• Montag, 26.09.2016
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PERSPEKTIVEN

Medizinische Roboter mit Nebenwirkungen

Untertitel
Von Oliver Bendel
Medizinische Roboter mit Nebenwirkungen
videodoctor - fotolia.com
Zuerst sind die Roboter in der Fiktion in Erscheinung getreten, in den Dichtungen und Geschichten von Homer und Ovid, von Karel Čapek - Namensgeber war sein Bruder ("robota", westslawisches Wort u.a. für "Fronarbeit", ursprünglich "Arbeit" überhaupt) -, von Stanisław Lem und Isaac Asimov sowie in Filmen wie „Metropolis“ und „Star Wars“.


Karel Čapek
Karel Čapek
Stanisław Lem
Stanisław Lem
Isaac Asimov
Isaac Asimov

Dann in der Wirtschaft, im Falle der Industrieroboter, die Fahrzeuge produzieren, und der Roboterarme, die mit Menschen in Arbeitszellen kooperieren. Und schliesslich im Alltag, wo sie in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Manche sind unauffällig, wie Saug- und Mähroboter. Andere, wie Nao, Pepper und Roboy, sind auffällig, weil sie menschenähnlich sind – wie übrigens auch die Schöpfungen von Hephaistos, namentlich Talos, der legendäre Wächter von Kreta, und Pandora, die künstliche Frau mit dem Fass, das als Büchse sprichwörtlich geworden ist.


Roboy
Roboy
Roboter Pepper plaudert
Roboter Pepper plaudert
Nao
Nao


Die Roboter sind überall

Androiden  -  Innenleben Androiden - Innenleben
Serviceroboter sind für Dienstleistung, Unterhaltung und Zuwendung zuständig, sie holen Geschirr und Besteck, Nahrungsmittel und Medikamente sowie medizinische Geräte, überwachen die Umgebung ihrer Besitzer oder den Zustand von Patienten und halten ihr Umfeld im gewünschten Zustand. Mäh-, Saug- und Putz-, aber auch Pflege- und Therapieroboter sind in Haushalten und Einrichtungen im Einsatz. Sie sind häufig teilautonom oder autonom. In der Landwirtschaft haben sich Pflück- und Melkmaschinen verbreitet. Auf der Bühne des Weltalls sind Curiosity und Philae zu Stars geworden. Sie möchten gerne Weltraumroboter genannt werden, wohl weil sie weit weg von unserem Heimatplaneten und nicht in den Diensten der Normalsterblichen sind.

Virtuelle Roboter sind seit Langem unser artifizielles Gegenüber. Wir kennen Chatbots wie Anna von IKEA und Sprachassistenten wie Siri von Apple – und ihre Ahnin ELIZA von Joseph Weizenbaum, dem Informatikgenie, das zum Computerkritiker wurde angesichts der Wirkung seiner Erfindung. Physische Manifestationen haben ihnen voraus, dass sie sich im realen Raum bewegen und Pizza und Pantoffeln bringen können. Aufgrund ihrer Angepasstheit, die mit ihrer humanoiden Gestaltung zusammenhängt, haben sie mit menschlichen Dimensionen kein Problem. Sie bewegen sich mühelos durch Artefakte wie Häuser und Strassen, steigen Treppen und drücken Knöpfe an Türen und Ampeln.

Operations-, Pflege- und Therapieroboter

Operations-, Pflege- und Therapieroboter sind auf dem Vormarsch. Im Englischen werden sie als „medical and care robots“ bezeichnet, im Deutschen kann man die meisten mit dem Etikett des medizinischen Roboters versehen und zumindest Pflege- und Therapieroboter als Serviceroboter begreifen. Eine 2013 erschienene Studie der TA-SWISS in Bern mit dem Titel „Robotik in Betreuung und Gesundheitsversorgung“ präsentiert die Chancen in der Anwendung ebenso wie die moralischen Probleme. Die Schweiz ist überhaupt Automaten- und Androidenland: Schon die Uhrenmacher im 18. Jahrhundert haben Wunderwerke hergestellt, und die Forschung von Hochschulen wie der Universität Zürich, der ETH Zürich und der École polytechnique fédérale de Lausanne ist bzw. war hochkarätig. Die bekanntesten Modelle und Prototypen im Gesundheitsbereich stammen trotzdem nicht von dort. Der Da-Vinci-Operationsroboter wurde in Kalifornien entwickelt, der Pflegeroboter Care-O-bot in Deutschland, der Therapieroboter Paro in Japan.


Care-O-bot-Roboter
Care-O-bot-Roboter



Da-Vinci-Operationssystem Da-Vinci-Operationssystem
Mit einem Spezialroboter wie dem Operationsroboter lässt sich eine OP ganz oder teilweise durchführen. Er ist in der Lage, sehr kleine und sehr exakte Schnitte zu setzen und präzise zu fräsen und zu bohren. Er wird entweder, was die Regel ist, durch einen Arzt gesteuert, oder er arbeitet – in einem engen Rahmen, für Sekunden und in einer Region – mehr oder weniger autonom. Ein Vorteil ist, dass die Operation schonender ist und damit vom Patienten besser vertragen wird. Zudem kann der Arzt das Operationsfeld optimal einsehen und beherrschen. Ein Nachteil ist, dass künstliche Operateure sehr teuer sind. Es stellen sich aus ethischer Sicht verschiedene Fragen: Wer trägt die Verantwortung bei Operationen, wenn die Maschinen selbständiger werden? Wie sind der Eid des Hippokrates und die Genfer Deklaration des Weltärztebundes in diesem Kontext zu sehen? Wie geht man mit Verunsicherung und Angst um, die durch den Roboter verursacht werden? Ist dieser eine Unterstützung oder ein Konkurrent für Ärzte und ihre Assistenten?

