• Sonntag, 23.04.2017
Print

GENERATIONEN

Neue Formen der Generationenbeziehungen

Von François Höpflinger  
Neue Formen der Generationenbeziehungen
© commons.wikimedia.org
Generationenbeziehungen sind eine grundlegende menschliche Lebensbedingung. Es gibt kein menschliches Leben ausserhalb von Generationenbeziehungen, und jede Gesellschaft sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, ihre materielle und kulturelle Existenz über die beschränkte Lebenszeit einzelner Menschen hinaus zu sichern.


Der Begriff der Generation ist mehrdeutig. Entsprechend werden in öffentlichen und politischen Diskursen unterschiedliche Generationenkonzepte verwendet.

Generationen - im Spannungsfeld von Kontinuität und Wandel

Der Begriff ‚Generation’ stammt vom lateinischen ‚generatio’, eine begriffliche Neuschöpfung im ersten Jahrhundert nach Christus. Mit dem Begriff ‚generatio’ – einer Abspaltung des älteren Genus-Begriffes für die traditionelle Abstammungslinie – wurde auch ein Element von Erneuerung angesprochen. Damit wurde schon in der Antike auf das grundlegende Spannungsfeld von Generationenbeziehungen verwiesen: Durch die Geburt von Kindern wird eine neue Generation gebildet, die sich von der Generation der Eltern zwangsläufig unterscheidet. Beim Umgang mit Generationen geht es immer um Differenzen vor dem Hintergrund menschlicher Gleichheit.

Die verschiedenen Generationen sind einerseits aufeinander angewiesen, und vorhandene gesellschaftliche Probleme müssen gemeinsam gelöst werden. Andererseits führen Generationendifferenzen zu divergierenden Interessenlagen und Problemwahrnehmungen. Deshalb geht es beim Generationenthema immer auch um das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Kontinuität (Tradition) und Wandel (Innovation). Jede dynamische Gesellschaft ist auf Innovation und Wandel angewiesen, aber gleichzeitig braucht jede Gesellschaft eine gewisse Kontinuität (und kulturelle oder nationale Identitäten basieren auf gemeinsam vertretenen Traditionen). Da das intergenerationelle Spannungsfeld zwischen Wandel und Kontinuität nie endgültig auflösbar ist, muss jede Gesellschaft die Beziehungen zwischen den Generationen immer neu lösen, was mit zu einer grundsätzlichen Ambivalenz von Generationenbeziehungen beiträgt.

