• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Luft, Erde, Wasser, Feuer.

Über die vier Elemente  
Von Helmut Bachmaier  
  Geiz im Alter
   
© Grafik: wikimedia.org 
Die vier Elemente sind ein Thema der europäischen sowie der asiatischen Philosophie, Dichtung, Kunst und Medizin. Dies geht zurück auf konkrete Wahrnehmungen: Jedes Element wird beispielsweise mit einer Farbe verbunden, jedes hat eine andere Dichte und einen anderen Wärmegrad. Sehen, Empfinden, Fühlen sind damit die Ausgangspunkte der Lehre von den vier Elementen.


Für die Philosophen stand dabei die Frage nach dem Ursprung, nach Einheit und Vielheit im Vordergrund. Für die Künstler waren die Elemente ein facettenreiches Sujet, und in der Medizin wurde nach deren Heilkräften gesucht. Die vier Elemente wurden im Zusammenhang mit den Körpersäften und den menschlichen Temperamenten gesehen.

Elemente - Temperamente

Die Lehre von den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde und Luft geht auf den vorsokratischen Philosophen Empedokles von Agrigent zurück. Nach ihm entsteht alles aus der Verbindung dieser Elemente, und alles vergeht durch ihre Trennung. Die Kraft der Verbindung war für ihn die Liebe, die der Trennung der Hass.

Der antike Arzt Hippokrates und seine Anhänger, die Hippokratiker, nahmen an, dass die vier Elemente ihren Sitz auch in den menschlichen Körpersäften hätten und einander ähnlich seien: Der Luft entspräche danach das Blut, dem Wasser der Schleim, der Erde die schwarze und dem Feuer die gelbe Galle.

Der Arzt Galenos ordnete später jedem Körpersaft ein spezifisches Temperament zu: dem Blut den Sanguiniker (er ist blutvoll, lebhaft, optimistisch), dem Schleim den Phlegmatiker (er ist zäh, langsam, träge), der schwarzen Galle den Melancholiker (er ist nachdenklich, pessimistisch) und der gelben Galle den Choleriker (er ist sprunghaft, impulsiv). Galen begründete damit das sogenannte Humoralparadigma, die Vorstellung, dass der vorherrschende Körpersaft den Charakter eines Menschen ausmache. Dieses Paradigma hielt sich in der Medizingeschichte bis ins 19. Jahrhundert. Es ergibt sich also ein direkter Zusammenhang von Elementen, Körpersäften und Temperament. Es ist bemerkenswert, wie aus einer materialistischen Theorie eine Wesensbestimmung des Menschen, eine Charakter- und Temperamenten-Typologie, abgeleitet worden ist.


 
Materialistischer Pluralismus Humoralparadigma Temperamentenlehre
Elemente Körpersäfte Temperamente
Luft Blut Sanguiniker
Wasser Schleim Phlegmatiker
Erde Schwarze Galle Melancholiker
Feuer Gelbe Galle Choleriker
 


Luft

Luft

Wir brauchen Luft zum Atmen. Der Luft wird das Ungebundene, Lebhafte, Freie, Bewegte zugeschrieben, ebenso den Bewohnern der Lüfte, den Vögeln. Der Luftgeist Ariel (beispielsweise in Shakespeares „Der Sturm“ sehr wirkungsvoll) gilt als Personifikation des freien, ungebundenen Elements. Die Luft ist ein Lebenselixier, ein kostbares Gut und ein wichtiger Informationsträger. In Mythos und Dichtung lauten die Bezeichnungen für Luft: Äther und Pneuma.

Wenn ein Lufthauch (Pneuma) vernehmbar wird, dann ist dies in der antiken Dichtung ein Zeichen für etwas Besonderes: Es ist ein Zeichen der Epiphanie, die Ankündigung des Erscheinens eines Gottes. Der antike Gott wird dabei als Demiurg (Handwerker), der etwas erschafft, und als Pneumatiker, der alles belebt, verstanden. In der christlichen Überlieferung ist es der Atem Gottes, der zum Leben erweckt: Das Leben wird eingehaucht. Aus der toten Materie entstand durch einen Hauch Gottes das Lebendige.

Die Vorstellung vom Äther, der den Raum zwischen den Dingen erfüllt und ein Kontinuum erzeugt, geht auf Aristoteles zurück. In der Naturphilosophie ging man bis ins 19. Jahrhundert von einer alles durchdringenden ätherischen Kraft aus. Äther galt als ein feiner Urstoff und zugleich als kosmische Kraft. Da alles von diesem Stoff und dieser Kraft durchdrungen war, konnte es kein Vakuum, keinen toten Raum geben, und damit war der horror vacui (die Angst vor der Leere) gebändigt.

Hölderlins Dichtung „An den Äther“ ist Ausdruck einer pantheistischen Weltschau, die zurückweist auf Ciceros Schrift über das Wesen der Götter („De natura deorum“). Und schliesslich sind die „Lieblinge des Äthers“ (Hölderlin), die Vögel, Verkörperungen des Geistes der Luft, so der Albatros bei Charles Baudelaire, dessen Flug der Bewegung der Sprache in der Poesie gleicht.

Erde

Erde

Die Erde ist mütterlich – Mutter Erde. Aus der Erde geht das Leben hervor, aus dem Samen, der in die Erde gelegt wird, entsteht die Frucht. Die Erde ist Anfang, aber auch Ende, weil sie das Grab umfängt. Nicht zufällig sind im antiken Mythos Demeter (die Göttin der Fruchtbarkeit, des Korns, des Lebens) und Persephone (Göttin des Todes) Mutter und Tochter und werden in einem Atemzug genannt. Der Demeter-Kult in Eleusis war einer der wichtigsten Fruchtbarkeitskulte („Eleusinische Mysterien“), bei dem die Sexual- und Fruchtbarkeitssymbole im Mittelpunkt standen. Als ihre Tochter Persephone durch Hades geraubt wurde, zog Demeter durch die Welt auf der Suche nach ihr – voller Klagen und Tränen vergiessend. Sie gilt als das antike Gegenbild zur Pietà: zu Maria, die um ihren Sohn trauert.

Die Erde ist das Fundament, auf dem wir sicher stehen. Wird die Erde erschüttert, dann verlieren wir leicht die Orientierung und geraten in Angst. Jedes Erdbeben zeugt davon, wie plötzlich alle Sicherheiten schwinden. Historische Erdbeben – etwa das von Lissabon (1755) – haben überkommene Harmonievorstellungen ins Wanken gebracht und Zweifel entstehen lassen, ob wir tatsächlich in der besten aller denkbaren Welten leben (so die Auffassung des Philosophen Leibniz). Voltaire („Candide“), Kant („Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens [...]“) und Kleist („Das Erdbeben in Chili“) haben sich mit der Erschütterung des Bewusstseins durch die Katastrophe von Lissabon auseinandergesetzt.

Wasser

Wasser

Die einen glauben, dass am Anfang das Wort war (Johannes-Evangelium), die anderen, dass es das Wasser (die Neptunisten), wieder andere dass es das Feuer war (Vulkanisten). Sicher ist, dass das Leben aus dem Ur-Meer, der „Ur-Suppe“, entstand. Das Wasser, symbolisch bei der Taufe verwendet, reinigt von den Erbsünden und ist zugleich gemeinschaftsstiftend. In den Kosmologien der Antike kommt dem Meer und seinem Gott Poseidon (lat. Neptun) eine besondere Rolle zu: Sein Palast ist in den Fluten, heilig sind ihm Pferde – besonders Pegasus, der mit einem Hufschlag die Musenquelle auf dem Helikon entstehen liess – und Delphine. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments schwebt der Geist Gottes über den Wassern, und Gott scheidet anfangs in Himmel und Erde, in Erde und Wasser und in Wasser und Himmel. In diesem Akt der Scheidung zeigt sich die Einteilungsmacht des göttlichen Geistes. Die Wandlung von Wasser in Wein beim Abendmahl, die Transformation des Zeichens des Lebens (Wasser) in das Symbol der Erlösung (Wein) oder die Fusswaschung als Demutsgebärde stehen in direktem Zusammenhang mit dem liquiden Element. Wasser ist vor allem deshalb ein Lebenselement, weil es andere Substanzen in sich auflösen kann.

Feuer

Feuer

Prometheus raubte dem Himmel das Feuer und brachte es den Menschen als freundliche Gabe, so berichtet es der antike Mythos. Dafür wurde Prometheus grausam bestraft: Er wird an den Kaukasischen Felsen gekettet, wo ihm ein Adler die Leber herausreisst, die aber jede Nacht nachwächst. Mit dem Feuer hat er den Menschen die Zivilisation gebracht. Insofern gilt er als Vater der Zivilisation. Durch seine Qualen wird die Zivilisation jedoch mit Leiden verbunden. Erst ein anderer Unsterblicher kann ihn davon befreien (dies ist ein Prätext zur Passionsgeschichte). Das Feuer des Staatsherdes wurde bei den Römern von den Vestalinnen gehütet. Dieses heilige Feuer galt als Symbol der Gemeinschaft der res publica, des Staates. Sein Verlöschen wurde als schweres Verbrechen empfunden.

Die zerstörerische Kraft des Feuers wird in den Weltbrand-Epen, Apokalypsen und Götterdämmerungen beschworen. Weltuntergangsvisionen werden stets von Feuersbrünsten begleitet, und es bleibt nur die Asche zurück. Die Erde als verglühender Feuerball ist eine Ikone aller Endzeitphantasien.

In Mythos und Dichtung wurden die vier Elemente mit symbolischen Bedeutungen belegt, die auf das Schicksal der Menschheit und der Zivilisation verweisen und einen direkten Zusammenhang mit Temperamenten und Charaktereigenschaften herstellen. In ihnen hat sich Selbst- und Welterfahrung verdichtet. Bei unseren Zukunftsfragen wie Klimaschutz dreht es sich ebenfalls um diese Elemente.



  Literaturhinweise  
 
  • Rudolf Treumann: Die Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser in Mythos und Wissenschaft, München 1994 (Hanser Verlag).
  • Anton G. Leitner (Hrsg.): Feuer, Wasser, Luft & Erde. Die Poesie der Elemente, Stuttgart 2009 (Reclam Verlag).
 



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Quelle: BR - alpha
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