• Montag, 29.05.2017
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GESUNDHEIT

Verlangsamung des Krankheitsverlaufes bei Demenz

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Von Reto W. Kressig
Verlangsamung des Krankheitsverlaufes bei Demenz
© snyggg.de - Fotolia.com / Wikimedia.org
Die von verschiedenen Fachleuten angebrachte Kritik stützt sich vornehmlich auf fehlende deutliche Zeichen einer kognitiven Verbesserung. Sie sind tatsächlich häufig sehr minimal. Wesentlicher ins Gewicht fallen dafür die Verbesserungen bei Verhaltensstörungen, aber auch die Verlängerung der Unabhängigkeit und damit der Verbleib in den eigenen vier Wänden. Denn: Über eine mittlere Behandlungszeit von 7 Jahren kann mit einer Cholinesterasehemmer-Therapie der Eintritt in ein Pflegeheim um 63%, mit einer Cholinesterasehemmer/Memantin-Kombinationstherapie sogar um 71% verhindert werden. Die Daten stammen aus einer retrospektiven Analyse an einem grossen amerikanischen Memory-Center und stehen im direkten Vergleich mit nicht behandelten Alzheimer-Erkrankten (vgl. Literaturhinweis am Ende des Artikels).

Angesichts der beeindruckenden Zahlen ist es bedauerlich, dass in der Schweiz vielen Alzheimer-Patienten die aktuell zur Verfügung stehenden Medikamente aus angeblichen Kostengründen vorenthalten werden. Die gewonnenen Jahre zuhause resp. die gesparten Jahre der Institutionalisierung müssen hier unbedingt in die Kostenrechnung einbezogen werden.

Natürlich muss die Krankheit früh diagnostiziert werden, um den maximalen Benefit einer solchen Therapie zu erzielen. Viel zu oft wird die Alzheimer-Diagnose gar nicht oder viel zu spät gestellt. Zudem ist Memantin in fortgeschritteneren Demenzstadien zugelassen und hier vor allem bei sehr schwierigen Verhaltensstörungen wie Aggressivität und Gereiztheit wirksam. So müssen keine oder weniger Neuroleptika mit beträchtlichen Nebenwirkungen eingesetzt werden. Eine vermeintliche Kosteneinsparung durch das Wegfallen von Memantin wird man daher mit Zusatzkosten von anderen Medikamenten und durch einen erhöhten Pflegeaufwand mehr als wettmachen müssen.

«Viele Patienten fühlen sich mit Ginkgo besser»

Für die medizinische Nutzung gibt es zu Ginkgo vor allem Daten zur Demenz-Prävention, und zwar bei Patienten, die über Gedächtnisstörungen klagen, aber die Kriterien einer Demenzdiagnose nicht erfüllen. Neueste Daten weisen hier daraufhin, dass Ginkgo über längere Zeit, das heisst mindestens 4 Jahre, eingenommen werden muss, um einen präventiven Effekt zu erreichen.

Bei etablierter Alzheimererkrankung hat Ginkgo – im Gegensatz zu den oben angesprochenen antidementiven Medikamenten – keinen etablierten Platz. Dennoch habe ich viele Patienten, die auf Ginkgo schwören, weil sie sich unter einer solchen Therapie generell besser fühlen. Wichtig ist hier, dass Ginkgo nicht eingenommen wird, ohne dass der Hausarzt Bescheid weiss. Ginkgo beeinflusst die Blutgerinnung, was vor allem bei gleichzeitiger Einnahme von Blutverdünnungsmedikamenten wichtig sein kann.

Ebenfalls empfehlenswert sind auch nicht-medikamentöse Therapien: Regelmässige körperliche Betätigung sowie soziale und kognitive Stimulierung (zum Beispiel vereinigt in Tanz oder Rhythmik) sind hier wirksame Ansätze.


Literaturhinweis
  • Lopez OL et al. Long-term effects of the concomitant use of memantine with cholinesterase inhibition In Alzheimer disease. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2009;80:600-7.
Pharmakodynamik von Memantin
Memantin blockiert schädliche Glutamat-Wirkungen (Glutamat ist ein Neurotransmitter im ZNS), die zu Funktionseinschränkungen und schliesslich zum Absterben von Nervenzellen führen. Dadurch können Lern- und Gedächtnisprozesse verbessert ablaufen.

Cholinesterasehemmer
Nervenzellen sind mit fortgeschrittener Alzheimer-Demenz deutlich weniger aktiv, was zu einer Verlangsamung der Signalübertragung im Gehirn führt. Die Cholinesterasehemmer regen die Kommunikation zwischen den Nervenzellen wieder an und mildern dadurch die Symptome der Erkrankung.


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