro an der ETH.



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