• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Mama Safari zeigt ihr Tessin

Von Max Hugelshofer  
Umzug in den Süden - am Beispiel pensionierter Deutschschweizer im Tessin  
   Ein Beitrag der Schweizer Berghilfe 
© Schweizer Berghilfe
Ihr ganzes Leben lang war sie unterwegs, als Reiseleiterin in Europa, Asien, Australien und vor allem in Afrika. In Ascona am Lago Maggiore hat Regula Siegrist ihr Daheim gefunden. Heute zeigt sie nicht mehr Schweizern die Welt, sondern Touristen aus aller Welt das Tessin.


Harter Schnee knirscht unter den Füssen. Sonst ist kaum ein Geräusch zu hören an diesem Januarnachmittag im Val Bavona, einem Seitental des Valle Maggia. Es ist spannend, zusammen mit Regula Siegrist den zu dieser Jahreszeit verlassenen Weiler Sabbione zu erkunden. Siegrist weiss, warum es ein schlechtes Zeichen ist, wenn auf einem Steindach Moos wächst, weshalb die Kirche als einziges altes Gebäude verputzt ist, und auch woher der nötige Mörtel kam. Und sie gibt ihr Wissen gerne weiter, verpackt in unterhaltsame Geschichten und Anekdoten, die man nicht so leicht vergisst. Siegrist ist auch mit 72 Jahren noch die perfekte Reiseführerin.


Schweizer Berghilfe
Val Bavona - Tessin
Diese Rolle ist ihr in Leib und Seele übergegangen. Kein Wunder, nach einem halben Jahrhundert in diesem Beruf. Schon als junge Frau hat es sie aus ihrem Elternhaus im Kanton Aargau in die weite Welt hinaus gezogen. Für das Reisebüro Kuoni war sie zuerst als Hostess in den Ferienorten Europas tätig, arbeitete sich dann hoch zur Reiseleiterin, stieg später auf von den Donau-Schifffahrten mit Seniorengruppen zu den exotischeren Destinationen. Dazwischen jobbte sie immer mal wieder ein paar Monate im Ausland, um eine zusätzliche Sprache zu lernen. Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch spricht sie fliessend. Aber auch auf Arabisch und in einigen ostafrikanischen Sprachen kann sie sich verständigen.


 
Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.
 

Afrika als Ziel

Buchempfehlung
Shauri Yake Mama
Jung und voller Wissensdurst stürzte sie sich auf alles Neue, das die Welt ihr bieten konnte. Besonders angetan hat es ihr Afrika. Zu Zeiten, als eine Reise nach Afrika noch ein Abenteuer war, leitete sie in Kenia, Uganda und Tansania Safaris. Später wurde sie in Nairobi „Resident Manager“, war also für das ganze Ostafrika-Geschäft verantwortlich. Sie war weltweit die erste Frau in der ganzen Branche, die diese Funktion inne hatte. An Safaris nahm sie auch noch teil. „Ich fuhr im Safari-Jeep fünf Mal mit Tempo 20 rund um die Welt“, sagt sie. Die einheimischen Mitarbeiter nannten sie anerkennend „Mama Safari“. Was sie auf diesen Reisen alles erlebte, hat sie vor einigen Jahren in einem sehr unterhaltsamen und spannenden Buch niedergeschrieben.


Das Leben auf Achse hat Siegrist damals komplett ausgefüllt. „Ich war mit Kuoni verheiratet“, sagt sie heute. Doch irgendwann mochte sie nicht mehr. „Ich wollte ein festes Zuhause haben“, sagt sie. Als es ihrer Mutter gesundheitlich nicht gut ging, war für Regula Siegrist klar: „Ich komme zurück.“ Sie erhielt einen gutbezahlten und verantwortungsvollen Job im Kuoni-Hauptsitz in Zürich – und war todunglücklich. „Ich konnte mich nach all der Zeit unterwegs und mit fröhlichen, chaotischen Leuten nicht mehr an die überstrukturierte Bürowelt, an einzelne ehrgeizige und oberflächliche Kollegen und an das kalt-graue Zürich gewöhnen.“ Also entschied sie aus dem Bauch heraus, in die kleine Ferienwohnung am Lago Maggiore zu ziehen, die sie vor Jahren aus einer Laune heraus gekauft hatte. In Ascona suchte sie nach einer Möglichkeit, sich zu integrieren und übernahm kurzentschlossen ein zum Verkauf stehendes Tabakfachgeschäft. Fünf Jahre lang hat sie es geführt. „Reich bin ich damit nicht geworden, obwohl ich mich voll reingekniet habe. Aber ich habe die Einheimischen kennengelernt“, sagt sie. Der einzige Wermutstropfen: „Ich habe dabei blöderweise wieder mit dem Rauchen angefangen.“


