• Mittwoch, 18.01.2017
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ALTERSKULTUR

Trost und Freuden der Gartenarbeit

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Trost und Freuden der Gartenarbeit
Floydine - fotolia.com
Gärten galten als Weltwunder (die hängenden Gärten der Semiramis), oder sie waren Orte, an denen die Götter erschienen, angekündigt durch leicht bewegte Blätter eines Baumes, ausgelöst durch einen sanften Wind. Im Paradiesgarten sah man die Menschen Adam und Eva vor dem Sündenfall in ihrer erkenntnislosen Unsterblichkeit. Philosophen der Renaissance haben ihre Gärten gestaltet nach den Grundsätzen ihrer Theorien, so dass in ihnen das Abstrakte anschaulich werden sollte. In der Zeit der Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert war der Spaziergang im Garten die Art, wie sich freundschaftlich miteinander verbundene Menschen in die Natur und in den Anderen einfühlen konnten. Fürst Pückler-Muskau, der Autor des bis heute klassischen Werks „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834), hatte seine Gartenanlagen in Muskau wie einen idealen Staat angelegt: der Garten als utopisches Staatsmodell.


Englischer Park
Englischer Park

Oder die historischen Parks – französischer oder englischer Prägung – dienten den Gartenarchitekten als Muster, um den Blick des Betrachters auf bestimmte Weise zu lenken. Und in den asiatischen Gärten wird der enge Bezug zum Kosmos hergestellt und nach religiösen und spirituellen Einstellungen ausgerichtet. Diese wenigen Beispiele machen bereits deutlich, dass der Garten in der Vorstellungswelt der Menschen ein offener Raum ist für unterschiedliche symbolische Besetzungen.

Freizeitbeschäftigung

Heutzutage wird der Garten zumeist mit einem Feld für kreatives Handeln, für den Gestaltungswillen, für Aktivität und sinnvolle Freizeitbeschäftigung gleichgesetzt. Insbesondere für Menschen der älteren Generation ist er ein wertvoller Gestaltungs-, Aktivitäts- und Erlebnisraum. Der Garten wird zum idealen Ort für sinnvolle Tätigkeiten angesichts freier Zeit.

Symbol der Lebensbewegung

Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Erklärungen ausreichen, ob es nicht noch andere, unbewusste Antriebe für die Befassung mit dem Garten gibt. Unzweifelhaft ist Gartenarbeit Ausdruck kreativen Handelns. Im Garten kann die Natur frei arrangiert und nach eigenen ästhetischen Grundsätzen gestaltet werden. Dafür bedarf es der hütenden Sorge, damit das Wachstum gefördert wird und das Reifen sich vollbringen kann, damit alles wohl gedeiht. Der jahreszeitliche Rhythmus bezieht die Gärtnerin oder den Gärtner in den Kreislauf von Werden und Vergehen ein. Die Erfahrung von Säen, Wachsen, Blühen, Reifen, Verwelken, Vergehen kann nirgends so eindrücklich und wiederholt gemacht werden wie im eigenen Garten. Insofern ist dieser Naturraum als Insel im Dasein ein anschauliches Symbol der Lebensbewegung selbst.

Man erlebt, dass die Erde etwas Lebendiges und nichts Totes ist, dass sie sich einmal warm, einmal kalt anfühlt, dass sie dampfen, dass sie haptisch (die Erde in der Hand zerkrümeln) oder für den olfaktorischen Sinn einen Reiz auslösen kann, kurz: Die Erde wird als ein Element erfahren, das lebendig ist und sinnliche Reize auslöst.

Umgang mit der Erde

Daraus erklärt sich wohl, warum gerade im Alter der Garten und der Umgang mit der Erde so wichtig sind. Es ist eine Art der Vorbereitung auf den Tod, denn wir alle werden einmal in der Erde begraben werden. Dass der Mensch aus Erde ist und wieder zu Erde oder Staub werden wird, haben die Religionen in Sentenzen festgeschrieben. In Mythen (Prometheus-Mythos, Mythos vom Golem) wird der Mensch aus Erde oder Ton geformt, bis seine Gestalt am Ende zerbricht und er wieder in die Erdmaterie zerfällt. Wir haben in unserem Sprachschatz heute noch die Prägung von der „Mutter Erde“, die alles hervorbringt.

Gartenarbeit ist unter diesem Aspekt die freudige und vielleicht tröstende und befreiende Erfahrung, dass aus der Erde immer wieder etwas Neues entstehen wird, dass in ihr nicht nur etwas verwelkt und vergeht, sondern sie auch Anfang und Wachstum enthält. Dies ist gewissermaßen der metaphysische Trost der Gartenarbeit.


Demenzgarten Tertianum Meilen   Demenzgarten Perlavita Berlingen
Erste Demenzgärten bei Tertianum in Meilen (links) und Perlavita in Berlingen.

In den letzten Jahren wurden für Menschen mit Demenz eigene Gärten angelegt. Diese Demenz-Gärten gewähren Auslauf, stimulieren, fördern die Aufmerksamkeit und sind durch eine durchdachte Architektur ein wesentlicher Beitrag zur Demenz-Therapie. Ob als metaphysischer Trost oder als Mittel der Therapie ist der Garten stets ein bewegender Ort.


Literaturhinweis
  • Gärten. Texte aus der Weltliteratur, hrsg. v. Anne Marie Fröhlich. Zürich 1993 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur).
  • Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Göttingen 2015, S. 132ff.


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