• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

POP-Senioren haben Konjunktur

Von Lana Daudrich  
POP-Senioren haben Konjunktur
© branchecarica - Fotolia.com
Die "POP-Senioren" zeigen sich alles andere als flügellahm. Sie mischen die Musik- bzw. Kulturszene auf.


Beispiele gefällig? David Bowie (66) veröffentlicht sein neues Album „The Next Day“ im März 2013. Das Magazin für Jugend- und Musikkultur „INTRO“ hätte es selbstverständlich nicht missen wollen, das neue Werk der Figur, „deren Anteil an Glam und der Verheissung von Pop nicht hoch genug zu schätzen ist“ (Linus Volkmann), auf ihren Druckseiten besprochen zu haben.

Die Rolling Stones mit ihrem Leadsänger Mick Jagger (70) touren im Sommer 2013 durch Nordamerika und bekommen seit Jahrzehnten frischen Publikumszulauf. Dieter Meier (68) ist zwar nicht mehr ständig auf der Bühne präsent, aber als Konzeptkünstler, Exporteur exquisiten Fleisches und Zürcher Dandy populär. Vor allem ist er jedoch als die für den Gesang zuständige Hälfte von Yello vielen Personen Anfang 20, die sich ernsthaft mit elektronischer Musik beschäftigen, ein Begriff. „Ouuuh Yeaahh“! Der gleichaltrige Londoner Bryan Ferry, ehemals „Roxy Music“, lieh seine Stimme dem Münchner  Dj Hell, dessen Label "Gigolo Records" zu den anerkanntesten der Welt zählt. Das Resultat dieser Zusammenarbeit, "U Can Dance", ist sicherlich eines der bedeutendsten Stücke elektronischer Musik der letzten Jahre.

Die Texte von Bob Dylan (72) beschäftigen zur Zeit die junge Folkszene in London, eine Beatles-Sammlung gehört in jeden kultivierten Studentenhaushalt, und Elvis lebt ja sowieso. Vielleicht ist es ein Zufall, dass es sich um Männer handelt... aber das ist ein anderes Thema.

Kultur des Konfliktes

Was hält die POP-Senioren auf dem Olymp der Branche, die gemeinhin als Ausdruck der Jugendkultur definiert ist? Der Kulturtheoretiker und Medienwissenschaftler John Fiske schreibt in seiner Monographie „Lesarten des Populären“(2000), dass die Popkultur eine Kultur des Konflikts sei zwischen dem Machtblock (der dominanten Kultur der Autoritäten) und der Unterdrückten (der Jugend). Die junge Opposition konstruiert mit ihrem Ausdruck einen semiotischen Widerstand, der nichts anderes ist, als die „Fähigkeit, anders zu denken, seine eigenen Bedeutungen des Selbst und der sozialen Beziehungen zu konstruieren, […] die notwendige Grundlage, ohne die keine politische Aktion auf Erfolg hoffen kann.“ Die Popkultur ist also ein natürlicher, alter Vater-Sohn-Konflikt, der dem jungen Individuum hilft, sich in der Differenz zum Herrschenden zu emanzipieren. Nach der Jahrtausendwende ist aber sogar dieser "sanfte" kulturelle Kampf eingeschlafen. Dieser Umstand wird bereits seit einigen Jahren von den Feuilletons der grossen Tageszeitungen beklagt.


  POP-Senioren haben Konjunktur  
  © Wikipedia.org  

Konsum statt Sinn

Die Philosophen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, schreiben in ihrer Programmschrift „Dialektik der Aufklärung“ (Erstfassung 1944, def. Fass. 1947) der Kulturindustrie gesellschaftliche Implikationen zu und sehen in ihrer Kommerzialisierung einen Sinnverlust zu Gunsten der Unterhaltung entstehen. So hat sich im Spätkapitalismus der Schwerpunkt vom autonomen zum heteronomen Charakter der Kultur entwickelt, diesem Prozess folgend, in der Popkultur von der Sinnerzeugung der Kunst in Richtung Konsum.

Da die Kultur-Industrie als blosse Verwertungsform weitgehend der kreativen Kraft entbehrt, werden die altbewährten Kult-Muster bedient, bis sie sich von den „Stars“ zu den „Poor Dogs“ im Produktlebenszyklus entwickeln, wenn die „Cash Cows“ ausgemolken sind.

Die Vertreter des Ansatzes von „Cultural Studies“, wie Stuart Hall, stützen diese Annahme, denn für sie bedeutet Kultur jene Formen menschlicher Energie, die in unvorhersehbaren Persönlichkeitsbildungen und nicht abzusehenden Diskontinuitäten in der gesellschaftlichen Realität vorhanden sind.