Vier unterschiedliche Konzepte von Generationen

Für Verwirrung bei medialen und politischen Diskussionen zu Generationenfragen sorgt die Tatsache, dass mehrere, voneinander unabhängige Konzepte von Generationen existieren. Aus Forschungsliteratur und öffentlichen Diskussionen lassen sich zumindest vier Konzepte von Generationen unterscheiden:
  • Erstens wird der Begriff der Generation zur Unterscheidung der Abstammungsfolge in Familien (Kinder-Eltern-Grosseltern) eingesetzt (genealogischer bzw. familial-verwandtschaftlicher Generationenbegriff). Für heutige Gesellschaften ist charakteristisch, dass dank hoher Lebenserwartung ein Miteinander mehrerer Familiengenerationen häufig ist. Aufgrund geringer Geburtenzahlen sind oft mehr Grosseltern als Enkelkinder anzutreffen. Trotz hoher gemeinsamer Lebensspanne familialer Generationen leben ältere und jüngere Generationen – mit Ausnahme von Kindheit und Jugend – zumeist in selbständigen Haushaltungen.
  • Zweitens werden Generationen in pädagogischen Zusammenhängen als Grundkategorien von Lern- und Erziehungsprozessen diskutiert (pädagogischer Generationenbegriff). Eine Grundvoraussetzung für das Weiterbestehen jeder Gesellschaft ist die Vermittlung von Normen, Kenntnissen und Fertigkeiten von der älteren Generation an die neue Generation ihrer Kinder. Der pädagogische Generationenbegriff spricht das Verhältnis zwischen vermittelnder und aneignender Generation an. Der pädagogische Generationenbegriff – vor allem im 19. Jahrhundert bedeutsam – wird heute nur noch selten verwendet, obwohl der intergenerationelle Wissenstransfer auch heute von enormer Bedeutung ist. In heutigen Gesellschaften ist es allerdings nicht selten, dass ältere Menschen von jungen Menschen lernen müssen.
  • Drittens wird in kulturellen und zeitgeschichtlichen Diskussionen ein allgemeiner, von familialen Zusammenhängen losgelöster Generationenbegriff verwendet, der sich auf gesellschaftliche Gruppen bezieht, die historische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeiten aufweisen, etwa wenn von der Kriegsgeneration oder der Nachkriegsgeneration gesprochen wird (zeitgeschichtlich-gesellschaftliche Generationen). Der zentrale Ausgangspunkt des zeitgeschichtlich-gesellschaftlichen Generationenkonzepts ist die Annahme einer Prägung von Menschen einer spezifischen Zeitepoche durch gemeinsame historisch-gesellschaftliche Ereignisse und Erfahrungen, wodurch sie sich von früher oder später geborenen Menschen unterscheiden; etwa nach dem Einleitungswort von Goethe in 'Dichtung und Wahrheit': "..ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach aussen betrifft, ein ganz anderer geworden sein." Oder in den Worten des deutschen Gesellschaftsphilosophen Wilhelm Dilthey: "Diejenigen, welche in den Jahren der Empfänglichkeit dieselben leitenden Einwirkungen erfahren, machen zusammen eine Generation aus.“
  • Viertens wird der Begriff der Generation in den letzten Jahrzehnten als Kategorie zur Beschreibung wohlfahrtsstaatlicher Verteilungsprozesse zwischen Altersgruppen verwendet, etwa wenn bei umlagefinanzierten Systemen der Altersvorsorge von einem ‚Generationenvertrag‘ die Rede ist (wohlfahrtsstaatliche Generationen). Auch bei diesen Diskussionen steht ein gesellschaftliches Konzept von Generationen im Zentrum, wobei hier allerdings sozialpolitische Fragestellungen im Vordergrund stehen, etwa inwiefern aufgrund der demographischen Alterung die heutigen Formen der Altersvorsorge nicht zu einer verstärkten sozialpolitischen Belastung nachkommender Generationen führen (und damit Prinzipien der Generationengerechtigkeit verletzt würden). Auch soziale Diskurse zur Nachhaltigkeit verwenden wohlfahrtsstaatliche Generationenkonzepte, etwa wenn eine negative Generationenbilanz (ältere Generationen profitieren auf Kosten nachkommender Generationen) befürchtet wird.
Das einzelne Individuum steht konkret immer in mehrfachen Generationenzusammenhängen (familial, pädagogisch, gesellschaftlich, sozialpolitisch). Entsprechend erlebt der einzelne Mensch mehrfache Erfahrungen der Generationenzugehörigkeit; sei es beispielsweise als 67-jähriger Sohn einer hochaltrigen Mutter und gleichzeitig als Bezieher einer Altersrente, der sich in seiner nachberuflichen Lebensphase von der Enkeltochter aktiv in neue Technologien und Sprachformen einführen lässt. Im Gespräch mit der Enkeltochter wird er sich über Generationendifferenzen zwischen seiner Jugend und der heutigen Jugend bewusst. Jeder Mensch ist sozusagen multigenerativ eingebunden.

Jung und Alt – zwischen Nebeneinander und Miteinander

Bei Begegnungen zwischen Alt und Jung im Alltag handelt es sich oft um Gelegenheitskontakte von kurzer Dauer und geringer Intensität oder um beruflich bedingte Beziehungen (erwachsene Lehrerin – junge Schüler, junges Pflegepersonal - pflegebedürftige alte Person u. a.). Oberflächliche Begegnungen erhöhen das Risiko negativer Stereotypen stärker als keine Begegnungen. Generell zeigt sich, dass ein blosser Kontakt mit älteren Menschen nicht genügt, um positive Haltungen zum Alter zu erzeugen. Gelegentlich werden negative Haltungen sogar gestärkt, etwa wenn Kinder ältere Menschen, die nicht ihrem vertrauten Lebensumfeld angehören, im Zustand von Hilflosigkeit und Gebrechlichkeit kennen lernen. Offenbar ist eine emotionale Beziehung zu einem älteren Menschen erforderlich, damit Heranwachsende nicht nur auf die äussere Erscheinung eines Menschen reagieren, sondern ihn oder sie als Personen erleben, die nicht auf ihren körperlichen Zustand zu reduzieren ist. Je persönlicher die Beziehungen zwischen jungen und älteren Menschen sind, desto weniger entstehen intergenerationelle Missverständnisse (und persönliche Beziehungen entstehen eher, wenn Generationenprojekte lokal organisiert werden).

