• Dienstag, 23.05.2017
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GESUNDHEIT

Pflegende Angehörige älterer Menschen

Motive und Bereitschaft zur familialen Hilfe und Pflege  
Von François Höpflinger  
  Pflegende Angehörige älterer Menschen in der Schweiz
   
© François Höpflinger
Was entscheidet, ob Frauen und Männer ihre hilfsbedürftigen Angehörigen pflegen? Im SwissAgeCare-Projekt bot sich die einmalige Gelegenheit, einen Beitrag zu leisten, um diese Fragen zu beantworten.


Motive

Zum einen wurden die pflegenden Angehörigen nach ihren Motiven befragt, zum anderen wurden die Spitex-Mitarbeiterinnen gebeten, eine persönliche Einschätzung der hauptsächlichen Motive der Pflegeübernahme durch die Angehörigen zu machen.

Die Erhebung zeigt, dass die Pflegenden in erster Linie Liebe und Zuneigung als treibende Motive geltend machen, gefolgt von Gefühlen persönlicher moralischer Verpflichtung. Ferner wird die Notwendigkeit (man hatte keine Alternativen), aber auch die Meinung, dass die Pflege ein «gutes Gefühl» gebe, genannt.

Die Detailanalyse nach Pflegesettings erlaubt interessante Einblicke und zeigt einige Unterschiede auf. Bei männlichen Partnern sind Gefühle der Verpflichtung ebenso wichtig wie Liebe und Zuneigung. Bei den pflegenden Partnerinnen hingegen ist Liebe und Zuneigung ganz deutlich das meistgenannte Motiv und erst in zweiter Linie die moralische Verpflichtung.

Priorisierung der Motive

Bei den pflegenden Kindern gibt es klare Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Priorisierung der Motive. So wird bei den Söhnen an erster Stelle die moralisch-ethische Verpflichtung genannt, an zweiter Stelle die Aussage, dass die Pflege ihnen ein gutes Gefühl gebe und erst an dritter Stelle Liebe und Zuneigung. Bei den Töchtern wird hingegen mit höchster Priorität Liebe und Zuneigung gewählt, gefolgt von moralischer Verpflichtung. Oder anders formuliert: Bei den Frauen (Partnerinnen wie Töchter) spielen Liebe und Zuneigung die primäre Rolle, bei den Männern hingegen sind normative Einstellungen mindestens (bei Partnern) so wichtig wie oder gar noch wichtiger (bei den Söhnen) als die emotionale Zuneigung. Diese Ergebnisse widerspiegeln die unterschiedliche Ethik der Fürsorglichkeit von Frauen und Männern. Bei Frauen sind Liebe und Zuneigung entscheidend, bei Männern hingegen scheint die Prinzipientreue mindestens so zentral zu sein wie Gefühle.

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Beim Vergleich der Selbstberichte mit jenen der Spitex-Mitarbeiterinnen sind erstaunliche Divergenzen zu beobachten. Ganz generell zeigt sich, dass die Spitex-Mitarbeiterinnen bei allen Pflegesettings Liebe und Zuneigung als die hauptsächlichen Motive ansehen, gefolgt von Gefühlen der Verpflichtung. Völlig unterschätzt werden von den Spitex-Mitarbeiterinnen die Relevanz der Motive wie Notwendigkeit (keine Alternative), finanzielle Überlegungen (Alternativen sind zu kostspielig), religiöse Überzeugungen und Zufälle. Fokussiert man zusätzlich die Selbst- und Fremdeinschätzung nach Pflegesetting, fällt auf, dass bei den männlichen pflegenden Partnern die geringste Übereinstimmung resultiert. Dies in dem Sinne, dass die Spitex-Mitarbeiterinnen ganz offensichtlich die Motivlage eher zu optimistisch einschätzen und Sachzwänge zu wenig in Betracht ziehen oder unterschätzen.

Über die Gründe können wir nur spekulieren. Ist es das – in der Literatur so oft beschriebene – mangelnde Mitteilungsbedürfnis der Männer, ihre scheinbare Unfähigkeit, über Probleme zu sprechen? Dies mag einer der Gründe sein. Auch bei den pflegenden Frauen finden wir beträchtliche Divergenzen bezüglich der Selbst- und Fremdeinschätzung der Pflegemotive vor. Es ist somit möglich, dass auch Gefühle der Scham pflegende Angehörige daran hindern, sich den Spitex-Mitarbeiterinnen bezüglich gewisser Themen zu öffnen. Auf jeden Fall sind diese Resultate deshalb relevant, weil sie wichtige Hinweise für die Optimierung des Verständnisses und somit auch für die Zusammenarbeit zwischen pflegenden Angehörigen und Spitex-Mitarbeiterinnen geben.

Vergleich mit dem Ausland

Vergleicht man die schweizerischen Resultate bezüglich der Motivstruktur zum Pflegen mit europäischen Datensätzen zeigt sich, dass die Motivstruktur der pflegenden Angehörigen in der Schweiz im Vergleich zu den anderen Ländern sowohl Ähnlichkeiten wie auch ausgeprägte Unterschiede aufweist: Ähnlich ist, dass die emotionale Bindung bei allen das hauptsächliche Motiv ist, was nicht weiter erstaunt. Unterschiedlich ist jedoch das Ausmass des sich Verpflichtet-Fühlens. Sowohl beim Gefühl der Verpflichtung ganz allgemein wie bei der persönlich-moralischen Verpflichtung zeigen die Schweizer – ähnlich wie die Deutschen – sehr hohe Werte, dies etwa im Gegensatz zu den Italienern und Schweden. Interessant ist zudem, dass bei den Schweizern die Kategorie «keine Alternative» im internationalen Vergleich am häufigsten geltend gemacht wird.

Belastungsfaktoren bei pflegenden Angehörigen

Die subjektive Gesundheitseinschätzung pflegender Angehöriger weicht negativ von derjenigen der gleichaltrigen Referenzbevölkerung ab. Dies gilt vor allem für pflegende Töchter und Söhne. Auch die psychische Befindlichkeit pflegender Angehöriger ist geringer als bei der Referenzbevölkerung. Über 60% der befragten Hauptpflegepersonen berichteten, in der letzten Woche niedergeschlagen gewesen zu sein, und fast 80% waren nach eigenen Angaben in dieser Zeit angespannt und nervös. Chronischer Stress ist vor allem bei intensiv pflegenden Angehörigen häufig, wobei pflegende Töchter stärker unter chronischem Stress leiden als etwa pflegende Partnerinnen oder Partner, die dafür häufiger von sozialer Isolation betroffen sind.

Pflegende Angehörige konsumieren entsprechend signifikant mehr Schlaf- und Beruhigungsmittel und Antidepressiva als die Referenzbevölkerung. Dies zeigt sich insbesondere bei pflegenden Partner und Partnerinnen, die altersbedingt oft ebenfalls an Beschwerden leiden. Wird die Diskrepanz zwischen gewünschtem Zeitaufwand für die Pflege und tatsächlich aufgewendetem Zeitinvestment untersucht, zeigt sich, dass vor allem Partner und Partnerinnen bei weitem mehr Zeit investieren als sie eigentlich möchten. Die Diskrepanz ist bei pflegenden Partnerinnen ausgeprägter als bei pflegenden Partnern und bei pflegenden Töchtern höher als bei pflegenden Söhnen.


 
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Körperliche und psychische Belastung

Eine verfeinerte Analyse der Pflegesituationen weist darauf hin, dass körperliche und psychische Belastung pflegender Angehörige unterschiedlichen Einflussgrössen unterliegen:

Für eine hohe körperliche Belastung (verschlechterte Gesundheitseinschätzung, hohe Beschwerdenlast und vermehrte Arztbesuche) scheinen primär das Alter der pflegenden Person sowie kontextuelle Rahmenbedingungen der Pflege – wie Dauer des Pflegeverhältnisses, hohes Zeitinvestment in die Pflege, soziale Isolation und Überlastung – verantwortlich zu sein.

Für eine hohe psychische Belastung (tiefes Wohlbefinden, hoher chronischer Stress) hingegen scheinen in erster Linie geringe individuelle Ressourcen relevant zu sein. Bedeutsame Einflussvariablen auf die psychische Belastung sind ineffiziente Copingstrategien, eine negative Einschätzung der eigenen Kindheit und eine geringe Hilfsbereitschaft. Relevant ist auch das Gefühl, dass die Pflege zu viele negative Auswirkungen auf das eigene Leben und die sozialen Kontakte aufweist. Auch der Wunsch nach weniger Zeitinvestment in die Pflege und eine geringe Zufriedenheit mit der Pflegesituation sind von Bedeutung. Keine Rolle scheinen hingegen das Alter und der Grad der Pflegebedürftigkeit des gepflegten Angehörigen sowie die Dauer des Pflegeverhältnisses, das effektive Zeitinvestment und die angebotenen Entlastungsmöglichkeiten zu spielen.

Typen pflegender Angehöriger

Entsprechend dem Pflegesetting (Partnerpflege, Pflege eines Elternteils) und den individuellen Ressourcen ergeben sich unterschiedliche Pflegeverhältnisse. Eine Clusteranalyse bezüglich Pflegebelastung und Wohlbefinden liess vier Typen pflegender Angehöriger erkennen:
  • Resiliente Partner bzw. Partnerinnen: Trotz hohem Pflegeaufwand und kaum Entlastungsmöglichkeiten berichten diese Personen über ein hohes Wohlbefinden und eine hohe Lebenszufriedenheit.
  • Stark belastete Pflegende: Sie erleben als pflegende Partner, Töchter oder Söhne eine enorme Belastung ohne Entlastungsmöglichkeiten, und sie erfahren dadurch eine deutliche Beeinträchtigung ihrer Lebenszufriedenheit und ihres Wohlbefindens.
  • Belastete weibliche Pflegende (Partnerinnen und Töchter), die ein deutlich eingeschränktes Wohlbefinden erwähnen, obwohl die zeitliche Belastung durch die Pflege weniger hoch ist als in den zwei vorherigen Gruppen.
  • Wenig belastete Pflegende: Hier handelt es sich um pflegende Kinder mit unterschiedlich stark hilfe- und pflegebedürftigen Eltern. Der Zeitaufwand für die Pflege ist im Vergleich zu den anderen Gruppen am geringsten, und das Wohlbefinden wird durch die Pflege nicht beeinträchtigt.
     

 

Quelle:
Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger (Hrsg.):
Pflegende Angehörige älterer Menschen. Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit mit der ambulanten Pflege, Bern 2012.
Verlag Hans Huber.
       
 
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