• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Ohne Vertrauen geht Nichts!

Von Willy Burgermeister  
  Es braut sich einiges zusammen...
Foto: © pumpili.deviantart.com
Geld kann man drucken – Vertrauen nicht. Wissen wir eigentlich noch, was unser Land zu dem gemacht hat, was es heute ist? Die Bevormundung des Bürgers nimmt laufend zu.


In einer Gesellschaft, die mit immer mehr Risiken ringt, laufen wir Gefahr, Recht und Regulierung überzustrapazieren. Aus der Eurokrise ziehen nicht die Regeltreuen, sondern die Regelbrecher ihren Nutzen. Das Vertrauen in die disziplinierende Kraft des Marktes zerbröselt. Die „soziale Marktwirtschaft“, Garant unseres Wohlstandes, wird gedankenlos ausgehebelt. Jedes in den Medien aufgegriffene, gröbere Problem löst einen unbändigen Schwall von Gesetzesinitiativen aus. Parallel dazu, so die „NZZ“ vor einiger Zeit, verdorrt die Qualität dieser Gesetze.

Überwachung

Die US-Ökonomin Shoshana Zuboff schreibt in ihren Buch „Information Civilization“: „Die aufkommende, globale Zivilisation bedarf eines grundsätzlich neuen, sozialen Entwurfs […]. Denn unsere institutionellen Vereinbarungen müssen konsequent neu gedacht werden: die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung […]. Die Überwachung hat jedoch unser tägliches Leben längst vereinnahmt […]. Nur Experten, gewiefte Hacker oder Informationswissenschaftler begreifen noch, wie weit dies alles schon fortgeschritten ist. Wir, als Gesellschaft, verstehen das nicht mehr.“


Mit immer neuen Gesetzen, Verordnungen und Regeln versuchen wir also, etwas in den Griff zu kriegen, was wir längst nicht mehr kapieren. Und - alle pochen auf ihre Rechte, niemand aber widmet sich den damit verknüpften Pflichten. Werden wir so dem Wesen des Menschen, seiner mutigen Schaffenskraft, seinen Fähigkeiten und seinem Verantwortungsbewusstsein noch gerecht, und fördern wir dadurch wirtschaftliche und soziale Erneuerungen?

Die Haushaltsdefizite der fortgeschrittenen Industrienationen, deren alternde Bevölkerungen und die Wohlfahrtssysteme, gekoppelt an aufbrandende, regulatorische Verordnungen, engen die dringend notwendigen Handlungsspielräume in der Wirtschafts- und Finanzpolitik gefährlich ein. Gleichzeitig verweigern wir uns der Frage, welche Rolle denn Freiheit für die Prosperität und Stabilität unserer Wirtschaft noch spielt und welche langfristigen Folgen willkürliche Einschränkungen für Investoren hervorrufen?

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Verführerische, markige Worte oder schrille Schlagzeilen in den Medien führen in die Irre. Politiker und Notenbanker müssen der Versuchung widerstehen, die Märkte nach ihren Wünschen und Vorstellungen zurechtzubiegen. Auch Worte haben das Zeug, die Welt zu verändern. Eine tiefe Verunsicherung legt sich über unsere Gesellschaft. Auf Stärken zu bauen, statt nur nach Schuldigen zu suchen, fällt schwer in der politischen Realität. In Zukunft wird es jedoch darum gehen, die Menschen mitzunehmen und einzubeziehen. Doch, dass „die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist“ (Ingeborg Bachmann), daran glauben nur noch wenige politische Verantwortliche.

Der Grundkonflikt wurzelt in unterschiedlichen Vorstellungen über das Notwendige und Wünschenswerte für die Zukunft unseres Landes. Die Vertrauenskrise gegenüber der Politik geht weiter, beschränkt sich letztlich aber nicht nur auf die Politik. Wer traut denn bei gewichtigen Projekten noch den Kostenschätzungen der Fachleute? Wie viele vertrauen noch wissenschaftlichen Gutachten, wenn wir für alles auch ein Gegengutachten vorlegen können? Alle wollen Forschung und Entwicklung. Doch die Manager misstrauen den Forschern, weil sie für jene zu wenig Geschäftssinn offenbaren. Und Forscher schätzen Manager gering, weil sie deren Verstand fürs Technische anzweifeln. Am Ende schieben sie sich gegenseitig den „Schwarzen Peter“ zu.

Der Mangel an Vertrauen umfasst fast alles und scheint allgegenwärtig. Wir entdecken kaum mehr einen gesellschaftlichen Bereich, der davon verschont wäre. In der Bevölkerung herrscht das mulmige Gefühl vor, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft gar nicht mehr fühlen, was die Menschen bewegt und was sie erwarten. Zudem spüren wir immer mehr den gesalzenen Preis, den wir für unsere Art zu leben und zu wirtschaften, berappen. Das Leitmotiv „Höher – schneller – weiter“ entlarvt sich als immer weniger faszinierend und zukunftsweisend – es wird zunehmend als Bedrohung empfunden.

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Leistungsfähigkeit

Fortschritt wofür? Wachstum wofür? In diesen Fragen lauert der lähmende Stillstand, der uns teuer zu stehen kommen könnte. Alle wollen wir auch in 10 oder 20 Jahren ein sorgenfreies, angenehmes Leben geniessen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns bewusst sein, dass eine hohe Lebensqualität eine handfeste Leistungsfähigkeit voraussetzt. Deshalb hängt unsere Zukunft von unserer Innovationskraft, unserer Fähigkeit zu Veränderung, Weiterentwicklung und Erneuerung, ganz entscheidend ab.

Einen unablässig bohrenden Vertrauensverlust zwischen Wirtschaft, Politik und Bevölkerung können wir uns nicht leisten, vor allem dann nicht, wenn sich immer mehr Menschen fragen, ob wir mit unserer heutigen, politischen Kultur noch in der Lage sein werden, zukunftsweisende Entscheidungen und Weichenstellungen aufzugleisen. Aber ohne Vertrauen kann auf Dauer keine Gesellschaft erfolgreich überleben.
       
 
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