 
Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch
 


Regula Siegrist
Schweizer Berghilfe
Wenn sie nicht in ihrem Laden stand, erkundete Siegrist ihre neue Heimat, las viele Bücher über die Geschichte des Tessins, besuchte unzählige Kirchen und unternahm viele Wanderungen in die ruhigen Täler. Dort lernte sie das andere Tessin kennen, das nichts mit den Touristen und den grossen Hotels an den Seen zu tun hatte: „Vergandete Maiensässe, also verwilderte Bergweiden, und alte Leute, die in ihren zerfallenen Steinhäusern hausten, stimmten mich traurig. Ich sah, wie schwierig es ist, so abgeschieden zu leben, und ich sah auch, dass die Probleme durch die Abwanderung der Jungen noch verstärkt wurden“, sagt sie. Je besser sie die Tessiner Berge und ihre Bewohner kennen lernte, desto mehr schloss sie diese in ihr Herz.

Das Reiseführer-Gen liess Regula Siegrist aber auch als Lädelibesitzerin nicht in Ruhe. Sie nutzte ihr neu erworbenes Wissen, liess ihre alten Beziehungen spielen und organisierte Kulturrundgänge in den Tessiner Altstädten, Busfahrten in die Täler mit Erzählungen alter Traditionen, Führungen zur Europa-Geschichte auf den Burgen von Bellinzona oder Schifffahrten zum Botanischen Park der Brissago Inseln. Besonders bei den Chauffeuren von Reisecars sprach sich rasch herum, dass Regula Siegrist ihr Handwerk versteht, und schon bald brachten ihr ihre Kunden mehr Arbeit, als sie bewältigen konnte. Seit einiger Zeit versucht sie, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Vor allem im Winter klappt das gut. Aber im Sommer wird es doch noch ab und zu streng. „Ich kann halt nicht gut nein sagen“, meint Siegrist fast schon entschuldigend.

Neues Ziel

Dieser Umstand ist auch schuld daran, dass sie heute kaum mehr etwas mit Afrika zu tun hat. „Ich bin enttäuscht und habe resigniert“, sagt sie. Das kam so: In ihrer Afrika-Zeit wuchst der Wunsch, der lokalen Bevölkerung zu helfen und sie bei der Lösung von Problemen zu unterstützen, stetig. Siegrist wollte sich auch engagieren, nachdem sie bereits wieder in der Schweiz lebte, und sie fand in einem geplanten Spitalneubau in Nairobi das vermeintlich perfekte Projekt. „Ich kannte die Verantwortlichen seit Jahren persönlich und war davon überzeugt, dass dieses Spital viel Leid verhindert und vielen Menschen eine sichere Stelle geboten hätte.“ Sie sagt „hätte“, denn das Spital wurde nie gebaut. Das Projekt versandete, die „alten Freunde“ tauchten unter, und das viele Geld, das Siegrist gespendet hatte, nahmen sie mit. „Ich war sehr enttäuscht.“ Seit dieser Erfahrung unterstützt Siegrist in Kenia nur noch die Kinder eines verstorbenen Paares, mit dem sie gut befreundet war.

„Ich weiss, dass ich hier in der Schweiz mit meinem Geld mehr bewirken kann als in Afrika“, sagt sie. Wenn sie einmal stirbt, fliesst ihr Erspartes grösstenteils in die Schweizer Berge. Siegrist hat die Schweizer Berghilfe in ihrem Testament bedacht. „Weil ich bei der Berghilfe genau weiss, dass die Spende in meinem Sinne eingesetzt wird – und weil mir daran liegt, dass unsere Berge von unseren Bergbauern aktiv gehegt und zum Nutzen der Menschheit bewirtschaftet werden.“


 
WDR-Fernsehen:
Sendung vom 11. März 2012



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