• Dienstag, 26.09.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Mit Demut erfolgreich sein

Oder: Freiheit im Geist, selbstverantwortlich im Handeln
Interview von Helmut Bachmaier
Mit Demut erfolgreich sein
© SenLine

Frau Merz, Sie sind CEO der Dock Gruppe AG. Können Sie uns schildern, was die Dock Gruppe AG ist bzw. im Markt vertritt?

Daniela Merz: Die Dock Gruppe AG ist eine unternehmerisch geführte Sozialfirma. Ihr Ziel ist es, unbefristete Arbeitsplätze für Langzeitsarbeitslose zu schaffen. Das sind Menschen, die einerseits von Armut betroffen sind, andererseits aber auch grosse Schwierigkeiten haben, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden oder zu behalten. Wir haben rund 1400 Personen unter Arbeitsvertrag und betreiben heute mehrere Standorte in der Schweiz: St. Gallen, Graubünden, Arbon, Basel Stadt, Buchs, Limmattal, Regensdorf, Luzern, Winterthur und Zürich. Darüber hinaus beabsichtigen wir, unser Unternehmen mit möglichst wenig staatlichen Subventionen zu betreiben und primär von der Wertschöpfung am Markt zu leben.

Wieso der Name „Dock“?

Daniela Merz: Es musste ein Name gefunden werden, der uns – die Regionen und Orte, wo wir tätig sind – als eine Art Dock verbindet. Es musste ausserdem ein Begriff sein, den man in jeder Sprache aussprechen kann.
Dock-Gruppe

Wann ist die Dock Gruppe, so wie sie heute ist, entstanden? Und wer steht hinter der AG?

Daniela Merz: Unsere ursprüngliche Trägerschaft – die „Stiftung für Arbeit“ – ist 1997 entstanden. Diese Stiftung wurde ursprünglich von der Stadt St. Gallen, dem Gewerbeverband und von den beiden - katholischen und protestantischen - Kirchen gegründet. Die Stiftung ist auch heute noch unsere Hauptaktionärin, allerdings haben wir uns 2008/09 aus rechtlichen Gründen aus der Stiftung gelöst und die Dock Gruppe AG gegründet. Es gibt keine gemeinsamen Vermögenswerte, auch keine Financiers oder Investoren.

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Daniela Merz: Mein Mann hat mir eines Tages ein Stelleninserat mit einem äusserst komplexen Anforderungsprofil vorgelegt und gemeint: „Die suchen genau Dich!“ Darin wurde jemand mit betriebswirtschaftlichen Qualifikationen, sozialpädagogischer Ausbildung, politischer Erfahrung und Führungserfahrung gesucht.

Was war Ihre Vision und konnten Sie diese realisieren?

Daniela Merz: Aus meinen politischen Erfahrungen im regionalen Sozialdienst ist der Wunsch entstanden, für vormals langzeitarbeitslose Menschen eine unternehmerisch tragfähige Organisation zu gründen. Ziel war es, unabhängig von finanzpolitischen Diskussionen und parlamentarischen Entscheidungen, auf dem Markt bestehen zu können. Für diese Vision wurde ich mit allen Kompetenzen ausgerüstet, die es für die Gründung einer solchen Organisationsgrösse benötigte. Wir konnten innerhalb von einem Jahr einen solchen Beweis erbringen.

Und die Zukunftsperspektive von der Dock Gruppe AG?

Daniela Merz: Unsere heutige Perspektive ist es, eine Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Arbeitsmarkt zu schaffen. Der zweite Arbeitsmarkt hat sich zwischenzeitlich soweit „etabliert“, dass hier mit horrenden Geldern relativ wirkungslos agiert wird. Deshalb möchten wir einen Teil unserer Arbeiten in den ersten Arbeitsmarkt überführen. Das bedeutet dort dann auch einen Verzicht auf die Steuerbefreiung, insgesamt eine logische Fortführung der bisherigen Strategie.

Dahinter steht sozialliberale Marktwirtschaft mit Verantwortung?

