• Samstag, 18.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Sich bewegen im Neuen Jahr

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Sich bewegen im Neuen Jahr
© pixabay
Durch Mobilität wird die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Gefangenschaft ist dagegen eine Bewegungseinschränkung und deshalb eine harte Strafe. Wir können bei Menschen ganz verschiedene Bewegungsarten unterscheiden: Schlendern, Flanieren, Marschieren oder Hüpfen und Springen oder den Spaziergang – jeweils verbinden wir damit ganz andere soziale, kulturelle und oft alterskorrelierende Zuschreibungen.

Flaneur und Soldat

Der eine, der Flaneur, ist auf emotionale Sensationen aus, wenn er sich auf dem Boulevard (in Paris), einfühlend in die Anderen, langsam bewegt. In Zeiten vor den heutigen Zeitungsredaktionen war es oft ein Journalist, der einem Verleger begegnen will, der ihm sein geistiges Produkt abkauft. Begleitet wurde er manchmal von einer Prostituierten, die ebenfalls flanierend auf Kundenfang aus ist.
Ein Strassen-Wanderer
Ein Strassen-Wanderer © indiegogo.com 
Der Andere, der Soldat, gleicht seine Bewegungen dem Rhythmus der Gruppe an, um einen Gleichschritt und damit eine kollektive Einheit, ein überpersönliches Ich, zu erzielen. Die Uniform unterstreicht die Gruppenidentität.

Der Flaneur hat eine ganz andere innere Einstellung bei seiner gemächlichen Bewegung als der Soldat beim Marschieren. Oder – mit dem Alter wird oft der verlangsamte Schritt, eine gebückte Haltung, ein Rasten oder Innehalte aus physischen Gründen verbunden.

Geschwindigkeit und Beschleunigung

Eine wichtige Komponente der Mobilität ist das Tempo, die Geschwindigkeit. Allseitige Beschleunigung ist ein Thema der modernen Welt überhaupt. Von der Pferdekutsche über das Auto zum Flugzeug bis zur Rakete, von den stationären Bildern der Fotographie zu den laufenden Bildern des Films oder von der handwerklichen Arbeit in der Werkstatt zum Fliessband – überall haben wir es mit Beschleunigungsphänomenen zu tun.

Auch beim Essen und Trinken: Das Glas Wein wird verdichtet zum Gläschen Brandwein, das sich schnell kippen lässt. Aus einem Menü der Gastrosophie wird Fast food, schnell und standardisiert zu konsumieren als Hamburger. Zeit und Tempo bestimmen die Kulinarik und entwerten sie zu einem blossen Inkorporationsakt: schnell verschlingen und dann wieder weiter.

Heute gilt unversehens die Entschleunigung und die Langsamkeit wieder etwas. Man will bei sich einkehren, einmal stille stehen – ohne Stillstand. Dies betreiben manche als Meditationsübung. Andere, wie Autofahrer, werden magisch vom Stau angezogen. Im Stau erleben sie die Entschleunigung auf dem Weg von der Arbeit als einen psychischen Übergang aus der rasanten in die gemächlichere Welt des Feierabends – oder umgekehrt: aus der Ruhe in einen allmählichen Ablauf, der in die Arbeitswelt mündet. Wer zum Joggen geht, fällt wieder in den beschleunigten Rhythmus zurück – denn Jogging ist die beschleunigte Form des Spazierganges.
Spaziergang
Spaziergang © antranias/pixaby 

Spaziergang

Der Spaziergang in der Natur (oder der Metropole), die harmonische Bewegung mit gelegentlichem Innehalten, ist die Bewegungsweise des kontemplativen Wanderers, vorzüglich die des Dichters und Denkers – aber auch des Alters. Ein Spaziergänger oder eine Spaziergängerin gibt sich in freier Weise bestimmten Eindrücken hin, nimmt etwas von der Fülle der Welt in der Natur oder der Stadt wahr, hält trotzdem Distanz und vermeidet die Überflutung mit Daten. Diese Bewegung verzichtet auf Beschleunigung, die letztlich nur eine Kopie der ökonomischen und technischen Dynamisierung ist.

Ein schönes Beispiel für solche Kopie ist Nordic Walking. Das Marketing einer finnischen Firma kam auf die Idee, wie man Skistöcke auch im Sommer verkaufen könnte – das Ergebnis war eben Nordic Walking. Oft kommentiert durch den Scherz: Man geht am Stock und fühlt sich dennoch wohl.

Fürs Alter ist die kontemplative Haltung des Spaziergangs besonders angemessen. Man betrachtet die Umgebung, ist mit dem Anderen im Einklang, eine gewisse Entschleunigung stellt sich ein, so dass man jederzeit innehalten und die Dinge der Welt ruhig in Augenschein nehmen kann.

Bewegung und Stillstand

Ganz elementar haben Bewegung und Stillstand mit Leben, Sterben und Tod zu tun. Altern ist ein Nachlassen von Beschleunigung; wir setzen es mit Verlangsamung in Beziehung. Da in unserer Gesellschaft aber alles schneller gehen soll, das Alter jedoch langsamer wird, wird Altsein leicht abgewertet. Alter definiert sich eben auch dadurch, dass ältere und alte Menschen sich anders bewegen, als die Gesellschaft und die Arbeitswelt es erwarten. Auch deshalb wird das Alter ausgegrenzt. Ältere wollen aber nicht ausgegrenzt werden, sondern mithalten und imitieren dann die Bewegungsformen der Jüngeren. Dies ist der falsche Dienst an der eigenen Person. Ältere Menschen sollten den Mut haben, in ihrem eigenen Tempo daherzuschreiten.

Was ältere Menschen nicht so gern hören: Sie müssen gewissermassen noch einmal laufen/gehen lernen, damit sie nicht stürzen. Die Schrittlänge verändert sich, die Breite des Gangs, Störfaktoren stellen sich ein. Je besser sie gehen, desto besser sind sie gegen Stürze gewappnet.

Sicheres Gehen dient dem Selbstvertrauen, stärkt das Selbstbewusstsein. Wer sich nur vorsichtig vorantastet, drückt seine Angst vor einem Sturz aus. Dabei zeigt sich die innere Einstellung: Man erkennt einen innerlich zerbrechlichen Menschen an seinem Gang.

Balance

Die Bedeutung des Gleichgewichts sollte dabei nicht unterschätzt werden. Nicht nur beim Gehen. Eine gute Übung ist das regelmässige Jonglieren. Damit wird die Balance, die Koordination, die Konzentration gefördert. Jonglieren ist deshalb – neben anderen positiven Wirkungen – ein gutes Mittel der Sturzprävention. Jeder Mensch hat seine eigene Bewegungsbiographie. Zur Lebensklugheit gehört, ein eigenes Bewegungsprogramm zu entwickeln. In diesem sollten zumindest der Spaziergang und das Jonglieren einen hohen Stellenwert haben.

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