Alle Studien zu Sozialbeziehungen bei Jugendlichen weisen auf zwei wesentliche Sachverhalte hin: Zum ersten treffen sich Jung und Alt im Wesentlichen innerhalb familialer Beziehungen, wobei auffallend ist, dass heutige Jugendliche oft ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern aufweisen als dies vor drei, vier Jahrzehnten der Fall war. Auch die Beziehungen zwischen jungen Enkelkindern und ihren Grosseltern haben in den letzten Jahrzehnten eine markante Aufwertung erfahren.

Zum anderen zeigt sich bei Kontakten ausserhalb der Familie oft eine Konzentration auf Beziehungen zu altersgleichen Personen. Dies gilt speziell für frei gewählte ausserfamiliale Beziehungen. So konzentrieren sich Freundschaftsbeziehungen weitgehend – wenn auch nicht ausschliesslich - auf Gleichaltrige. Ausserhalb der Familie herrscht eher das Prinzip eines Nebeneinanders als eines Miteinanders vor.

Aus diesen Feststellungen ergibt sich für organisierte Generationenprojekte eine zentrale Schlussfolgerung: Erfolgreiche Generationenprojekte müssen betreut und begleitet werden, da es bei der Kommunikation zwischen Jung und Alt um eine Kommunikation zwischen Personen mit anderen Lebenshintergründen (aber auch mit anderen Sprachformen) geht. Mitbestimmung aller Generationen ist ein Muss, aber auch ein vertieftes Verständnis für den Wandel der Gesellschaft (und die von alten Menschen erlebte Jugend ist anders als die Jugend von heute). Am besten funktioniert intergenerationelle Hilfe, wenn beide Generationen das Prinzip von ‚Engagement ohne Einmischung‘ beachten: Junge Menschen helfen etwa älteren Menschen beim Einkaufen oder beim Putzen, mischen sich aber nicht zu stark ins Privatleben ein; alte Menschen begleiten oder beraten junge Menschen, aber sie mischen sich nicht ungefragt ins Leben junger Menschen ein.

Von Alt zu Jung – der Blick von oben

Wer lange gelebt hat und damit alt geworden ist, wird immer mit zwei grundlegenden Lebenselementen konfrontiert:
  • Erstens, die eigene Kindheit und Jugend ist weit weg, unter Umständen zu weit weg. Man kann sich unter Umständen noch ‚jung’ fühlen, aber das Spiegelbild spricht eine andere Sprache. Die Jugend von heute ist zwar die Zukunft der Gesellschaft, und eigene Enkelkinder garantieren die Zukunft der Familie, aber die eigene Jugend ist für alte Menschen schon längst Vergangenheit.
  • Zweitens, alte Frauen und Männer erlebten eine völlig andere Kindheit und Jugend als heutige Kinder und Jugendliche, da sie in einer noch stark ländlich geprägten Schweiz aufwuchsen. Dies kann negative wie positive Reaktionen hervorrufen. So wird ein Wandel durch ältere Menschen nicht unbedingt negativ beurteilt, als Zerfall von Moral und Sitte. Solchen Vorbehalten kann nur durch begleitetes Erzählen und Gespräch begegnet werden. Andere alte Menschen realisieren – unter Umständen mit Trauer – dass ihre Erfahrungen aufgrund des enormen Wandels für die nachkommenden Generationen weder nützlich noch nachgefragt sind.
Für einige alte Menschen ist ein guter Kontakt mit jungen Menschen sehr befruchtend, weil sie damit an der Zukunft der Gesellschaft aktiv teilnehmen können. Im Kontakt mit Jungen lernen sie neue Sprachformeln, neue Techniken oder eine verstärkte Toleranz für sozialen Wandel. Speziell persönlich intensive Kontakte mit jungen Menschen werden von älteren Menschen nicht selten benützt, um wieder an frühere Lebensphasen anzuknüpfen. Eine Studie zu Enkelkind-Grosseltern-Beziehungen liess erkennen, wie oft ältere Menschen sich im Kontakt mit ihren heranwachsenden Enkelkindern kulturell sozusagen ‚verjüngen’ (und im Spiel mit Teenagern werden einige Grossmütter und Grossväter selbst wieder zu Teenagern). Andere alte Menschen hingegen erleben den Kontakt zu jungen Menschen eher negativ; sei es, weil der Verlust der eigenen Jugend schmerzhaft bewusst wird; oder sei es, weil damit negative Kindheits- und Jugenderinnerungen wachgerufen werden. Ein Teil der heute alten Frauen und Männer hat eine durchaus ‚harte’ Kindheit in Armut und Unterdrückung erlebt.

Projekte, in denen alte Menschen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählen, sollten deshalb immer begleitet sein, weil Kindheitserinnerungen auch traumatisch sein können. Beim Erzählen über früher wird alten Menschen zudem häufig bewusst, dass ihre Erfahrungen und Erzählungen von früher zwar für junge Menschen durchaus interessant, aber nicht relevant sind. Auch die erlebte Entwertung der eigenen Erfahrungen ist ein Punkt, der bei intergenerationellen Erzählprojekten immer wieder thematisiert wird.

Von Jung zu Alt – der Blick von unten

Für jüngere Menschen zeigt sich beim Kontakt mit älteren Menschen – und ihren Erzählungen – ebenfalls eine doppelte Lebensperspektive:
  • Erstens ist das Alt-Werden auch die eigene Zukunft, und das Altern des Gegenübers ist sozusagen – im positiven wie negativen Sinne – der ‚Schatten der eigenen Zukunft’. Kinder und Jugendliche sind – so die Erfahrung – im Kontakt mit alten Menschen allerdings oft ungezwungen und positiv, weil für sie das Alter noch weit weg ist. Am meisten Probleme mit intergenerationellen Kontakten haben die 40- bis 50-Jährigen, die ihr eigenes Alter nicht akzeptieren (wollen) und die im Kontakt mit alten Menschen mit einer nicht gewollten persönlichen Zukunft konfrontiert werden. Negative und teilweise diskriminierende Aussagen über Ältere widerspiegeln häufig nicht nur eine Abwertung älterer Menschen, sondern oftmals eine Angst vor der eigenen Zukunft.
  • Zweitens sind alte Menschen zwangsläufig Vertreter der Vergangenheit, und sie können über längst vergangene Zeiten (vor der Erfindung von Handy und Internet) erzählen. Als Grosseltern sind sie eine oft geschätzte Quelle von Informationen über die eigene Herkunftsfamilie, und wer kennt die Jugendsünden von Mutter und Vater besser als die Grosseltern. Kinder und Jugendliche, die sozusagen ihre Zukunft noch vor sich haben, sind – wie neuere Studien zeigen – überraschend stark an Fragen der Vergangenheit wie auch an Familienritualen interessiert, und in manchen Familien ‚zwingen’ Grosseltern und Enkelkinder die mittlere Generation gemeinsam zu traditionellen Weihnachtsfeiern.
Der Kontakt mit alten Menschen kann für junge Menschen deshalb durchaus befruchtend sein, weil sie durch Erzählungen und Gespräche mit alten Menschen familiäre und soziale Zukunft und Vergangenheit zu verbinden vermögen. Gleichzeitig realisieren junge Menschen, dass die Erfahrungen älterer Menschen für ihr eigenes Leben nur beschränkt gültig sein können, da sie ja in einer anderen Gesellschaft – mit anderen Anforderungen – zu leben haben als frühere Generationen. Entsprechend zeigt sich oft das Muster, dass junge Menschen die Erzählungen alter Menschen durchaus interessant finden, sie jedoch Mühe haben, dies mit ihrem Hier und Jetzt zu verbinden.

Intergenerationelles Erzählen – und Akzeptanz von Generationendifferenzen

Intergenerationelles Erzählen und Zuhören erlaubt es, Vergangenheit und Zukunft unserer Gesellschaft zu verbinden, und ein guter Austausch zwischen Jung und Alt kann wesentlicher Teil von Lebensqualität in einer schnelllebigen Zeit darstellen. Der gegenseitige Austausch zwischen Jung und Alt wird wesentlich erleichtert, wenn die Beziehungen persönlich werden, wogegen oberflächliche Kontakte intergenerationelle Missverständnisse eher verstärken. Geht es um konkrete intergenerationelle Projekte erscheint eine gemeinsame intergenerationelle Bearbeitung von Themen optimal, wo sich Erfahrungsvorsprünge älterer Menschen und Explorationsmotive jüngerer Menschen zusammenfügen (z.B. Bewältigung von allgemeinen Lebensproblemen, moralische Grundfragen usw.).

Intergenerationeller Austausch und Erzählen wird erleichtert, wenn Alte ihr Alter akzeptieren (und nicht ihrer Jugend nachtrauern) sowie wenn Junge sich nicht vor dem Altern fürchten. Ein guter Austausch zwischen den Generationen wird zudem wesentlich erleichtert, wenn ältere Menschen gegenüber neuen Entwicklungen, Moden oder Sprachregelungen der Jungen offen sind. Erzählungen von einst sind nur bedeutsam, wenn sie Vergangenheit und Gegenwart verbinden, und Erzählen von Früher wird für alte Menschen nur dann nicht zum Verlusterlebnis, wenn sie die Gegenwart und die Jugend von heute grundsätzlich akzeptieren. Dies wird erleichtert, wenn gegenseitiges Erzählen (und Zuhören) zu einer persönlichen Begegnung wird.

Intergenerationelle Aktivitäten und Generationenprojekte

Gezielt durchgeführte generationenübergreifende Projekte haben in den letzten Jahren eine neue Konjunktur erfahren, weil natürliche generationenübergreifende Kontakte – etwa in der Nachbarschaft – nicht länger als selbstverständlich angesehen werden.

Typologisch betrachtet, lassen sich folgende fünf allgemeine Zielsetzungen intergenerativer Projekte unterscheiden:
  1. Begegnen: Im Zentrum solcher Projekte steht die Verbesserung der intergenerationellen Kontakte; sei es durch gemeinsame Feste; sei es durch gemeinsame Projektarbeiten. Damit wird ein verbessertes Verständnis zwischen Jung und Alt angestrebt. Die Ausgangsthese ist, dass mehr gegenseitige Kontakte zu mehr gegenseitigem Verständnis und Toleranz zwischen Jung und Alt beitragen, womit die soziale Integration allgemein gestärkt werden kann.
  2. Erzählen: In diesem Rahmen geht es um den (möglichst gegenseitigen) Austausch von Erfahrungen und Erlebnissen, etwa wenn alte Menschen und junge Menschen ihre Jugend vergleichen. Erzählcafes ihrerseits können dazu dienen, dass ältere Menschen ihre Lebensgeschichte und –erfahrungen in verarbeiteter Form weiter geben, und Erzählungen junger Menschen über ihre Kindheit und Jugend können älteren Menschen Hinweise auf den stattgefundenen Wandel der Gesellschaft vermitteln.
  3. Lernen: Noch einen Schritt weiter gehen Projekte, die intergeneratives Lernen anstreben, wobei sowohl Jung von Alt als auch Alt von Jung lernen kann. Klassisch sind etwa Aktivitäten, in denen erfahrene Kulturträger jungen Künstlern – wie Musikern, Malern, Bildhauern usw. – ihre erarbeiteten Techniken und Kompetenzen vermitteln. In den letzten Jahren wurden zunehmend Aktionen durchgeführt, in denen ältere Menschen von jüngeren Menschen in den Gebrauch von Computern, Internet, Mobiltelefon oder Billet-Automaten usw. eingeführt wurden. Noch selten sind dagegen Projekte, wo gezielt beide Generationen – Jung und Alt – lernen bzw. wo die Lernprozesse explizit wechselseitig verlaufen.
  4. Unterstützen: Intergenerationelle Hilfeleistungen – ausserhalb familialer Generationenzusammenhänge – erfolgen häufig informell, etwa im Rahmen von Nachbarschaftshilfe. In den letzten Jahren wurden vermehrt organisierte Unterstützungsformen aufgebaut, etwa wenn im Rahmen von ‚Senioren helfen Senioren’ gesunde ältere Menschen hochaltrige Personen beim Einkaufen unterstützen oder Transportdienste organisieren. Zunehmend sind – im Rahmen von Konzepten des produktiven Alters – intergenerative Projekte, bei denen sich pensionierte Frauen und Männer gezielt für junge Menschen engagieren, etwa bei der Organisation von Mittagstischen für Schüler, der Aufgabenhilfe für ausländische Kinder oder als Wahlgrosseltern für junge Familien usw.
  5. Wohnen und Leben: Mehrgenerationenhaushalte von nicht verwandten Personen sind noch seltener als familiale Mehrgenerationenhaushalte. Häufiger – und zukunftsträchtiger – sind genossenschaftliche oder private Wohnsiedlungen, die familienfreundliche Wohnungen für junge Familien und hindernisfreie Wohnungen für ältere Menschen kombinieren. Generationengemischtes Wohnen hat mehr Zukunft als generationenübergreifendes Haushalten. An Bedeutung gewonnen haben auch Projekte, wo Alters- und Pflegeheime mit Kinderbetreuungseinrichtungen kombiniert werden.
Bei der Durchführung nachhaltig wirkender Generationenprojekte sind allerdings verschiedene Rahmenbedingungen (wie Akzeptanz der Generationendifferenzen, Mitbestimmung aller teilnehmenden Generationen, Engagement ohne zu starke Einmischung der älteren Generation usw.) zu berücksichtigen.

