• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Ohren-Schmaus und Augen-Blick

Von Helmut Bachmaier  
Ohren-Schmaus und Augen-Blick
© TERTIANUM-Stiftung
In der Kulturgeschichte standen einmal das Hören und einmal das Sehen als sinnliche Vergewisserungen im Vordergrund.


Zur Zeit der Reformation, als die Ikonoklasten (Bilderstürmer) wüteten, war das Wort hoch geschätzt und das Ohr der Eingang für die verbale Botschaft in das Innere des Menschen. Nicht nur, dass die Bilderstürmer vom Bilderverbot angetrieben waren, für sie war das Auge, das Sichtbare, konkret das Bild etwas höchst Frevelhaftes. Für lange Zeit machte die ex-cathedra-Auslegung der Bibel die Gemeinde zu Hörern, die dem verkündeten Wort Gottes lauschen sollten. Selber lesen war nur wenigen möglich und auch von den theologischen Autoritäten nicht erwünscht, denn es hätten sich neue Auslegungen der Schrift ergeben können, die nicht dogmatisch gedeckt waren und als häretisch hätten verfolgt werden müssen.

Soziale Geräusche

In der Gegenwart gibt es andere Hör-Probleme. Wir werden überschüttet mit ausuferndem, lärmendem Wort-Müll. Überall wird geredet, geschwätzt, informiert, alles eine ständige Ohrenfolter. Handy und Smartphon scheinen eine Legitimation dafür zu sein, dass jeder und jede immer und überall Belanglosigkeiten lautstark absondern können. Die Kommunikation verkommt dabei zu einem blossen sozialen Geräusch, zu akustischer Umweltverschmutzung. Der Wunsch vieler Menschen nach Stille wird verständlich.

Es ist also wünschenswert, sich Zeit zu nehmen, um in Ruhe ein Konzert anzuhören, einer Rezitation oder einem Vortrag aufmerksam zu lauschen, so dass die Töne und Worte zu einem Ohrenschmaus werden. Sonst vergeht einem leicht das Hören und Sehen.

Wahrnehmung und Licht

Aristoteles stellte einen direkten Zusammenhang zwischen unserer Wahrnehmung und den Objekten der Wirklichkeit her. „Auch wenn wir nichts sehen, beurteilen wir doch Dunkelheit und Helligkeit durch den Gesichtssinn, nur in anderer Weise. Daher bleiben auch nach dem Verschwinden des Gegenstandes die Wahrnehmungen und Vorstellungen in den Sinneswerkzeugen haften. Die Wirklichkeit des Gegenstandes und seiner Wahrnehmung ist ein und dieselbe, nur ihre Seinsweise ist anders.“ Diese klassische ontologische Auffassung wurde spätestens seit Kant revidiert, indem erst durch die Formen der Anschauung und dann durch den Begriff, durch das Denken, eine Einheit der Eindrücke als Erkenntnis entsteht.

Goethe, der exemplarische Augenmensch, schrieb über das Licht und das Auge: „Das Auge als ein Geschöpf des Lichtes leistet alles, was das Licht selbst leisten kann. Das Licht überliefert das Sichtbare dem Auge; das Auge überlieferts dem ganzen Menschen. Das Ohr ist stumm, der Mund ist taub; aber das Auge vernimmt und spricht. In ihm spiegelt sich von aussen die Welt und von innen der Mensch. Die Totalität des Innern und Äussern wird durchs Auge vollendet.“

Garten und Augen-Blick

  Französischer Garten   Englischer Park  
  © de. wikipedia.org   © denkmalpflege.bremen.de  


Die historischen Parks – der französische, streng geometrische Park als Ausdruck rationalistischer Staatsphilosophie des Absolutismus; der englische, eine freie Natur fingierende Park als Ausdruck des englischen Liberalismus – dienten den Gartenarchitekten als Muster, um den Blick des Betrachters auf bestimmte Weise zu lenken. Die Geschichte des Blicks ist eng verbunden mit den Inszenierungen der Natur in Park und Garten. In den asiatischen Gärten wird der enge Bezug zum Kosmos hergestellt und nach religiösen und spirituellen Einstellungen ausgerichtet. Der Blick des Menschen wandelt sich im Laufe der Zeiten. Unser medialer Blick auf Serien von Bildflächen ist anders als der einstige Blick, der sich an festen Konturen orientieren konnte.

Diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass der Garten in der Vorstellungswelt der Menschen ein offener Raum ist für unterschiedliche symbolische Besetzungen und für die Organisation und Richtung des Blicks – Gartenkunst ist Augenkunst. Gegen die heutige „Okular-Tyrannis“, die Tyrannei durch Bilder aller Art, gegen die Reizüberflutung durch Lärm und Bilderrausch dienen die Oasen der Stille und das ruhige Betrachten der Natur oder eines Kunstwerkes. Richtiges Sehen und Hören sind anspruchsvolle Kulturleistungen.



Weitere Artikel von Helmut Bachmaier (Auswahl)
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks