• Samstag, 18.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Preis für Menschenwürde an Emil Steinberger

Auszeichnung für eine Schweizer Institution  
Von Janina Bangert  
  Auszeichnung für eine Schweizer Institution
  TERTIANUM-Stiftung - Preis für Menschenwürde 2013
© TERTIANUM-Stiftung (Foto Mike Hintermeister) 
Der Kabarettist, Autor und Schauspieler Emil Steinberger erhielt für sein Werk den diesjährigen Preis für Menschenwürde, den die TERTIANUM-Stiftung gemeinsam mit der Zürcher Kantonalbank (ZKB) an Personen oder Institutionen verleiht, die sich mit Wort und Tat in den Dienst der Menschenwürde gestellt haben.


Prof. Dr. Helmut Bachmaier von der TERTIANUM-Stiftung begrüsste die Gäste im Kunsthaus Zürich und erläuterte das Konzept, welches hinter der alljährlichen Preisverleihung steht. Hierfür widmete er sich der Würde als einem normativen Konzept von Zivilgesellschaften sowie der historischen Semantik des Würde-Begriffs.

Gleichursprünglich und unverfügbar

  Prof. Dr. Helmut Bachmaier
  Prof. Dr. Helmut Bachmaier
Würde kommt demnach dem Menschen gleichursprünglich mit seiner Existenz zu. Ausserdem ist die Menschenwürde unverfügbar, kann also von keiner menschlichen Institution verliehen oder jemandem abgesprochen werden. Es gibt nur die eine, unteilbare, unaufhebbare Würde, die unter dem Schutz der Verfassung (Art. 7 der Eidgenössischen Bundesverfassung) steht.

Prof. Bachmaier verwies in historischer Perspektive auf den Renaissance-Philosophen Giovanni Pico della Mirandola, dessen Schrift „De dignitate hominis“ („Über die Würde des Menschen“, posthum 1496) einen Meilenstein in der Diskussion darstellte.

Würde besteht für den Humanisten Pico im Reichtum an Möglichkeiten, die in dem Einzelnen wie in einem eigenen Mikrokosmos angelegt sind, und in der Verpflichtung, daraus in freier Entscheidung zu wählen, also individuelle Möglichkeiten in Freiheit zu ergreifen.

Weitere Philosophen wie Samuel von Pufendorf, einer der Begründer des Naturrechts und Inspirator für die amerikanische Menschenrechtserklärung 1776 , und insbesondere Immanuel Kant haben die menschliche Würde als die Basis der allgemeinen Rechtsgleichheit angesehen bzw. als einen absoluten Wert begründet.

Emil eine Institution

Wie nun Emil Steinberger ein solches Würdekonzept im Rahmen seiner literarischen Arbeiten und Auftritte vermittelt hat, das legte Helmut Bachmaier im Folgenden dar. Steinberger hat in seiner Arbeit als Kabarettist stets die Würde seiner Figuren gewahrt. Ihre Darstellung basiert auf einer Haltung, die von Anteilnahme, sogar von Respekt geprägt ist. Er hat sich auf diese Weise für einen schonenden Umgang mit allen Mitmenschen eingesetzt. Steinberger sei ausserdem ein „Entlastungskomiker“, da die Verkörperung von verschiedenen Typen des Kleinbürgers in heiklen Alltagssituationen beim Zuschauer psychisch entlastend wirke. Nach Arnold Gehlen haben Institutionen eine Entlastungsfunktion. Wenn Emil ein Entlastungskomiker sei und Institutionen Entlastung zum Ziele haben, dann liege der Schluss nach, dass Emil eine wahrhafte Institution sei, resümierte Prof. Bachmaier.

  Franz Fischlin
  Franz Fischlin, der Moderator
Im anschliessenden Interview, das Franz Fischlin, Journalist der SF-Tagesschau und Moderator des Abends, mit Helmut Bachmaier führte, wurde die wissenschaftliche Perspektive von Humor aufgezeigt: Warum lachen wir eigentlich und welche Auswirkungen hat Lachen auf das Individuum? Dies ist eine Frage, der sich eine eigenständige Wissenschaft widmet: die Gelotologie. Sie erforscht beispielsweise, welche neurowissenschaftlichen Vorgänge sich bei der Rezeption eines Witzes im Gehirn vollziehen. Eine der Funktionen, die Humor erfüllt, ist die erwähnte „Entlastungsfunktion“.