Einige Beispiele von Generationenprojekten in Stichworten:

  • Generationen im Klassenzimmer: Ältere Frauen und Männer stehen als zusätzliche Bezugs- und Ansprechpersonen für Schüler und Schülerinnen zur Verfügung.
  • ‚Relais intergénérations’/ Generationenvermittlung’: Schulisch-berufliche Begleitung und Betreuung von (ausländischen) Jugendlichen durch Senioren (etwa bei Lehrstellensuche).
  • Junge Menschen führen ältere Menschen in neue Techniken ein (Handy-Kurse für Senioren, Projekt Lernparcours Bahnhofplatz zum Erlernen neuer Billet-Automaten).
  • Erzählcafés für intergeneratives Erzählen und Erfahren sowie Aufleben von Erzähltraditionen durch gegenseitiges Erzählen aus Kindheit und Jugend.
  • Alters- und Pflegeheim und Kinderbetreuung kombiniert (etwa „La Maison des 3 âges ‚Aux Cinq Colosses’ in Anières).
  • Gemeinsame Aufräumarbeiten von Schülern und Pensionierten in der Nachbarschaft oder gemeinsames Entrümpeln von Parks, Wäldern oder Bächen von Abfällen (Stichwort: Ein Quartier putzt sich heraus).
  • Intergenerative Gemeinwesenarbeit zur Stärkung intergenerativer Kontakte in der Nachbarschaft oder im Quartier (wie ‚Quartier solidaires, Lausanne/Genf).
  • Fusion von Mutter-Kind-Turnen und Seniorinnen-Turnen (basierend auf altersneutralen Übungen) oder Velo-Sternfahrt der Generationen, mit unterschiedlichem Tempo, aber gemeinsamem Mittagessen.
  • Gesunde ältere Pensionierte helfen – unter dem Stichwort ‚Heugabel und Hausaufgaben – Familienmitglied auf Zeit’ - jungen Bergbauernfamilien, etwa beim Heuen, bei Gartenarbeiten oder bei häuslichen Aufgaben.
  • Kirchliche Veranstaltungen und Gottesdienste, die gezielt das Thema Alt und Jung ansprechen und die von Jung und Alt gemeinsam organisiert werden.
  • Mittagstische für Schulkinder und allein stehenden älteren Menschen, gemeinsam organisiert von Eltern und pensionierten Frauen und Männern.
  • Austausch- und Diskussionsforen an Schulen werden seit einigen Jahren vom Bernischen Verband für Seniorenfragen in enger Zusammenarbeit mit Lehrpersonen und Schülern aller Schultypen organisiert. Diskutiert werden kontroverse und aktuelle Themen wie „Sparen“, „Wie lebten die Leute während des Zweiten Weltkrieges?“ oder aber „Die guten alten Tugenden“.
  • Vermittlung von Wahl- bzw. Patengrosseltern für Kinder und Jugendliche, deren Grosseltern entweder weit entfernt wohnen oder verstorben sind; eine Idee, die zuerst im Rahmen der französischen ‚Ecole des Grand-Parents’ entwickelt wurde.
  • Vier-Generationen in der Zirkusmanege oder Modeschau mit jungen und alten Modellen bzw. neuen und alten Kleiderstücken (Drei-Generationen-Modeschau, Generationen-Modeschau ‚Innere und äussere Schönheit’).

Abschlussbemerkungen

Intergenerationenprojekte sind sicherlich ein zentrales Handlungsfeld der Zukunft. Zentral ist bei den allermeisten Projekten, dass die Bedürfnisse und Interessen aller beteiligten Generationen berücksichtigt werden. Funktionierende Generationenprojekte sind Projekte, in denen alle beteiligten Altersgruppen gemeinsam mitbestimmen. Generationenprojekte können nicht allein von älteren Menschen bestimmt oder geleitet werden, sondern auch die jüngste Generation ist in die Entscheidungen einzubinden. Faktisch ist es heute allerdings noch häufig der Fall, dass primär die ältere Generation auch bei Generationenprojekten das Sagen hat. Dies hängt sicherlich auch mit der Tatsache zusammen, dass oft ältere Generationen stärker an intergenerationellen Kontakten und Erfahrungsvermittlung interessiert ist als jüngere Generationen (die sich etwa stärker an Gleichaltrige ausrichten). Intergenerationenprojekte in Arbeitswelt und Nachbarschaft leben zudem aus den Alters- und Generationendifferenzen, und die jeweiligen Alters- und Generationendifferenzen – von Erleben, Erfahrung und Lebenszyklus – sind immer zu thematisieren (und nicht zu verwischen).

Illusionen, dass intergenerative Projekte zur Auflösung der Unterschiede von Jung und Alt beitragen, erweisen sich als schädlich, denn intergenerationelle Kontakte gewinnen ihre Dynamik gerade aus dem Spannungsfeld von Jung/Alt bzw. Neu/Tradition. Intergenerationelle Kommunikation ist immer Kommunikation in einer nicht-homogenen Gruppe. Von der älteren Generation erfordern Generationenprojekte deshalb immer auch die Akzeptanz des eigenen Alters, aber auch eine Offenheit gegenüber Jüngeren bzw. bei Projekten wie ‚Senioren helfen Senioren’ keine Angst vor dem eignen Altern.

Zusätzlich sollten vor allem grössere Generationenprojekte längerfristig angelegt sein, weil der Aufbau guter ausserfamilialer Generationenbeziehungen Zeit braucht: „Eventartige Begegnungen mögen zusätzliche Höhepunkte darstellen, sind aber wenig geeignet, vertrauensvolle Beziehungen wachsen zu lassen [...]. Deshalb ist es auch sinnvoll, intergenerationelle Projekte auf einen längeren Zeitraum auszurichten.“ (Eisentraut 2007: 250.) Eine nur kurzfristige Unterstützung von generationenübergreifenden Projekten macht häufig wenig Sinn. Intergenerationelle Projekte – sofern es nicht um einmalige Ereignisse (Generationenfeste) geht – sind auf einen Zeithorizont von mehr als fünf Jahre hin auszurichten.

 
Literaturhinweise:
  • Braun, J: Kubisch, S.; Zeman, P. (Hrsg.) (2005) Erfahrungswissen und Verantwortung – zur Rolle von seniorTrainerinnen in ausgewählten Engagementbereichen, ISAB Schriftenreihe: Berichte aus Forschung und Praxis Nr. 89, Köln: Institut für Sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung.
  • Eisentraut, R. (2007) Intergenerationelle Projekte. Motivationen und Wirkungen, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
  • Höpflinger, F. (2010) Intergenerationenprojekte - in Arbeitswelt und Nachbarschaft, in: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hrsg.) Auf dem Weg zu einer Generationenpolitik, Bern: SAGW: 181-196.
  • Höpflinger, F. (2011) Intergenerationelles Lernen – Chancen und Voraussetzungen, in: M. Marquard, M. Schabackere-Bock, C. Stadelhofer (Hrsg.) Intergenerationelles Lernen – als Teil einer lebendigen Stadtkultur, Ulm: Klemm + Oelschläger: 43-53.
  • Höpflinger, F. (2012) Möglichkeiten der Förderung von Generationenbeziehungen, in: H.-W.Wahl, C. Tesch-Römer, J. P. Ziegelmann (Hrsg.) Angewandte Gerontologie. Interventionen für ein gutes Altern in 100 Schlüsselbegriffen, Stuttgart: Kohlhammer: 447-452.
  • Künemund, H.; Szydlik, M. (Hrsg.) (2009) Generationen. Multidisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Lüscher, K; Liegle, L. (2003) Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Malki, M. (2005) L’intergénération: une démarche de proximité. Guide méthodologique. Paris: La Documentation française.
  • Perrig-Chiello, P.; Höpflinger, F.; Suter, C. (2008) Generationen – Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht Schweiz, Zürich: Seismo.
  • Bachmaier, H. (Hrsg.) (2005) Der neue Generationenvertrag, Göttingen: Wallstein Verlag.


Weitere Artikel von François Höpflinger

       
 
Mail
Blog
Albert Anker - „Die Andacht des Grossvaters” (1893) - Kunstmuseum Bern



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks