• Dienstag, 23.05.2017
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PERSPEKTIVEN

Scheitern als Chance?

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Von Brigitte Boothe
Scheitern als Chance?
© birgitH / pixelio.de

Den Halt verlieren

„Zum Schluss bin ich dann noch im Beruf gescheitert“, sagt Herr Z. mit bitterem Lächeln. Er lebt im Altersheim, betreibt alle Sportarten, die im Angebot sind, und er nimmt wenig Kontakt auf. Er würde sich im Gespräch mit den Andern doch nur als Verlierer fühlen. Nur die Beziehung zum Seelsorger ist ihm wichtig. Nicht weil er ihn für Glaubensfragen braucht, sondern weil er beim Seelsorger ehrlich sein kann und weil er dort manchmal etwas Lebensmut gewinnt.

Herr Z. ist vor seinem eigentlichen Pensionsalter aus der Firma entlassen worden, in der er lang und gern gearbeitet hatte. Er glaubte, respektiert und geachtet zu sein und erfuhr, dass man ihn im Zug all der Neuerungen und Umstrukturierungen nicht mehr brauchen konnte. Er war verzweifelt, betäubte sich mit Alkohol, die Ehefrau ertrug das nicht und verlangte die Scheidung. Auch sie konnte ihn nicht mehr brauchen. Nun kommt sie gelegentlich zu Besuch. Herr Z. blickt traurig auf sein Leben zurück. „Was ist mein Leben denn wert? Habe ich noch eine Zukunft?“ – das fragt er resigniert.

Im Rückblick: ein gelungenes Leben?

Ist mein Leben gelungen? Was ist mir im Rückblick wertvoll und wichtig? Kann ich zufrieden sein? Wer im Alter Rückschau hält, stellt solche Fragen. Wer aus seinem vergangenen Leben erzählt, dem kommen Erfolge und Leistungen, denkwürdige Begegnungen, Freundschaften und Liebe in den Sinn.

„Eigentlich war die Ausbildung für mich die beste Zeit“, sagt Herr Z. und lächelt. „Ich war zum ersten Mal selbständig, hatte zusammen mit zwei Kollegen eine eigene Wohnung, die Lehre machte mir Freude, und der Meister hielt etwas von mir“. Dann spricht er wieder vom Scheitern und grübelt über sein Versagen. War es denn ein Versagen? Er hat mit dem Seelsorger oft darüber gesprochen und über sich selbst etwas Neues herausgefunden.

Er ist ein Mensch, der gut arbeitet, wenn er einen Chef mit klaren Richtlinien hat. Auch in der Freizeit hatte er sich lieber angeschlossen als selbst geplant. Es ist nicht seine Stärke, mit sich allein etwas anzufangen und die Initiative zu ergreifen. Das einzusehen, das ist nützlich, meinte der Pfarrer. Nun weiss Herr Z., worauf es im neuen Lebensabschnitt ankommt: Wo soll er mitmachen? Wie kann er manchmal doch Initiative ergreifen? Es gibt doch lebenswerte Herausforderungen für die Zukunft.
Scheitern ist die Mutter des Erfolgs - Japanisches Sprichwort
„Scheitern ist die Mutter des Erfolgs.”
Japanisches Sprichwort

Vertrauen verlieren

Auch Frau L. lebt im Altersheim. Auch sie verbringt viel Zeit allein. „Ich bin etwas schüchtern“, meint sie und kann nicht viel zur Unterhaltung beitragen. „Ich gehe viel spazieren, aber eigentlich fehlt mir noch immer die Arbeit. Mein Leben? Was soll ich da erzählen? Ich bin schon lange geschieden, da waren die Töchter in der Grundschule. Mein Mann war immer schon ungeduldig und reizbar gewesen, aber kurz bevor unsere erste Tochter geboren wurde, fing er an, mich zu schlagen. Es waren furchtbare Jahre, er schimpfte und brüllte, und es gab nichts, das ich ihm recht machen konnte. Er schlug zu, ich konnte es vor den Kindern nicht immer verbergen. Unsere Ehe ist gescheitert, die Mädchen hatten keine schöne Kindheit.“ Sie selbst sei schuld, sagt sie tief bekümmert, denn sie blieb, um den Kindern den Vater zu erhalten. Die Kinder aber waren zunehmend verängstigt, und endlich kam es zur Scheidung.

Es war der Beruf, der ihr neue Hoffnungen gab. Trotz ihrer bescheidenen Ausbildung empfahl sie der erste Chef auf eine verantwortungsvolle Stelle in einer grossen Firma. Es ging immer weiter, war aber auch eine dauerhafte Anstrengung: Überstunden, Arbeit an den Wochenenden, Kurse, Fortbildungen.

Frau L. hat nicht aufgegeben. In der Ehe hat sie sich klein und wertlos gefühlt, unsicher, abgelehnt und gedemütigt, ständig in Angst vor der nächsten Attacke. Die berufliche Laufbahn machte ihr Leben inhaltsreich und zielbestimmt. Die Anerkennung tat ihr gut. Aber persönliche Beziehungen blieben ein Problem. Sie konnte nicht mehr vertrauen, vertrug keine Nähe mehr, bleibt auch heute im persönlichen Kontakt gehemmt. Aber gerade hier kann sich Entscheidendes verändern, zumal ihr die Beziehung zu den Töchtern wichtig ist und das Leben im Heim reicher werden sollte.

Hilfreiche Gespräche

Das geht nicht von Heute auf Morgen und oft nicht ohne Unterstützung durch hilfreiche Gespräche. Herr Z. fand im Seelsorger eine Vertrauensperson. Für Frau L. war es ein erster mutiger Schritt, sich auf ein Gespräch im Rahmen unserer Studie einzulassen.

Unsere Studien: Wir führten Gespräche mit Senioren und Seniorinnen im Alter zwischen 75 und 90 Jahren, die uns über „Glück und Unglück im Lebensrückblick“ erzählten und weitere Gespräche mit Frauen und Männern im Alters- oder Pflegeheim, die uns berichteten, wie es ihnen beim Übergang vom privaten Zuhause ins Heim gegangen war und wie sie ihr Leben im Heim gestalten.
Hilfreiche Gespräche
Herr Z. und Frau L. erzählten, wie auch die anderen Gesprächsteilnehmer, über Glück und Erfolg und freuten sich darüber erzählend noch einmal. So war es auch bei den anderen Gesprächspartnern. Doch alle kamen ausführlicher noch auf Kummer und Leid, Kränkung und Scheitern zu sprechen. Und wir bemerkten, dass dies ihnen mehr bedeutete. Nicht, weil sie klagten, sondern weil das Nichtbewältigte und Nichtintegrierte Anlass war, sich weiterzuentwickeln, auf neue Weise zu sich selbst zu kommen. Wir glauben sogar, dass unsere Gesprächspartner deshalb Interesse hatten, an unserer Studie mitzuwirken, weil dies eine Gelegenheit bot, vor einem Gegenüber, der bereit war, vorbehaltlos zuzuhören, das Konfliktbeladene in Sprache zu fassen und in Bewegung zu bringen.

Billiger Trost ist Gift

Die Herausforderungen, Konfrontationen und Versagungen in den Bereichen Lernen, Leistung, Liebe sind unvermeidlich. Ständig ist man Beurteilungen und Bewertungen ausgesetzt. Man muss Misserfolge verkraften, Kränkungen, Niederlagen und Zurückweisungen hinnehmen und ist dabei mit eigenen Fehleinschätzungen, Selbstüberschätzungen, Illusionen und Schwächen konfrontiert. Wer vertrauenswürdige Freunde hat ist gut dran. Man kann den Mut fassen, sich zu öffnen, Kritik anzunehmen, Zuversicht gewinnen und neue Wege einschlagen. Freunde, die über humorvollen Takt verfügen, sind besonders belebend.
Es tut dem Betroffenen dagegen nicht gut, wenn Angehörige, Freunde oder Berater in ihm immer nur das Opfer sehen – oder wenn sie Leid, die Kränkung, die Scham, das Schuldgefühl bagatellisieren, wegwischen oder billigen Optimismus verbreiten. Das macht den Betroffenen nur stumm. Durch das Ernstnehmen der enttäuschenden oder erschütternden Erfahrung sieht sich die Person respektiert. Die Wohltat praktizierter Empathie wird ihm vorenthalten, ebenso die Möglichkeit, soziale und emotionale Intelligenz zu vermehren. Fortschritte in sozialer und emotionaler Intelligenz macht man nicht im Glück, sondern in der durchlebten Krise.

Krise – Enttäuschung – Scheitern: das sind Zumutungen für das Selbstgefühl. Es braucht den verlässlichen Anderen. Der Andere zeigt Sympathie und Anerkennung, ermuntert dazu, sich nachträglich erzählend und erinnernd der Erfahrung zu stellen und sie neu und zukunftsbezogen zu bewerten. Wenn das Scheitern die lebendige Beziehung zum Anderen nicht zerstört, kann es weitergehen, kann das Scheitern oder das vermeintliche Scheitern neu bewertet und gewichtet werden. Hilfreich für das neue Bewerten und Gewichten ist das biographische Erzählen. Man vertraut sich erzählend einem unvoreingenommenen Anderen an und bringt Irrwege, Misserfolge und Katastrophen in eine produktive Form, die für neue Erfahrungen offen ist.


Literaturhinweise:
  • Grimm, G. & Boothe, B.: Glücks- und Unglückserfahrungen im Lebensrückblick alter Menschen. Psychotherapie im Alter 4/2 (2007), S. 63-74.
  • Baumann-Neuhaus, E., Boothe, B. & Kunz, R.: Religion im Heimalltag. Ältere Menschen erzählen. Band 11 der Reihe Interpretation Interdisziplinär. Würzburg 2012.
  • John, R. & Langhof, A. (Hrsg.): Scheitern – Ein Desiderat der Moderne? Wiesbaden 2014.


Video zum Thema: Quelle: Schweizer Fernsehen SRF
Übers Scheitern sprechen



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