Menschenwürde im Alltag

  Peter Hässig
  Peter Hässig, der Laudator
Peter Hässig, Laudator der diesjährigen Preisverleihung, promoviert über Emil Steinberger und sein kabarettistisches Werk. Dieses zeichnet sich für Hässig vor allem durch die Beachtung von drei fundamentalen Werten aus: die Freiheit, die Gleichheit und die Achtung vor dem Anderen. Hässig beruft sich auf den Philosophen Immanuel Kant, welcher in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) begründete, dass der Mensch „Zweck an sich“ und somit niemals „Mittel zum Zweck“ sein dürfe. Weder instrumentalisiere Steinberger den Menschen in seinem Werk zu irgendwelchen Zwecken, noch stelle er ihn bloss. Emil lebe somit auf der Bühne vor, dass Menschenwürde für jeden Menschen, unabhängig von dessen gesellschaftlicher Stellung und Prägung, unantastbar sei. In einem Alltag, der nicht immer so reibungslos abläuft, wie wir uns das wünschen, vermittelt uns Emil mit seinen starken und auch widrigen Alltagssituationen trotzenden Figuren eine Portion Trost.

Seine fundierte Laudatio rundet Hässig mit einer vortrefflichen Imitation von Stimmen des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel, des politischen Publizisten Jean Ziegler und des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki ab. Mit diesen Sprachmasken überbrachte er seine Gratulation an den Preisträger.

Nähe und Distanz

  Dr. Müller-Ganz
  Dr. Müller-Ganz, Bankratspräsident ZKB
Dr. Jörg Müller-Ganz, Bankratspräsident der ZKB, bekundete in seiner Rede zur Preisübergabe neben seiner Wertschätzung der langjährigen Kooperation mit der TERTIANUM-Stiftung vor allem auch die Nähe zum Menschen, die Steinberger in seinen kabarettistischen Werken stets pflegte. Die ZKB als „nahe Bank“ wisse den Wert und die Wechselwirkung von respektvoller Distanz und vertrauensvoller Nähe sehr zu schätzen.

Emil pur

  TERTIANUM-Stiftung Preisübergabe
  Preisübergabe
Den Preis in Höhe von 10.000 Franken nahm Emil Steinberger freudig entgegen und dankte der TERTIANUM-Stiftung, der Zürcher Kantonalbank sowie allen am Abend beteiligten Personen. Dass sein Werk im Horizont der Menschenwürde erstmals betrachtet wurde, hielt er für die eigentliche Auszeichnung. Er erzählte von den Anfängen seiner Karriere und vom Zustandekommen einiger seiner Figuren. Man war plötzlich in einem überwältigenden Lachtheater und genoss die Inszenierung Emils durch Emil. „Wenn es den Emil nicht gegeben hätte, dann hätte man ihn erfinden müssen“, so die abschliessenden Worte von Franz Fischlin, der den Abend mit gezielten Fragen und geistreichen Anmerkungen bereicherte. Das Publikum dankte Emil mit Standing Ovations.

  Emil Steinberger
  Emil im Interview mit Franz Fischlin
Die musikalische Begleitung geschah durch das Trio Artemis, welches das Publikum unter anderem mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Klaviertrio in d-moll“ und mit Astor Piazzollas „Frühling“ beeindruckte. Helmut Bachmaier beendete die Verleihung mit Danksagungen an alle Mitwirkenden und überreichte Frau Steinberger sowie dem Trio Artemis Blumen. Beim Apéro sah man nur heitere oder lächelnde Gesichter. Ein eindrucksvoller Abend.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb in ihrem Feuilleton (4.9.2013, S. 27) zur Preisverleihung: „Diese Auszeichnung wird dem vielfach preisgekrönten Kabarettisten ganz besonders gerecht: Emils Humor ist ein Humanismus.“


Trio Artemis
Das Trio Artemis
 
Links zum Thema:
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks