• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Normalo oder Promi?

Über die Lust, normal zu sein.  
Buchbesprechung von Helmut Bachmaier  
Normalo oder Promi?  
© umweltbundesamt.de/CC Vision
Neuerdings wird der Zwang zur Anpassung an soziale und ästhetische Werte massiv infrage gestellt und statt dessen für eine gewisse Normalität plädiert, für das Recht auf den Durchschnitt. Nicht nur ältere Menschen dürfen demnach ihren Gewohnheiten weiter vertrauen.


Buchempfehlung
Die Lust normal zu sein
Maria Schorpp:
Die Lust normal zu sein

Warum wir nicht immer
besser werden müssen.
Orell Füssli, 192 Seiten,
Zürich 2013.
Laut der promovierten Philosophin und Journalistin Maria Schorpp hat eine Plage das Land überzogen: die Prominenten. In ihrem Buch „Die Lust normal zu sein“ bricht sie eine Lanze für den „Normalo“.

Zunächst jedoch berichtet sie von einer feindlichen Invasion: Die Spezies der Promis ist in den unmittelbaren Lebensbereich der ganz normalen Menschen eingedrungen. Damit sei für den Normalsterblichen eine Scheinnähe zu der Welt der Prominenz entstanden, schreibt sie. Vom Promikult angespornt, fordere auch der Alltagsmensch nun Exklusivität ein. „Die Botschaft ist angekommen und bereits verinnerlicht“, so Maria Schorpp. Die Botschaft lautet: Der Normalo darf sich nicht mehr genügen, er muss etwas Ausserordentliches aus sich machen, am besten sich ganz neu erfinden.

Zwang zur Selbstgestaltung

Damit jedoch nicht genug: Zum Anspruch, etwas Besonderes darzustellen, komme ein gesellschaftlicher Zwang zur Selbstgestaltung hinzu, der Bauch, Beine, Po genauso betreffe wie das Gefühlsleben, das per „emotional design“ den letzten Schliff erhalten soll. „Selbstbestimmung reicht nicht mehr, heute gilt es, sich lebenslang neu zu erfinden“, heisst es da. Die gesamte Person steht somit zur Disposition. Das Ergebnis all dessen beschreibt die Autorin so: Die Menschen werkeln nach Belieben an sich herum. Extrovertiert, jung und sexy in allen Lebensphasen ist demnach genauso Pflicht wie Sporttreiben.

Krieg gegen sich selbst

Der Normalo an und für sich steckt in der Krise. Er führt Krieg gegen sich selbst, wie Maria Schorpp es drastisch beschreibt. Doch diese schlechte Nachricht birgt gleichzeitig eine gute, meint sie: Nach nichts sehne sich der Mensch in der Krise so sehr wie nach Normalität. Sie schiebt jedoch eine Warnung nach. Wer sich zur Normalität bekennt, darf keine Angst vor Schmähungen haben wie „Mitläufer“ oder „Konsumidiot“. Genau das aber sei der normale Mensch im Gegensatz zu dem der Selbsterfindungsindustrie nicht.

Dr. Maria Schorpp
Dr. Maria Schorpp

Lob der Gewohnheiten

Die Autorin verbindet mit Normalität stattdessen Sozialtechniken, die in der heutigen Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten sichere Haltegriffe darstellten. Zum Beispiel die andernorts viel geschmähten Gewohnheiten, die eine gewisse Stabilität garantieren.

Jedenfalls ist dieses Buch ein Protest gegen den allgemeinen Zwang zur Anpassung an Normen einer Selbsterfindungsindustrie, und es fordert zur Verweigerung und zur Selbstaktualisierung auf.

Dabei kann an Goethes „Urworte, orphisch“ erinnert werden, weil man offensichtlich seinen „Dämon“ nicht maskieren oder stilisieren kann:



 
Dämon
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
 


 
       
 
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