• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Mit dem Rollator in die Disco.

Oder: Was folgt auf die Spassgesellschaft?
Von Hannes B. Stähelin
Mit dem Rollator in die Disco. Oder: Was folgt auf die Spassgesellschaft?
© Ivonne Wierink - de.fotolia.com (Ausschnitt)
Das Lebensgefühl, Spass zu haben, sich fröhlich die Zeit zu vertreiben, ist gegenwärtig eines der wichtigsten Ziele im für viele doch oft ziellosen Leben. Spass aus dem Italienischen „spasso“ bedeutet: Zerstreuung, Zeitvertreib, Vergnügen. Dies entspricht einer Lebensweise, wie sie in einer Welt, die nicht vom täglichen Überlebenskampf gezeichnet war, konsensfähig wurde. Diese wird von den Maschinen von Jean Tinguely exemplarisch dargestellt. Sie sind meiner Meinung nach die Leitkunstwerke für den Lebensabschnitt der Spassgesellschaft.

Brot und Spiele

Dank der Industriellen Revolution und der erfolgreichen globalen Ausbeutung kann sich heute die sog. Generation Y ein Leben wie frühere europäische Adelige leisten. Dass sich die globale Ausbeutung verändern könnte, glaubt diese Generation nicht. Da sie kaum Kinder haben, stört sie auch der Gedanke an dieser Möglichkeit nicht. Ebenso wenig denken die Franzosen mit 35 Wochenstunden, dass Arbeitszeiten wie in China oder Bangladesch auf sie zukommen werden. Zerstreuung und Zeitvertreib wurden bereits im alten Rom durch Brot und Spiele dank der tüchtigen Ausbeutung der Provinzen gepflegt.

Der Gegensatz Rollator-Disco lenkt den Gedanken darauf, dass blühendes Leben durch freie Beweglichkeit im Tanz seinen höchsten Ausdruck findet. Die bewegungsärmeren Alten bleiben deshalb vom richtigen Leben ausgeschlossen. Wenn heute in die Jahre gekommene Rocker auf der Bühne versuchen, die alten Zeiten zu beschwören, ist es eher ein Ausdruck davon, dass nur Jugend echtes Leben bedeutet. Dabei ist die Musik Bewegung, nämlich eine bewegte und bewegende Form, und Musik ist allen Menschen, auch denen mit Rollator, zugänglich. Der Tanz in der Disco gehört bei den Jungen zum gelungenen Leben. Die Werbung und das mimetische Prinzip, zur grossen Gruppe gehören zu wollen, halten die Mitglieder der Generation Y im Konsumgulag gefangen.

Bewegung bleibt lebenslang wichtig. Dabei ist erstaunlich, dass heute der Bewegung mit Musik, z. B. der Rhythmik nach Dalcroz, erwiesenermassen ein präventiver Nutzen gegen Gehirnalterung innewohnt. Trotzdem hat gerade das Christentum mit seiner Trennung von Körper und Geist den Tanz als Sünde deklariert und ihn aus dem religiösen Brauchtum in die gesellschaftliche Domäne verbannt. Aber auch die aus den höfischen Bräuchen übernommenen Formen des Gesellschaftstanzes verlieren an Boden: Sie waren früher die für die nationale Regeneration notwendigen Kontaktbörsen. Doch geschieht dies heute, verbunden mit mehr oder weniger persönlichen Enthüllungen, virtuell.


Die Generation Y


Wendepunkt

In jedem Leben kommt der Zeitpunkt, wo die Wahrnehmung der eigenen Person und ihrer Rolle nicht mehr mit den Gegebenheiten übereinstimmt, um authentisch und autonom, d.h. vernunftgeleitet, zu bleiben Diesem Widerspruch muss man sich stellen und seine Rollen neu definieren.

Sport

Bleiben wir bei der Aussage: Leben bedeutet Bewegung. Über ausgelassen tanzende Wirtschaftsführer oder Politiker wurde wohl letztmalig anlässlich des Wiener Kongresses berichtet. Nur junge Prinzen(z. B. Harry) dürfen sich heute noch austoben. Sein Bruder William schon weniger. Diese Personen zeigen ihre Fitness beim Sport, geeignet sind Reiten, Polo, Tennis, Golf, Skifahren. Schon Radfahren taugt weniger. Es gibt kein Bild von Königin Elisabeth in den letzten 50 Jahren auf einem Rad. Auch vom „GröFaZ“ ist nicht berichtet, dass er je mit dem Rad auf den Obersalzberg geradelt sei. Exemplarisch ist als Pendant der Präsident Russlands zu nennen. Wichtig ist dabei nur die Beachtung durch Medien oder die Selbstdarstellung auf den sozialen Plattformen.

Tatsächlich führt intensiver Sport zur Endorphin-Ausschüttung und damit zu einem Lusterlebnis. Wohl deshalb joggen morgens die Topmanager der Banken am Zürichsee. Dabei realisieren sie nur ausnahmsweise, dass sie sich im Hamsterrad der Wachstumsideologie abmühen. Es entspricht wohl ihrer frühkindlichen ikonographischen Prägung durch religiöse und politische Würdenträger, deren Bilder sie auf sich selbst projizieren.

Würde und Respekt

Die Fernsehberichterstattung vermittelt mit ihren Bildern wie die Welt zu sehen ist. Es geht um die Vorstellung von Würde, die stark an körperliche Integrität gekoppelt ist. Dabei soll vor allem der Respekt gewahrt bleiben, denn nichts vermindert die Selbstachtung mehr, als wenn Personen beim Anblick anderer lachen. Die Beziehung zwischen der Eigenwahrnehmung von Respekt und Würde ist offenbar sehr eng. Wobei jeder Mensch a priori gleichviel Würde besitzt. Trotzdem scheint eine Kombination von Würde möglich zu sein. Sprachlich ist eine Mehrzahl „Würden“ schlicht unsinnig. Vermutlich sind damit die verschiedenen Rollen gemeint, die jeder mehr oder weniger erfolgreich aufrecht erhält und die seinen Selbstwert bestimmen.

Ein zentraler Wert ist der Respekt. Dem Menschen gebührt Respekt, insofern er auch Respekt gegenüber seinen Mitmenschen erkennen lässt. Es geht dabei um eine Kultur der Integration. Diese überwindet Ausgrenzungen auf Grund gewisser Merkmale, obwohl der Narzissmus des kleinen Unterschiedes ein wirksames strukturierendes Element unserer Gesellschaft bleibt.



Weitere Artikel zum Thema
  Mit dem Rollator in die Disco. Oder: Was folgt auf die Spassgesellschaft?



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks