• Montag, 29.05.2017
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ALTERSTHEMEN

Unsere Sicherheitsbedürfnisse

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Unsere Sicherheitsbedürfnisse
Der Sicherheitsgedanke ist stets ein Gegenentwurf zur Erfahrung der Fragilität. Insbesondere soll Sicherheit gegen die Wechselfälle des Lebens wappnen und der Zukunftsbewältigung dienen. Dabei erstrecken sich gegenwärtige Sicherheitskonzepte vor allem auf die Absicherung von Gesundheit, Familie und Alter und auf die Bewahrung des persönlichen Eigentums. Die Sicherheit der Bevölkerung angesichts des islamistischen Terrors erfordert internationale Sicherheitsstrategien.

Sicherheit hat viele Facetten

Das Bedürfnis nach Sicherheit erwächst aus der Angst vor der Instabilität aller menschlichen Verhältnisse. Das Los der Menschen sei es, niemals sicher sein zu können, heisst es in Shakespeares „Julius Caesar“. Alles hängt an einem seidenen Faden, sagt das Sprichwort. Es ist dies die Fragilität, die alles erschüttern kann. Diese Zerbrechlichkeit umgibt das Ich und die Dinge, auf die wir uns einstellen, schliesslich unsere Beziehungen zu allem. Unsere gesamte Praxis sowie unsere theoretischen Bemühungen stehen unter dem Diktat dieser unerbittlichen Macht der Fragilitas. Stirbt jemand urplötzlich, dann bricht alles um ihn herum zusammen wie ein Kartenhaus. Dies ist die wohl nachhaltigste Wirkung, die von fragilen Verhältnissen ausgelöst wird: die Erschütterung aller Konventionen, das unerbittliche Ausgesetztsein, der Verlust jeglicher Vertrautheit und Nähe, der Sturz in die Verzweiflung. Daraus wird verständlich, dass Sicherheitserwartungen manchmal als moderne Ersatzreligion bezeichnet werden.

Zivilisation contra Mängelwesen

Dabei zeigt sich, dass wir als Menschen „Mängelwesen“ sind und von der Zerbrechlichkeit ganz und gar geprägt werden. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen, welche die ungeheueren Anstrengungen gegen die Fragilität bezeugen: die Religion, die Bildung der Staaten, das Rechts- und Justizwesen, die Medizin und Technik, die Psychiatrie – und ganz direkt: das Versicherungswesen. Dies alles sind Veranstaltungen, um den Zufall, eben die Kontingenz, einzudämmen. Unsere gesamte Zivilisation kann als ein Grossprojekt der Kontingenz- oder Fragilitätsbewältigung betrachtet werden.

Die Sprache selbst ist ein gutes Beispiel für Fragilität: Vom Versprechen bis zu Missverständnissen oder vom Stammeln bis zum Nicht-Verstehen reicht ihre Ausstrahlung in die Sprache hinein. Es braucht nicht immer die Brücke, die plötzlich einstürzt, nicht des Flugzeugs, das aus unerklärlichen Gründen an einem Berg zerschellt: Versprechen, Verwechseln, Vertauschen, Versehen, Verlieren sind die alltäglichen Gestalten der Fragilität. In seiner „Psychopathologie des Alltagslebens“ liefert Freud ein ganzes Bündel solcher Gestalten.

Religion und Technik

War in der Prämoderne die Religion das Gegenmittel, so hat seit der technisch industriellen Zivilisation der Mensch mittels der Technik die Fragilitätsbewältigung selbst in die Hand genommen. Versprechungen der Religion wurden ins Pathos des Fortschritts transformiert. Zweifel an der Fortschrittsidee münden in der säkularen Gesellschaft daher zwangsläufig in Pessimismus und eine Hochkonjunktur apokalyptischer Visionen. Der letzte grosse intellektuelle Feldzug gegen die Fragilität war die bürgerliche Geschichtsphilosophie. Aus der Geschichte wollte man den Sinn und eine gewisse Erwartbarkeit der irdischen Vorgänge ableiten.

Versicherungen

In derselben Zeit entstanden nicht zufällig die ersten grossen Versicherungsunternehmen (Allianz 1870, Helvetia 1858, Patria 1878 gegründet), die das Risiko des Alltags minimieren wollten. Etwas überspitzt könnte man sagen: Die Sinnentwürfe der Geschichtsphilosophie wurden durch die Versicherungspolice abgelöst, die das Alltagsrisiko abschwächen möchte und dadurch eine bestimmte Sicherheitsgarantie für die Zukunft liefert. Es verwundert kaum, dass anfangs gegen den Versicherungsgedanken von theologischer Seite erhebliche Bedenken geäussert wurden, pfuschten die Versicherungen doch in das Handwerk Gottes und wollten gar die Vorsehung und Vorbestimmung ausschalten. Der Philosoph Leibniz hatte bereits 1697 den Vorschlag zur Errichtung von Versicherungen unterbreitet, eng in Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Entstehung von gefahrvollen Verkehrswegen zu Wasser.

Sicherheitsdenken

In der Staatsphilosophie des 17. und des 18. Jahrhunderts wird Sicherheit zentral bei Legitimitätsdebatten und bei den Organisationsaufgaben des Staates. Die Sicherheit des Eigentums als „angeborenes Recht“ und die Rechtssicherheit werden erstmals thematisiert. Seit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts gewinnt die soziale Sicherheit besondere Aufmerksamkeit. Sie wurde danach im New-Deal-Programm des amerikanischen Präsidenten Roosevelt und schliesslich in Artikel 22 der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 zu einem fundamentalen gesellschaftlichen Massstab.

Nach der innergesellschaftlichen Sicherheit infolge Industrialisierung und Säkularisation erhält die kollektive Sicherheit mit Blick auf die Atombombe, die Umweltzerstörungen und den internationalen Terrorismus in der öffentlichen Diskussion ein besonderes Gewicht.

Sicherheit im Alter

Eine umfassende Sicherheit im Alter ist angesichts der demographischen Entwicklung zu einer herausfordernden Zukunftsaufgabe geworden. Sicherheit im Alter ist ein wesentlicher Beitrag zur Lebensqualität älterer Menschen. Ihnen kommt die Aufgabe ihrer Sicherheitsorganisation selbst und eigenverantwortlich zu, soweit es ihre Person und ihr direktes Umfeld betrifft.

Befragungen haben ergeben, dass der Wert der Sicherheit neben Gesundheit im Alter an vorderster Stelle steht. Einige der wichtigsten Ursachen dafür sind:
  1. die Abnahme bestimmter geistiger oder körperlicher Fähigkeiten
  2. die Verlangsamung in der Motorik
  3. Verlust an regelmässigen Aufgaben
  4. die Angst vor der Zukunft
  5. der Schwund an religiösen oder vergleichbaren Grundüberzeugungen.

Stabile Beziehungen geben Sicherheit

Persönliche Sicherheit ist eingebettet in ein vielmaschiges Sicherheitsnetz. Dazu gehören das soziale Umfeld, die Wohnsituation, besonders die Beziehungen in Familien oder Partner- und Freundschaften. Gespräch und Dialog sind die kommunikativen Formen, in denen das Ich einem Du gegenübertritt und sich als anerkannte Person erfährt. Dabei spielt das symmetrische Verhältnis zwischen den Partnern eine entscheidende Rolle. Kippt der Dialog oder bleibt das Du stumm, dann fällt das Ich in eine monologische Situation, die existentiell mit Einsamkeit einhergeht. Einsamkeit, Isolation, Abkapselung sind aber die Zustände und Befindlichkeiten, bei denen ältere Menschen ihre Orientierung und sozialen Kontakte verlieren und die damit das Gefühl der Unsicherheit erhöhen. Zu einem ausgeprägten Sicherheitsgefühl gehören mithin intensive Beziehungen zu Anderen. Dies kann innerhalb der Familien, in einer Partnerschaft oder im Freundeskreis geschehen: Es sind die Sicherheitsbastionen im sozialen Leben.

Globalisierung, Flexibilisierung

Das Leben im globalen Dorf der Medienwelt stellt eine grosse Anzahl von Perspektiven (technisch offeriert durch eine Unzahl von Kanälen und Netzwerken) zur Verfügung, es bewirkt jedoch eine bedenkliche Nivellierung. Durch die Globalisierung werden tradierte Sicherheitskonzepte gesprengt und beachtliche Szenarien der Unsicherheit produziert. Der Gegentrend – die Regionalisierung – ist der Versuch, wieder sicheren Boden unter die Füsse zu bekommen.

Wie Sicherheit in der Globalisierung zu erreichen ist, davon hängt vieles in Zukunft ab. Eine der fatalsten und grausamsten Antworten auf die supranationalen Sicherheitskrisen infolge des Globalisierungsdrucks und politischer Fehlentscheidungen ist der Fundamentalismus in allen Spielarten. Diese Form von „Sicherheit“ ist jedoch eine Selbstentmachtung des Menschen. Stattdessen sollten Selbständigkeit und Verantwortung des Einzelnen gestärkt werden, indem die Werte der europäischen Kultur mit Nachdruck vertreten werden. Sind elementare Sicherheitsstandards erfüllt, führt dies oft zu einer Stabilität in der Gesellschaft und zu einer sozialen Befriedung. Dies ist auch eine Lehre aus den Attentaten von Paris.



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