Retro

Es hängt auch mit den sich zyklisch wiederholenden Retrowellen in Mode und Musik zusammen, die beide seit Jahrzehnten von guten alten Zeiten erzählen wollen. In den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich Elemente aus den 60ern in der Mode bemerkbar gemacht, die mit dem Seventies-Revival der 90er in dieser Sphäre jedoch weit übertroffen wurde. Nach der Jahrtausendwende war der Stil der 80er im optischen Bild der jungen Generation wieder en vogue, der sich einige Jahre später auch in der Popmusik bemerkbar machte. Diese Stimmung hatte sogar schon vorher begonnen, indem die neubelebten Modern Talking ihre alten Kopfstimmen-Klamotten an den vermeintlich neuen Beat anpassten.

Ab 2005 wurden stilprägende Synthesizer-Elemente der 1980er in die Kulturproduktionen der etablierten Independent Gruppen wie etwa „Yeah Yeah Yeahs“ oder „Editors“ verwendet. In der Wechselwirkung mit dem Angebot der Handelsketten wie H&M war die Mode auf den jugendlichen Leibern und mit Amy Winehouse, Amy Mcdonald und Adele der Soul der 60er Jahre in den Ohren der Oberstufenschüler an der Tagesordnung. Irgendwann tauchte auch wieder der Stil der 90er mit Grunge und den Flanellhemden auf. Auf allen möglichen Konsumportalen online finden sich „Granny's Schuhe“ und „Granny's Taschen“; auch die Roaring Twenties sind wieder etwas in diesem aktuell existierenden "Mischmasch" der Stile, Dekaden und Einflüsse.

Orientierungsgrössen

Die POP-Senioren halten sich beharrlich auf dem Olymp. Sie sind in der unsicheren und orientierungslosen Postmoderne mit dem gigantischen Überangebot eine Konstante, an der man sich kulturell orientieren kann. Walter Benjamin hat es prophezeit, als er die Möglichkeit der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks beschrieben hat: Durch die massenhafte Produktion verliert die originäre Kulturware ihre Aura. Mit Hilfe der Vervielfältigung ist eine kollektive Ästhetik möglich, die auch viel schneller ihr Publikum erreicht, als zum Beispiel das Werk eines Lessings seinerzeit. Das Interesse daran schwindet aber auch viel schneller.

Jugendkultur ohne eigenen Stil

Möglicherweise hängt der Historismus, das erste Revival bzw. die obskure Mischung der Stile im 19. Jahrhundert, eben mit der immensen Belebung des Literaturmarktes zusammen, mit der Möglichkeit, die Literatur jeder beliebigen Zeit griffbereit zu haben. Es scheint, so lange die Jugendkultur nicht ihren eigenen Stil findet, mit Hilfe dessen sie sich selbst eigene Bedeutungen zuschreiben kann, ist auch ihre Position in der Gesellschaft ungewiss. Gleichzeitig bleibt auch der in manchen Bereichen nötige Strukturwandel unter dem Haufen der Retrokleider und -klänge begraben. Man kann nicht einfach imitieren und etwas bewirken wollen: „Das Hier und Jetzt seines Originals macht den Begriff seiner Echtheit aus“ (Walter Benjamin).

In den Berichten der Jugendkultur über die "elder statesmen" der Popmusik wird natürlich auch das Alter der Popikonen immer wieder thematisiert. In der oben genannten Rezension von Bowies Album wird Lotti Huber zitiert: „Die alte Zitrone hat noch sehr viel Saft!“

Die berühmte Weggefährtin von Nietzsche, Rilke und Freud, nämlich Lou Andreas-Salomé, lässt die Vorzüge des hohen Alters aus der Perspektive des „Originals“ viel charmanter wirken. Eine der Protagonistinnen ihres ersten Russland-Romans „Ma“, die Rentnerin Vera Petrowna, sagt zu ihrer jüngeren Freundin: „alle wahren Genüsse kommen im Alter […] - Da hat man nämlich erst die Ruhe dazu, - ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen.“

Damit ist es wohl gesichert: Ältere Menschen, die viel zitierten und oft abgeschriebenen Seniorinnen und Senioren, sind mit ihrer Souveränität, ihrer Erfahrung und ihrer Originalität die nachhaltigsten Helden unserer Zeit und gleichzeitig auch die Inspiration für die nachwachsende POP-Generationen. Was im Leben gelten kann, warum sollte es in der Musik anders sein?


  Literaturangaben (Quellen):  
 
  • Andreas-Salomé, Lou: Ma. Berlin 1996.
  • Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M. 1997.
  • Fiske, John: Lesarten des Populären. Wien 2003.
  • Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M. 2006.
  • Hall, Stuart: Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt. Hg. u. übers. v. Nora Räthzel. Hamburg 2000.
 



 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks