• Montag, 23.01.2017
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ALTERSTHEMEN

Psychische Gesundheit im höheren Lebensalter

Von François Höpflinger  
Psychische Gesundheit und Lebenszufriedenheit
                        im höheren Lebensalter
© TERTIANUM
Psychische Gesundheit umfasst Aspekte wie persönliches Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, Selbstbewusstsein, Beziehungsfähigkeit, die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen wie auch die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Teilnahme. Psychisch gesund sein bedeutet weiterhin, an den eigenen Wert und die eigene Würde zu glauben und den Wert der anderen zu schätzen.


Zur psychischen Befindlichkeit älterer Menschen im Zeitvergleich

Ein Zeitvergleich 1979-2011 führt zu einem klaren Ergebnis: Das psychische Wohlbefinden älterer und alter Frauen und Männer hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. So hat sich der Anteil 65-74-jähriger Frauen und Männer verringert, die anführen, häufig oder immer einsam, müde, ängstlich oder traurig zu sein. Analoges zeigt sich auch bei den (zuhause lebenden) 80-jährigen und älteren Frauen und Männer. Einsamkeit im Alter ist zwar auch heute nicht selten, aber der Anteil vereinsamter alter Menschen hat sich – allen kulturpessimistischen Szenarien zur Anonymität heutiger Gesellschaft zum Trotz – reduziert. Besonders stark ist der Rückgang im Gefühl von Müdigkeit (sich müde fühlen).

Einsamkeit und Müdigkeit im Alter 1979 und 2011
Einsamkeit und Müdigkeit im Alter 1979 und 2011
Quelle: 1979 Erhebung in Genf und Wallis, 2011: Erhebung in Genf, Wallis, Bern und Basel (SNF-Projekt (CRSIII_I29922), Leitung: Michel Oris, Pasqualina Perrig-Chiello).


Die Verbesserung der psychischen Befindlichkeit bei der Mehrheit älterer und alter Frauen und Männer in der Schweiz ist eng mit drei sozialen Wandlungen verbunden:
  • Erstens ist – dank Bildungsexpansion – das Bildungsniveau auch der älteren Bevölkerung angestiegen, und Personen mit mehr Bildungsressourcen in jungen Jahren haben auch mehr psychische Ressourcen, spätere Lebensjahre zu bewältigen.
  • Zweitens hat sich die funktionale Gesundheit älterer Menschen verbessert, wodurch mehr ältere und alte Menschen auch im Rentenalter länger gesund und aktiv verbleiben (und Pflegebedürftigkeit – wenn überhaupt – später eintritt).
  • Drittens hat der Ausbau der Altersvorsorge und –versorgung die wirtschaftliche Lage und Existenzsicherung der älteren Bevölkerung verbessert und das Armutsrisiko im Alter wesentlich reduziert.

Subjektives Wohlbefinden älterer Menschen im intereuropäischen Vergleich

Die nachfolgend angeführten Angaben illustrieren einerseits, dass die über 65-jährigen Personen entweder eine gleich hohe oder sogar höhere Lebenszufriedenheit aufweisen als die 55-64-Jährigen. Es gibt jedenfalls keine Hinweise darauf, dass Menschen nach ihrer Pensionierung ein geringeres Wohlbefinden aufweisen als erwerbstätige Personen (was den Gedanken eines ‚Pensionierungsschocks‘ relativiert).

Andererseits zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den angeführten europäischen Ländern. Die Schweiz gehört – zusammen mit Schweden – zu den Ländern mit hoher Lebenszufriedenheit. Etwas tiefere Werte bezüglich allgemeiner Lebenszufriedenheit ergeben sich in Deutschland, Grossbritannien, Spanien oder Polen. Besonders schlechte Werte zeigen sich in Bulgarien. Die feststellbaren Unterschiede widerspiegeln primär Unterschiede des wirtschaftlichen Wohlstandsniveaus und der sozialpolitischen Absicherung. Während etwa in der Schweiz eine beträchtliche Mehrheit (58%) der befragten Rentner ihre wirtschaftliche Situation als ‚komfortabel‘ einstufen, sind dies in Bulgarien null Prozent. Zur hohen Lebenszufriedenheit in der Schweiz und in Schweden dürfte zudem auch die Tatsache beitragen, dass in diesen Ländern ältere Befragte ihre subjektive Gesundheit mehrheitlich als gut bis sehr gut einstufen (im Gegensatz zu Spanien, Polen, Bulgarien).

Lebenszufriedenheit und subjektive Gesundheit älterer Befragter [2012]
Lebenszufriedenheit: Mittelwerte auf einer Skala 0-10
(0= geringste Zufriedenheit, 10= höchste Zufriedenheit)
 
Lebenszufriedenheit
%-Anteil in guter/
sehr guter Gesundheit
Altersgruppe 55-64 65-74 75+   55-64 65-74 75+
Schweiz 8.1 8.6 8.3   78% 75% 60%
Deutschland 7.6 7.9 8.0   57% 51% 35%
Grossbritannien 7.3 7.8 7.8   64% 59% 52%
Schweden 7.9 8.3 8.0   76% 70% 55%
Spanien 6.7 7.2 7.4   46% 37% 31%
Polen 6.8 6.8 7.3   40% 24% 25%
Bulgarien 4.1 4.0 3.8   48% 29% 19%
Quelle: European Social Survey 2012 (gewichtete Stichprobe, eigene Auswertungen)

Schlussfolgerungen

Das psychische Befinden der älteren und alten Menschen in der Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt verbessert, und im intereuropäischen Vergleich weisen ältere und alte Menschen in der Schweiz – auch dank Ausbau der Altersvorsorge – mehrheitlich ein hohes Wohlbefinden auf. Das psychische Befinden älterer Menschen wird kaum durch das chronologische Alter an sich beeinflusst, sondern zentral sind soziale Lebensumstände und psychische Ressourcen. Besonders bedeutsam für ein gutes Wohlbefinden im Alter sind eine gute wirtschaftliche Absicherung und eine hohe Kontrollüberzeugung (Gefühl, sein Schicksal selbst bestimmen zu können). Ein geringeres psychisches Befinden im Alter ergibt sich vor allem bei erlebtem Kontrollverlust, bei chronischen Schmerzen und Beschwerden und merkbaren Einschränkungen der Alltagsaktivitäten.
 
Literatur zum Thema
  • Baer, Niklas; Schuler, Daniela et al. (2012) Depressionen in der Schweizer Bevölkerung. Daten zur Epidemiologie, Behandlung und sozial-beruflichen Integration, Obsan-Bericht 56, Neuchâtel: Observatoire suisse de la santé.
  • Höpflinger, François; Spahni, Stefanie; Perrig-Chiello, Pasqualina (2013) Persönliche Bilanzierung der Herausforderungen einer Verwitwung im Zeit- und Geschlechtervergleich, Zeitschrift für Familienforschung, 25, 3: 267-285.
  • Margolis, M.; Myrskylä, M. (2011) A Global Perspective on Happiness and Fertility, Population and Development Review, 37,1: 29-56.
  • Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François; Kübler, Christof; Spillmann, Andreas (2012) Familienglück – was ist das? Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung.
  • Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François (Hrsg.) (2012) Pflegende Angehörige älterer Menschen. Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit mit der ambulanten Pflege, Bern: Huber-Verlag.
  • Schuler, Daniela; Burla, Laila (2012) Psychische Gesundheit in der Schweiz, Obsan-Bericht 52, Neuchâtel: Observatoire suisse de la santé.


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