Therapieroboter – der Oberbegriff „Serviceroboter“ mag bei ihnen fremd klingen – begleiten therapeutische Massnahmen oder wenden selbst solche an. Sie sind mit ihrem Aussehen und in ihrer Körperlichkeit präsent, machen Übungen mit Querschnittsgelähmten und unterhalten Demente und fordern sie mit Fragen und Spielen heraus. Manche verfügen über mimische, gestische und sprachliche Fähigkeiten und sind in einem bestimmten Umfang lernfähig und intelligent. Vorteile sind Einsparmöglichkeiten und Wiederverwendbarkeit. Nachteile sind eventuelle unerwünschte Resultate der Therapie und mangelnde Akzeptanz bei Patienten respektive Angehörigen. Auch hier muss man Fragen aufwerfen: Wer trägt die Verantwortung bei einer fehlerhaften Therapie durch die Maschine? Verärgert oder entmutigt diese die Patienten durch eine zu einfache oder zu komplizierte Sprechweise oder durch unverständliche Laute und Sätze? Was ist, wenn durch den Roboter die sozialen Kontakte des Patienten abnehmen? Wie verfährt man mit persönlichen Daten, die gesammelt und ausgewertet werden?


Paro – Therapieroboter
Paro – Therapieroboter


Pflegeroboter, Serviceroboter im engeren Sinne, unterstützen oder ersetzen menschliche Pflegekräfte. Sie bringen den Pflegebedürftigen benötigte Medikamente und Nahrungsmittel, lagern sie regelmässig um oder helfen ihnen beim Hinlegen und beim Aufrichten. Sie unterhalten sie und bieten auditive und visuelle Schnittstellen zu menschlichen Pflegerinnen und Pflegern. Manche verfügen wiederum über sprachliche Fähigkeiten und sind in einem bestimmten Umfang lernfähig und intelligent. Vorteile sind durchgehende Einsetzbarkeit, beschränkt auch in Zwischenphasen, in denen keine Pflege notwendig ist, etwa in der Rolle eines Butlers, und gleichbleibende Qualität der Dienstleistung. Nachteile und Herausforderungen sind Kostenintensität und Komplexität der Anforderungen. Auch hier ergeben sich Herausforderungen: Wer trägt die Verantwortung bei einer fehlerhaften Betreuung und Versorgung durch die Maschine? Inwieweit kann diese die Autonomie des Patienten unterstützen oder gefährden? Ist der Roboter eine Entlastung oder ein Konkurrent für Pflegekräfte und Krankenschwestern? Und auch bei diesem Einsatzgebiet muss man nach der sozialen Isolation und den persönlichen Daten fragen.

Richtig und gut handelnde Roboter

Die Maschinen, welche die soziale Robotik gestaltet, sind in ihren Handlungen und Aussagen individuell und gesellschaftlich verträglich. Sie versuchen, sowohl physische als auch psychische Verletzungen und überhaupt das Leiden von Menschen zu vermeiden. Dazu gehört, dass sie in unserem gemeinsamen Existenz- und Lebensraum nicht mit uns zusammenstossen, uns nicht so hart anfassen wie unempfindliche Dinge und uns nicht beleidigen und beschimpfen. Man entwickelt Industrie- und Serviceroboter, die mithilfe von Regeln und Fällen entscheiden, sowie Technologien wie weiche Hüllen und künstliche Haut. Für Pflege- und Therapieroboter sind die Ergebnisse der jungen Disziplin besonders wichtig. Operationsroboter sind als Teleroboter eine andere Kategorie. Die Maschinenethik unterbreitet Vorschläge für Systeme, die sich gegenüber Tieren und Menschen moralisch adäquat verhalten. Der Herausgeberband „Machine Medical Ethics“ (2015) geht auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten im Gesundheitsbereich ein.

Roboter als kleine grosse Brüder

Spezial- und Serviceroboter helfen uns. Und sie ersetzen uns allmählich. Arbeitsplätze und Fähigkeiten gehen verloren. In der Industrie ist das bereits passiert, Jahrzehnte vor der Vision der Industrie 4.0. Die Serviceroboter überwachen uns auch. Wenn sie mit Sensoren ausgestattet sind, wenn sie über Intelligenz und Erinnerungsvermögen verfügen, werden sie nach und nach zu allwissenden Begleitern. Sie wissen, was ihr Besitzer bzw. Betreuter tut, was er sagt, wie er sich fühlt, was er trägt, was in seiner Umwelt geschieht. Übrigens haben sich alle möglichen Geräte bei uns eingenistet, die uns in dieser Hinsicht gefährlich werden können, nicht nur solche, die uns beobachten, sondern auch solche, die uns belauschen können, mit Mikrofonen angereicherte Lautsprechersäulen wie Echo von Amazon, intelligente Fernseher wie der Samsung SmartTV und intelligentes Spielzeug wie Hello Barbie. Es scheint wichtig zu sein, dass wir den Datenschutz thematisieren und Technik- und Informationsethik sich der Herausforderungen annehmen. Doch hilft uns das am Ende wirklich? Pandora hat zuerst die Übel aus der Büchse gelassen, später auch die Hoffnung. Ob es die trügerische Hoffnung war, müssten wir Hephaistos oder seine Schöpfung selbst fragen.


Weitere Informationen und Links finden sich auf www.maschinenethik.net und www.informationsethik.net.


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