Daniela Merz: In meiner liberalen Grundhaltung bin ich tief davon überzeugt, dass die Selbstverantwortung ein sehr schützenswertes und fördernswertes Element ist und dass man dafür auch bestimmte Rahmenbedingungen und feste Strukturen setzen muss. Um Solidarität zu praktizieren, braucht es zuerst die Wahrnehmung der eigenen und sozialen Verantwortung. Oft wird bei Problemen erst einmal die Schuld bei Anderen gesucht. Die Aufgabe heisst jedoch: Selbstverantwortlich zu werden. Dass im Falle einer dauerhaften Beschäftigung wieder Steuern und soziale Abgaben zu bezahlen sind, das ist dann auch Teil eines Lernprozesses im Rahmen sozialer Verantwortung.

Was vermitteln Sie Ihren Arbeitnehmenden?

Daniela Merz: Förderung der Selbständigkeit. Förderung der Autonomie, was bedeutet, dass ich das eigene Handeln bestimmen kann. Und Förderung der Selbstverantwortung.

Was machen Sie, wenn sie nicht gerade für den ersten und zweiten Arbeitsmarkt tätig sind? Was sind Ihre ausserberuflichen Interessen?

Daniela Merz: Ich bin ein sehr sozialer Mensch und habe viele ehrenamtliche Engagements. Beispielsweise bin ich Präsidentin der Kinderbetreuung Herisau und Präsidentin des Musikvereins Herisau. Ich geniesse es, bei Anlässen dabei zu sein, die mir nicht so vertraut sind und dort auf unterschiedliche Menschen zu treffen.
Daniela Merz im Gespräch mit Helmut Bachmaier
Daniela Merz im Gespräch mit Helmut Bachmaier.

Was lesen Sie gerne? Welche Bücher, welches Musikstück würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?

Daniela Merz: Ich lese Sachbücher, Krimis, Romane. Auf eine Insel würde ich die Bibel oder ein Nachschlagewerk mitnehmen, weil man damit viel nachdenken könnte. Als Musikstück würde ich „Innuendo“ von Freddy Mercury mitnehmen. Aus der Klassik die „Matthäus Passion“ von J. S. Bach.

Haben Sie auch ein entsprechendes Lebensmotto?

Daniela Merz: Nein, mein Grundsatz ist jedoch, wenig zu fordern und viel selber zu machen. Mein Lieblingsbild ist die „Liberté“ des französischen Malers Eugène Delacroix. Freiheit im Denken, Freiheit im Handeln, Freiheit im Sinn! Das steht gut für ein Motto. Das hängt sehr viel mit meinem Leben zusammen. Durch eine unfallbedingte Beeinträchtigung, aufgrund welcher ich mich zwei Jahre nicht gross bewegen konnte, habe ich gelernt, was geistige Freiheit bedeutet.

Aus der Erfahrung meiner gesundheitlichen Einschränkung heraus, kann ich meinen Mitarbeitern helfen, ihre Autonomie wieder zu finden und Chancen zu entwickeln. Dazu kommt, dass diese chronische Beeinträchtigung bei mir eine Grundhaltung der Demut geprägt hat. Es braucht eine andere Auseinandersetzung, um sich damit zu arrangieren. „Solange man noch den Kopf auf den Schultern hat, kann man frei denken“, hat mir mal mein Vater gesagt.

Und noch die Schlussfrage: SenLine hat ja einen Schwerpunkt auf der älteren Generation. Wie stellen Sie sich selbst mal das eigene Älterwerden vor? Was gehört zu einem guten Alter?

Daniela Merz: Ein „gutes“ Leben. Damit meine ich, das eigene Leben gut gelebt zu haben. Ich habe mit 16 schon mehrere Jahre im Altenpflegeheim gearbeitet und durfte sehr viele Menschen beim Sterben begleiten. Das war eine berührende und tiefgreifende Erfahrung. Ich persönlich habe keine Angst vor dem Alter. Viele Menschen sprechen von der Würdelosigkeit des Alters. Dass mit der Gebrechlichkeit die Würde verschwindet, sehe ich nicht. Das gehört dann einfach zum Lebensweg.

Protokoll des Gespräches und Bilder: Ute Kledt, TERTIANUM-Stiftung/SenLine.


Standorte der Dock Gruppe

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