• Sonntag, 26.03.2017
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ALTERSTHEMEN

Lektionen des Alters. Easy ageing

Untertitel
Von Bernd Seeberger und Gerd Schuster
Lektionen des Alters. Easy ageing
 
In der Tat und ganz entschieden geht es Bachmaier hierum gerade nicht, sondern im Gegenteil: Er will an die Möglichkeit zum Selbstentwurf eines jeden Menschen appellieren, die nicht nur lebenslang gegeben ist, sondern darüber hinaus, kantisch gedacht, die Pflicht jedes autonomen Wesens ist. Nach dem Grundsatz „Mach dir dein Alter selbst“ verfolgt der Autor einen Gegenentwurf zu das Alter negierenden (anti-ageing) oder das Alter verklärenden (pro-ageing) Altersbildern – im Bewusstsein zwar, dass Selbstentwürfe immer sowohl auf Grenzen als auch auf deren Transgressionen zu beruhen haben. Als Voraussetzung und Zweck gleichermassen erkennt Bachmaier hierfür eine grundsätzliche Gestimmtheit, die er als „gelassen – befreit von Vorschriften und Zwängen“ beschreibt und sie in Bezug zum Altern als „easy ageing“ bezeichnet.

Ein Gegenentwurf

Als Kulturgerontologe bewerkstelligt Bachmaier den so bezeichneten Gegenentwurf im Rückgriff auf Erfahrungsräume, wie sie ihm in seiner intensiven Beschäftigung mit Kultur-, Philosophie-, Kunst- und Literaturgeschichte zum Thema Alter entgegentreten, und er bedient sich hierbei im weitgehenden Verzicht auf die gängige gerontologische Literatur phänomenologischer, handlungstheoretischer sowie verstehender Ansätze.

Freilich bewegt sich Bachmaier hier nicht nur auf einem, sondern auf vielen weiten Feldern: historischer Dynamik unterworfen, widersprüchlich, gegenläufig, labyrinthisch geradezu. Er benennt und kategorisiert historische und aktuelle Trends, er ordnet Alter in unterschiedliche Phasen und Erscheinungsweisen ein; er beschäftigt sich mit vergangenen und modernen Alterskulturen; er verweist auf die Vielfalt und Bedeutung von Generationenbeziehungen, die bis in ihre demographischen und politischen Dimensionen hinein analysiert werden; er entwickelt im Rückgriff auf Humanismus, kantische Ethik, methodischen Rationalismus und der Idee integrativer Verpflichtung eine werteorientierte Alterskultur; und er bringt den Begriff der Menschenwürde in seiner historischen Semantik ins Spiel.

Er fragt nach der Bedeutung eines gelingenden Zeitmanagements im Alter und stellt Zeit als kategorischen Hintergrund unseres Handelns auf ihre anthropologische Basis zurück, auf welcher sie als individuelle „Eigen-Zeit“ wirkt. Er beschreibt und entwickelt ausserdem existentielle Erfahrungsräume im Alter, von Träumen als imaginäre Präsentationen unserer unbewussten Wünsche über Glück, Schmerz, Liebe und Freundschaft, Angst, Geiz, Sicherheit, Essen und Trinken, Bewegung, Kreativität, die Freude an Gartenarbeit und Tieren, Lernen, Erinnern und Spielen.

Bachmaier leitet eine Alters- und Sterbeethik her, aus welcher besondere Rechte und Pflichten entspringen; er appelliert an eine fruchtbare Alterspolitik und benennt sehr konkret und mit klarem Standpunkt hoch pragmatische Lebens- und Entscheidungsbereiche; er zeigt Elemente einer Lebenskunst im Alter auf und schliesst seinen kulturhistorischen Rundblick mit literaturwissenschaftlicher Profession zum hoch ambivalent erscheinenden Thema „Alter in der Literatur“ ab. Schlussendlich gestaltet er ein Kompendium einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Alternsforschung. Es sind Applikationen der Kulturgerontologie jenseits des üblichen pseudo-wissenschaftlichen Geplänkels.

Ein gewaltiges, aber gut lesbares Unterfangen

Dass dieses gewaltige Unterfangen die 200-Seiten-Marke nicht wesentlich überschreitet und für den Leser weder detailverloren, weder langweilig noch gehetzt und kurzatmig daherkommt, ist Bachmaiers enormem sprachlichen Geschick und seinem sicheren Gespür zu verdanken, jeweils das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Ohne bei seinen Lesern allzu fundierte geistesgeschichtliche Kenntnisse vorauszusetzen, blickt Bachmaier auf ein beachtliches Spektrum bedeutsamer Texte, das von Homer, Sappho über das Alte und Neue Testament, griechische und römische Philosophen über Augustinus, Pico, Goethe bis Freud und Heidegger und viele andere reicht. In all ihrer teils widersprüchlichen Vielfalt benennt er Fakten, fasst unterschiedlichste gedankliche Figuren aus Wissenschaft, Kunstgeschichte, Literatur und Alltagserfahrungen zusammen – ohne diese zwanghaft zu entfalten, deutend aufzubauschen oder gar für den eigenen Zweck umzubiegen.

Denn gerade dies ist es ja, weswegen er sich zusammen mit seinen Lesern gleichsam auf den Weg zum Hochstand gemacht hat, von dem aus die weiten Felder zu überblicken sind: nicht immer im Detail und in den schärfsten Umrissen, aber im Panorama der historischen und aktuellen Möglichkeiten und der Spielräume, innerhalb derer jeder Einzelne sein je eigenes Alter, einem positiven Altersbild entsprechend, autonom entwerfen und leben und in dieser Erkenntnis als „easy ager“ vom kleinen Spaziergang mit Leichtigkeit und erfrischt zurückkehren kann.

Stets bleibt Bachmaiers Sprache diesem Anliegen angemessen und imponiert gerade als Kontrapunkt zur impressionistisch schillernden Weitwinkelperspektive seines kulturhistorisch-kulturgerontologischen Rundblicks und wirkt dadurch umso präziser und verständlicher. Auch seine Zitationsweise wird dem gerecht. Er verzichtet auf Fussnoten oder andere ausführlichere Quellenangaben im Text. Erst im Abschluss seines Buches führt er diese an und empfiehlt zusätzlich für jedes Kapitel die grundlegende Literatur. Ein auch deshalb gut zu lesendes Buch.

Umschlag und Titel des Buches muten zunächst ganz anders an. Hat doch die Rede von „Lektionen des Alters“ alles andere als Konnotationen mit Leichtigkeit, Gelassenheit, Freiheit. „Das“ Alter erscheint hier nahezu in Gestalt eines strengen Lehrers, dem es zukommt, Vorlesungen zu halten und „Lektionen“ zu erteilen. Bachmaiers Ansatz war es aber gerade, keinen erneuten Ratgeber vorzulegen, sondern das dialogische Moment am Altern und seinen kulturellen Bedingungen herauszustellen und sich stets erweiternde Spielräume zwischen Möglichkeiten und Begrenzungen zu eröffnen.

Wagnis selbstverantworteten Handelns

Der Denker Der Denker
Auf den zweiten Blick jedoch halten Umschlag und Titel ein Überraschungsmoment für den Leser bereit. Der Ratgeber und Anleiter, den er zunächst in Händen zu halten scheint, erweist sich von Beginn seiner Lektüre an als Negation einer solchen Erwartung. Das Buch wird gewissermassen im dialektischen Umschwung zum Ratgeber ganz besonderer Art: Wie, wenn seine Lektionen – die Lektionen des Alters – nicht Inhalte und Vorschriften, sondern Formen lehren, wenn sie nicht „belehren“, sondern herausfordern, auffordern und Mut machen zum Wagnis. Zum Wagnis eines eigenen, selbstverantworteten Handelns. Bachmaiers „Lektionen des Alters“ sind ein ermutigendes Buch im wahrsten Sinne: Habe den Mut, dich deiner eigenen Freiheit (auch kantisch: deines Verstandes) zu bedienen, dich im Spiel deiner Möglichkeiten zu entwerfen – nach deinem Bilde, im Spiel-Raum deines Lebens, bis ans Ende. Und so richtet sich der Text an jeden, der im erweiterten Blick auf die Buntheit des Lebens mit all seinen schillernden Möglichkeiten den Entschluss zu fassen bereit ist, seinen eigenen Lebensentwurf in Freiheit selbst in die Hand zu nehmen und dies gerade im Alter nicht anderen zu überlassen.


Helmut Bachmaier
Lektionen des Alters
Kulturhistorische Betrachtungen



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