• Samstag, 23.09.2017
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PERSPEKTIVEN

Unterwegs zu Schweizer Bergbetten

Untertitel
Von Max Hugelshofer
Unterwegs zu Schweizer Bergbetten
© Schweizer Berghilfe
Der Tourismus ist in den Schweizer Bergen nicht wegzudenken. Er sorgt im Idealfall auch dafür, dass in abgelegenen Tälern die Infrastruktur erhalten bleibt, dass Arbeitsplätze geschaffen werden und dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. Aus diesem Grund unterstützt die Schweizer Berghilfe seit neun Jahren auch Projekte im sanften Tourismus. Gut 200 waren es in dieser Zeit, und über mehrere wurde auch in der „Berghilf-Ziitig“ berichtet. Dieses Heft bekommen auch Anne-Gret und Peter Hotz als Spender der Berghilfe seit Jahren. Sie lesen die Reportagen über die unterstützten Projekte jeweils sehr interessiert. Da die beiden seit ihrer Pensionierung gerne und oft unterwegs sind, entstand die Idee einer Schweizerreise mit Etappenzielen bei Projekten, die durch die Berghilfe unterstützt worden sind.


Die Reise beginnt für Anne-Gret und Peter Hotz in Château-d’Oex, wo sie von Gastgeberin Armelle Morier empfangen werden.
Die Reise beginnt für Anne-Gret und Peter Hotz in Château-d’Oex, wo sie von Gastgeberin Armelle Morier empfangen werden.


Jetzt stehen Anne-Gret und Peter in Château-d’Oex im Stall von Familie Morier und lassen sich von Sohn Mathieu die Kälber zeigen. Moriers sind eine der Bergbauernfamilien, die es geschafft haben, sich im Tourismus ein zweites Standbein aufzubauen. Es war vor sieben Jahren, als Jean-Jacques und Armelle Morier einsehen mussten, dass ihr Milchwirtschaftsbetrieb einfach nicht genügend Ertrag abwarf, um die fünfköpfige Familie ernähren zu können. Die Expansion in die Schweinemast hatte nicht die erhoffte Verbesserung gebracht. Dafür so viel Gestank und Arbeit, dass Moriers mit ihrer Energie an den Anschlag kamen. Neue Ideen waren gefragt. „Wieso nicht selbst zur Gastgeberin werden?“ fragte sich die ausgebildete Hotelfachfrau Armelle, die sich seit Jahren in verschiedenen Hotels und Restaurants in Château-d’Oex einen Nebenerwerb verdiente.


Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.


Moriers wagten also die Flucht nach vorne und verwandelten den Schweinestall auf ihrem Hof „Le Berceau“ in ein Gästehaus mit fünf Zimmern und einem grossen Speise- und Aufenthaltsraum. „Inzwischen haben wir jeweils über 1000 Übernachtungen pro Jahr“, sagt Armelle. Dies reicht aus, um die Zukunft des Familienbetriebs zu sichern. „Le petit business de Madame“ bringe inzwischen mehr als die Hälfte des gesamten Familieneinkommens ein, sagt Armelle verschmitzt.

Anne-Gret und Peter können nach dem gemeinsamen Nachtessen mit Armelle und zwei weiteren Gästen gut nachvollziehen, warum die „Chambres d’Hotes du Berceau“ bei Gästen aus der ganzen Westschweiz, aber auch aus Frankreich, Belgien und Kanada so beliebt sind. Es ist die Kombination aus Ferien auf dem Bauernhof, einer wunderschönen Umgebung und vor allem der Herzlichkeit von Gastgeberin Armelle.

Das nächste Ziel

Man könnte ewig bleiben. Doch das nächste Projekt wartet bereits, und so sitzen Anne-Gret und Peter am späten Vormittag wieder im Auto. Über Saanen und durch das Simmental geht die Fahrt, dann vorbei am Thuner- und am Brienzersee in Richtung Sustenpass. Dort, in Gadmen, kommen sie am Nachmittag im Gasthaus Alpenrose an. Die Alpenrose ist kein gewöhnliches Berghotel. Sie ist quasi das Basislager eines sozialen Jugendprojekts. Und noch ungewöhnlicher ist das Bergbett, dass sich Anne-Gret und Peter für diese Nacht reserviert haben. Es steht in einem futuristischen Modulbau, und dieser wiederum mitten auf einer Alpweide. Berglodges Gadmen heisst das Projekt, das im Gadmental bereits für viel Bewegung gesorgt hat, bevor es richtig gestartet ist.

