• Sonntag, 23.04.2017
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ALTERSTHEMEN

Migration im Alter

Dr. Sarina Strumpen im Gespräch mit der SenLine-Redaktion
Interview von Helmut Bachmaier
Migration im Alter
© Sarina Strumpen

Frau Strumpen, Sie beschäftigen sich seit Jahren schwerpunktmässig mit älteren Migranten. Wie ist es dazu gekommen?

Sarina Strumpen: „Alter und Migration“ verbindet zwei der gegenwärtig zentralen Herausforderungen unserer Weltgesellschaft: Unter das Stichwort „Alter“ fallen beispielsweise beobachtbare Veränderungen in den Möglichkeiten, Ansprüchen und Grenzen, das eigene Alter zu gestalten. Wichtig ist auch die Frage, wie eine angemessene Pflege, Betreuung und Versorgung älterer Menschen heute aussieht, oder welche Verantwortung wird von Staat, Markt, Zivilgesellschaft, Familie und Individuum übernommen? Hier geht es um das Aushandeln von Altersbildern und von angemessenen Hilfesystemen. Unter das Stichwort „Migration“ fallen Fragen des Arrangierens und Zusammenlebens von unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Identitäten, ebenso Fragen der globalen sozialen Ungleichheit, die ein erheblicher Auslöser für Migrationsbewegungen sind. Für mich ist es interessant zu sehen, was passiert, wenn unterschiedliche kulturell und religiös gerahmte Alter(n)s- und Versorgungserwartungen aufeinandertreffen.

Die Untersuchungsgruppe „Ältere Migranten“ bietet die Möglichkeit nachzuvollziehen, wie Alter und Altern sowie Pflege und Versorgung unter Bedingungen von Migration verhandelt werden. Ältere Menschen, die erst (oder wieder) im Alter migrieren, zeigen uns, dass auch im höheren Lebensalter Gründe für grenzüberschreitende Mobilität bestehen.

Gleichzeitig ist die Gruppe der älteren Migranten sozialpolitisch relevant, denn Untersuchungen konnten aufzeigen, dass sie in vielen sozialen und gesundheitlichen Punkten eine sehr vulnerable Gruppe sind. Gerade ältere Migranten sind oftmals von Fehl- und Unterversorgung betroffen. Darin spiegeln sich gesellschaftliche Verhältnisse, die sich auch in Strukturen des Altenhilfssystems wiederfinden.

Was hat sich denn in den letzten Jahren zu Thema Migration und Altenhilfe getan?

Sarina Strumpen: In Deutschland wird seit über 20 Jahren diskutiert, was es für die Altenhilfe und speziell für die Pflege bedeutet, wenn immer mehr Ältere mit persönlicher Migrationserfahrung in Deutschland verbleiben sollten. Ursprünglich standen die älter gewordenen „Gastarbeiter“ im Fokus der Überlegungen. Es ging um die Frage, ob diese, nach Beendigung ihrer Erwerbstätigkeit in Deutschland, überhaupt einen Grund haben, hier zu bleiben. Und selbst wenn sie bleiben sollten, so wurde angenommen, dass ihre kulturell begründeten Vorstellungen von Familienpflege verhindern würden, dass Ältere aus Spanien, Italien, Griechenland, der Türkei oder Vietnam Altenhilfe und Altenpflege in Deutschland in Anspruch nehmen würden. Mittlerweile wissen wir aber, dass viele Ältere mit persönlicher Migrationserfahrung Leistungen der Altenhilfe und Altenpflege in Anspruch nehmen möchten bzw. müssen. Und das sind nicht nur angeworbene Arbeitsmigranten, sondern auch aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderte (Spät-) Aussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka oder dem ehemaligen Jugoslawien und dem Libanon sowie Menschen, die der Ausbildung wegen oder aus persönlichen Gründen nach Deutschland kamen. Die Gruppe der älteren Migranten wird immer heterogener, damit werden es auch ihre Ansprüche. Es geht also darum, die Altenhilfe und speziell die Altenpflege so weiter zu entwickeln, dass sie heterogenen Bedürfnissen an Information, Ansprache, Dienstleistungen und Abläufen gerecht wird.

Und da wird es schwierig. Bis auf den Punkt, dass „transkulturelle Pflege“ ein prüfungsrelevantes Themenfeld in der Altenpflegeausbildung geworden ist, verbleiben Massnahmen der „interkulturellen Öffnung“ im Belieben der einzelnen Träger. Bisher gibt es weder einen Expertenstandard für die Pflegepraxis noch einen Qualitätsstandard, der nach innen und aussen transparent macht, was eine Einrichtung tatsächlich kultur-, migrations- und religionssensibel macht.
Migration und Altenhilfe

Was versteht man unter einer migrations-, kultur- und religionssensiblen Weiterentwicklung der Altenhilfe?

Sarina Strumpen: Mir ist wichtig, dass „interkulturell" nicht einfach das Schlagwort für die Versorgung von Migranten ist, sondern dass sich unsere Blicke schärfen. Unter „migrationssensibel“ ist beispielsweise zu schauen, welche besonderen Bedingungen sich aus den Migrationsverläufen ergeben: Welche Staatsbürgerschaft, welchen Aufenthaltstitel hat jemand, und welche Konsequenzen ergeben sich beispielsweise für die Anspruchsberechtigung von Leistungen. Unter „kultursensibel“ kann geschaut werden, welche kulturell geprägten Einstellungen jemand zu Alter(n) und Versorgung hat. Und unter „religionssensibel“ sollte nochmals in den Blick kommen, welche Aspekte Menschen aufgrund ihrer religiösen bzw. weltanschaulichen Überzeugung wichtig sind. Wir sehen also, ein Altenhilfesystem, das einer Migrationsgesellschaft angemessen sein will, sollte der Heterogenität von Migranten gerecht werden können.

Was haben Sie bei Ihren eigenen Untersuchungen herausfinden können?

Sarina Strumpen: Ich habe die Alter(n)s- und Versorgungserwartungen älterer muslimischer, zwischen Deutschland und der Türkei pendelnder Türkeistämmiger untersucht. Dabei konnte ich drei zentrale Punkte herausarbeiten:
  1. Unsere Ansprüche an ein selbstbestimmtes, aktives und von Präventionsbemühungen geprägtes Alter sind eine kulturelle Ausprägung. Nicht jeder ältere Mensch auf der Welt kann bzw. möchte sein Alter als einen Gestaltungsspielraum sehen. Programme, die an die Eigenverantwortung zur Gestaltung des Alters appellieren, werden aus Perspektive vieler älterer Migranten, gerade auch von aus der Türkei Kommenden, kritisch gesehen.
  2. Wir haben in unseren Auseinandersetzungen über gutes Altern zwar immer wieder auf kulturelle Faktoren verwiesen (ohne diese genau ausbuchstabiert zu haben), jedoch religiöse Dimensionen in Alter(n)sbildern und Versorgungserwartungen im Alter erheblich ausgeblendet. Es ist dringend nötig, sich nochmals die christliche Prägung unseres Altenhilfssystems zu vergegenwärtigen, wenn Barrieren zur „Interkulturellen Öffnung der Altenhilfe“ überwunden werden sollen.
  3. Ältere Migranten entwickeln ganz selbstverständlich für sie individuell passende transnationale Wohlfahrtsmixe. Die wenigsten älteren Migranten haben strukturelle und persönliche Beziehungen zu ihrem Herkunftsland abgebrochen. Auch Personen, die sich erst im höheren Alter zu einer (temporären) Auswanderung entschliessen, entwickeln für sich transnationale soziale Räume und müssen dabei mit ihrem Geld und den ausländerrechtlichen Bedingungen haushalten. Es ist angebracht, Wohlfahrtssysteme nicht mehr nur im nationalen Rahmen, sondern transnational zu denken.
Migrant

Sie verbinden die Themen „Alter und Migration“ in Ihren Arbeiten. Hat sich das auch in Ihrem Werdegang niedergeschlagen?

Sarina Strumpen: Ja, ich liebe es, Altersheime auf der ganzen Welt zu besuchen. Zunächst habe ich mich bewusst für ein Studium der Gerontologie entschieden. Wie das System Altenhilfe funktioniert, welche Branchen, Akteure und Logiken darin vertreten sind und wie sie zusammenwirken, das hat mich schon immer interessiert. Gleichzeitig konnte ich durch persönliches und ehrenamtliches Engagement soziale Projekte sowie Altersheime in unterschiedlichen Ländern kennenlernen. Das wollte ich verbinden. Daher habe ich Türkisch gelernt, um nach meinem Abschluss in Altersheimen in Istanbul arbeiten zu können. Dabei habe ich so viele neue Perspektiven kennengelernt, dass ich mich noch weiter inhaltlich mit dem Altern zwischen Deutschland und der Türkei auseinandersetzen wollte. Das konnte ich mit meiner Promotion tun, in der ich die Gruppe der älteren Pendler untersucht habe. Eine zeitlang bin ich sozusagen mitgependelt, immer meiner Untersuchungsgruppe hinterher.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Sarina Strumpen: Vor allem habe ich mitgenommen: Nicht einfach nur im nationalen Rahmen zu denken. Das hilft auch in der Gerontologie und in der Altenhilfepraxis. Denn man merkt, welch unterschiedliche Wege und Möglichkeiten es gibt – und dass die Gegebenheiten in einem Land nicht als absoluten Massstab genommen werden sollten.



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