Der Kopf dahinter ist Matthias Hehl. Bei Trockenfleisch und Käse aus der Region sowie einem Glas Weisswein erzählt er den Berghilfe-Reisenden die Entstehungsgeschichte. Die Idee war, in einer abgelegenen Gegend ein stillgelegtes Gasthaus zu übernehmen und dort Jugendliche zu betreuen und auszubilden. Die Alpenrose in Gadmen ist zu diesem Zentrum geworden, doch das Projekt reicht schon viel weiter. Die Jugendlichen der Alpenrose sind bei Gastfamilien und Gewerbebetrieben im ganzen Tal untergebracht, lernen dort Tagesstrukturen einzuhalten und einer geregelten Arbeit nachzugehen. Einzig und ausgerechnet in der Alpenrose gab es Probleme. Es war schlicht zu wenig los, um den Jugendlichen eine realitätsnahe Ausbildung als Koch oder Servicefachkraft zu bieten.

Die zweite Übernachtung ist ein besonderes Erlebnis: Mitten in der eindrücklichen Natur des Gadmentals in der Berglodge. Die zweite Übernachtung ist ein besonderes Erlebnis: Mitten in der eindrücklichen Natur des Gadmentals in der Berglodge.
Also sahen sich Hehl und seine Mitstreiter nach neuen Möglichkeiten um, weitere Besucher ins Tal zu holen. Schnell war allen Beteiligten klar, dass dies nur über die eindrückliche Natur des Gadmentals zu bewerkstelligen war. Doch wie? Irgendwann fragte jemand: „Warum stellen wir nicht einfach ein Hotelzimmer mitten in die Natur raus?“

Die Idee für die Berglodges war geboren. Es gab viele Klippen zu umschiffen, bevor ein erster Prototyp gebaut war und die nötigen Bewilligungen erteilt waren. Inzwischen stehen an den Hängen oberhalb der Alpenrose zwei dieser Lodges. Mindestens sechs weitere sollen folgen. Ausgestattet mit zwei grossen Doppelbetten, einer kleinen Küche, Dusche, Toilette und einem Schwedenofen laden sie ein, die wilde Natur zu geniessen. Je nach Wunsch stehen zum Znacht Pasta und Sugo aus der Alpenrosen-Küche bereit. In zehn Minuten ist auf dem kleinen Gasherd gekocht. „Das war ein einmaliges Erlebnis, das ich jedem empfehlen kann“, schwärmt Peter am nächsten Morgen. Durch die grossen Fenster hat das Ehepaar Hotz während des Nachtessens beobachtet, wie die Sonne hinter den steilen Felswänden verschwand. Dann kam ein Wind auf, der hörbar um die Lodge strich und in Kombination mit dem beruhigenden Bimmeln vieler Kuhglocken zu einem tiefen Schlaf beitrug.

Weiter geht es…

Der Wind begleitet Anne-Gret und Peter am nächsten Morgen in Richtung ihres nächsten Ziels. In Seelisberg, hoch über dem Vierwaldstättersee, angekommen, hat sich der Wind schon zu einem kräftigen Föhn entwickelt. Und dabei steht doch diese Nacht Zelten auf dem Programm. Direkt am Seelisberger Seeli (siehe Titelbild) liegt nämlich einer der schönsten Zeltplätze der Schweiz. Hier gibt es noch ungefilterte Natur. Die Infrastruktur ist einfach, Autos müssen auf dem etwas oberhalb gelegenen Parkplatz bleiben. Dafür darf man sich seinen Zeltplatz auf der grossen, hügeligen Wiese selbst aussuchen, Feuer machen und Würste bräteln ist ausdrücklich erlaubt. Doch heute wird nichts daraus. Denn der Föhn, eigentlich ein seltener Gast am Seeli, hat inzwischen Sturmstärke erreicht, und ans Feuermachen ist nicht zu denken. Auch nichts ans Zeltaufstellen. Also verbringen Anne-Gret und Peter die Nacht gemeinsam mit dem Fotografen auf ihren Isoliermatten auf dem Boden des Aufenthaltsraums. Schlaf finden sie nicht viel. Einerseits, weil sich die aus Ermangelung anderer Beschäftigungsmöglichkeiten entstandene Jassrunde in die Morgenstunden hineinzieht, andererseits, weil der Sturm derart an dem einfachen Holzbau reisst, dass es den dreien mehr als einmal etwas unheimlich wird. So ist es dann umso anstrengender, morgens um sechs, als der Wind kurz nachlässt, doch noch kurz das bisher nicht benutzte Zelt aufzubauen. Aber ein Erlebnis war es allemal. „Diese Nacht vergesse ich so schnell nicht wieder. Einen solchen Föhnsturm habe ich noch nie erlebt“, sagt Anne-Gret. „Und wenn, dann waren wir sicher noch nie so ungeschützt mittendrin“, ergänzt Peter.

Ins Tessin

So nehmen sich die beiden vor, am nächsten Tag etwas früher ins Bett zu gehen. Aber es wird nichts draus. Obschon sie nach der Fahrt durch den Gotthard ins Tessin, das Maggiatal hinauf bis ins Valle die Campo ziemlich müde sind und die Betten im umgebauten Baustellenwagen auf dem Hof Munt la Reita bereit stehen. Aber spannende Gespräche mit der Gastgeberfamilie Senn, die seit 25 Jahren hier oben Milchwirtschaft betreibt, und eine Überraschungsvorführung eines Films über die Anfänge und Entwicklung des Hofs im eigenen improvisierten Kino sorgen dafür, dass die Betten lange unbenutzt bleiben. Und der nächste Morgen ist eigentlich auch zu schade, um auszuschlafen, denn bei Verena Senn in der Käserei gibt es viel zu sehen und zu diskutieren.


In Cimalmotto im Tessin gibts einen Einblick in den Käsekeller von Familie Senn.
In Cimalmotto im Tessin gibts einen Einblick in den Käsekeller von Familie Senn.


Der darauffolgende Ruhetag im Tessin im Ferienhaus von Freunden kommt Anne-Gret und Peter wie gerufen, bevor die Reise dem Comersee entlang und durch das Bergell ins Engadin weitergeht. Als krönender Abschluss steht eine Übernachtung in einem der aussergewöhnlichen Palazzo-Zimmer im Hotel Piz Linard in Lavin an, ein entspannendes Bad in der frei im Zimmer stehenden Holzbadewanne und ein feines Nachtessen im Arvensaal. Die Milchlammschulter vom Bio-Bauern nebenan trägt Küchenchefin Claudia Kläger auf der grossen Platte auf. Auch hier gibt es wieder viel zu diskutieren.

Hotelier Hans Schmid lässt es sich nicht nehmen, seinen Gästen die unterschiedlichen liebevoll eingerichteten Zimmer zu zeigen und ihnen die Geschichte des Piz Linard zu erzählen. Wie er ungeplant vom Stammgast im Unterengadin zum Einheimischen geworden ist, wie er mit seiner damaligen Frau Gaby und mit Unterstützung von Künstlern, Architekten und Grafikern das 140-jährige Hotel saniert und zu neuem Glanz gebracht hat. Sie erfahren auch, wie wichtig das Piz Linard inzwischen für das Dorf geworden ist. Es bringt nicht nur interessierte Gäste nach Lavin, sondern gibt auch elf Personen eine Arbeitsstelle. Lokale Produzenten liefern ihre Produkte. Von der Nusstorte über den Käse und das Fleisch bis zu den Blumen – was möglich ist, kommt von hier. Und vieles mehr kaufen Schmid und sein Team ganz bewusst im Dorfladen ein.


Abschluss der Reise ist eine Übernachtung im Hotel Piz Linard in Lavin – inklusive Schlemmermenue.
Abschluss der Reise ist eine Übernachtung im Hotel Piz Linard in Lavin –
inklusive Schlemmermenue.


„Ich finde das Hotel super, besonders für Leute wie uns, die sich für Kunst und Architektur interessieren“, sagt Anne-Gret. „Allerdings war ich vor dem Besuch etwas skeptisch, ob hier die Unterstützung der Berghilfe wirklich sinnvoll war. Schliesslich richtet sich das Piz Linard an eine kleine Kundengruppe. Was sollte das der Bevölkerung bringen? Doch nach dem Besuch bin ich davon überzeugt, dass die Unterstützung richtig war. Auch wenn das Hotel eine Nische abdeckt, profitieren kann die ganze Region.“

Dieser Meinung ist auch Eva Brechtbühl: „Wenn es bei Tourismusprojekten so läuft wie hier, dann ist der Berghilfe-Beitrag gut investiert.“ Sie hat während mehrerer Jahrzehnte in leitenden Positionen bei Schweiz Tourismus gearbeitet und ist seit ihrer Pensionierung bei der Schweizer Berghilfe Fachexpertin für den Bereich Tourismus. Die Risiken seien im Tourismus teilweise höher als in traditionelleren Bereichen wie der Landwirtschaft, erklärt sie. „Doch wenn gute Ideen professionell und mit viel Elan umgesetzt werden, dann sind auch die Chancen für eine Bergregion gross.“

Deshalb wird die Schweizer Berghilfe auch in den nächsten Jahren noch viele Projekte aus dem sanften Tourismus unterstützen. Und Anne-Gret und Peter werden sich bestimmt wieder mal auf eine „Berghilfe-Reise“ aufmachen. Aber zuerst ist nun etwas Erholung angesagt. Denn wie Anne-Gret sagt: „Die Tour war zwar nicht sehr erholsam, aber unglaublich spannend.“


Zu jedem in diesem Artikel vorgestellten Projekt gibt es auf www.berghilfe.ch einen ausführlicheren Text und eine Galerie mit weiteren Bildern.



Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch



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Ein Beitrag der Schweizer Berghilfe



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