• Mittwoch, 18.01.2017
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PERSPEKTIVEN

Kreativ werden, sein und bleiben…

Untertitel
Von Odette Butz
Kreativ werden, sein und bleiben…
© sk_design - Fotolia.com

Wie funktioniert Kreativität?

Prof. Dr. Helmut Bachmaier
Prof. Dr. Helmut Bachmaier
Im Einführungsreferat erläuterte Prof. Dr. Helmut Bachmaier, Stiftungsrat der TERTIANUM-Stiftung, die Entwicklung des Begriffs Kreativität. Das Verständnis wandelte sich von der Inspiration durch die Musen im antiken Griechenland zur religiösen Auffassung, dass Gott als Schöpfer der Welt (Makrokosmos) darin nachgeahmt wird, dass der Mensch infolge seiner Ebenbildlichkeit ein Werk (Mikrokosmos) hervorbringt. Seit dem 18. Jahrhundert wird Kreativität zum Ausdruck der Individualität, indem innere Zustände des Subjektes in einem Werk wie in einem Spiegel objektiviert werden, vollkommen realisiert im Genie. Nach dem Genie kommt der Virtuose, bis sich in der Postmoderne das Kreative in Reprisen erschöpft.

Weiter führte er aus: Das Ziel der Kreativität ist das Neue (ein durchaus komplexer Begriff); ihre Methoden lassen sich zumeist auf Kombinatorik (die Verbindungen alter, bekannter Elemente zu neuen Konstellationen) zurückführen. Schliesslich ist der spielende Mensch (homo ludens) mit seiner Phantasie die anthropologische Grundlage jeder Art von Kreativität.

Psychologische Aspekte der Kreativität

Prof. Dr. Brigitte Boothe
Prof. Dr. Brigitte Boothe
Prof. em. Dr. Brigitte Boothe (Psychologin, Psychoanalytikerin; Universität Zürich) lud im anregenden Dialog ihre Workshop-Teilnehmer ein, den Traum als „Alltagsressource“ zu nutzen. Am Beispiel von Friedrich August Kekulés zeigte sie auf, wie dieser in der spielerischen Auseinandersetzung mit seinem Traum zur Inspiration der komplexen Benzolformel gelangte. Aus Traumgeschichten der Teilnehmenden wurden Anstösse zu den persönlichen Situationen und Fragen gewonnen. Dabei machte Frau Boothe die Wichtigkeit des Zulassens und wertfreien Umgangs mit Befremdlichem als Voraussetzung für einen schöpferisch, bewältigenden Prozess deutlich. Die Botschaft aus diesem Workshop ist, empfänglich und offen mit eigenen Träumen umzugehen, d.h. im bewussten Zustand das kreativ aufzugreifen, was im Unterbewussten bereits verarbeitet wurde, um daraus konstruktive Bewältigungsschritte abzuleiten.

Kreativität im Lebenslauf

Prof. Dr. Françoise Höpflinger
Prof. Dr. Françoise Höpflinger
Der zweite Workshop, geleitet von Prof. Höpflinger (Alternsforscher an der Universität Zürich), widmete sich der Frage, ob und wie sich Kreativität im Laufe des Lebens verändert. In jedem Lebensalter gibt es funktionale und kognitive Einschränkungen sowie kritische Lebensereignisse, bei denen Konzepte wie Adaptation (Anpassung), Bewältigung (Copingverhalten) und Resilienz (Widerstandsfähigkeit) eingesetzt werden, also kreatives Handeln erforderlich sind. Gerade im Alter ergeben sich neue Freiheiten, aber auch neue Herausforderungen: Einerseits können pensionierte Frauen und Männer ihre kreativen Wünsche – jenseits von Arbeitsanforderungen – neu und frei gestalten, ohne dem «Kreativwettbewerb» ausgesetzt zu sein, andererseits fordert der Verlust von Fähigkeiten neue Strategien. Im seinem Workshop wurden Ideen diskutiert, wie durch eine kreative Alltagsgestaltung Einschränkungen wie finanzielle Engpässe oder gesundheitliche Beeinträchtigungen bewältigt werden können. Zusammenfassend stellten die Teilnehmenden fest: Den Widrigkeiten des Alters kann durch ein kreatives Reduzieren auf das Wesentliche und durch kluge soziale Vernetzung sinnvoll begegnet werden.

Erinnern - Zeichnen - Wissen

Benno Zehnde
Benno Zehnder
Der ehemalige Direktor der Schule für Gestaltung in Luzern, Benno Zehnder, führte in seinem Workshop die Interessierten ganz konkret ins Schöpferische. Unter dem Motto „Sehen, Entdecken, Gestalten“ und mit Bleistift und Papier ausgerüstet, entwickelte jeder Workshop-Besucher sein neues Bild aus Altbekanntem. Im Mittelpunkt des gestalterischen Aktes stand das neue Wahr-Nehmen von Vertrautem. „Zeichnen ist wie Beten. Man lernt es nicht aus Büchern, man muss es tun. Man muss still werden und bereit sein, sich auf einen Prozess, einen Dialog einzulassen. Man darf nicht am Resultat kleben, sondern darauf vertrauen, dass etwas geschieht. Man muss die Scheu und den sich regenden Widerstand überwinden und einfach anfangen“, bemerkte Benno Zehnder, und ein Schaffenshungriger kommentierte seine Erkenntnis aus dem Workshop. „Hier wird die Formel für Kreativität am deutlichsten: Spielerisch etwas Bisheriges mit Phantasie zu etwas Neuem umformen.“

Kreativ älter werden

Dr. Stefan Brändlin
Dr. Stefan Brändlin
Der vierte Workshop, geleitet von Dr. Stefan Brändlin (Geschäftsführer von Pro Senectute Kanton Luzern) widmete sich der Frage, wie sich kreatives Handeln im Leben älterer Menschen auf die Gesundheit, die Lebensqualität sowie die Lebenserwartung auswirkt. Im anregenden Gespräch kamen die Teilnehmenden zum Schluss, dass die nachberufliche Lebenszeit Freiräume schafft, um eigenes kreatives Potenzial zu entfalten und damit die eigene Persönlichkeitsentwicklung abzurunden.

Anhand der Biographie des 104-jährigen Luzerner Künstlers Hans Erni wurde die Bedeutung von Kreativität im eigenen Lebensbogen diskutiert. Die Quintessenz: Schöpferische Bedürfnisse und Begabungen, die in früheren Jahren und Lebensphasen unterdrückt und „verschüttet“ worden sind, warten darauf, „befreit“ zu werden. Stefan Brändlin regte die interessierten Zuhörer an, ihren persönlichen schöpferischen Möglichkeiten unbedingt einen höheren Stellenwert zu geben.


Kreativ älter werden

Unerwartetes aufnehmen und mitmachen

Unerwartetes aufnehmen und mitmachen
Überraschend für die parallel laufenden Workshopangebote, von denen die Teilnehmer zwei wählen konnten, war der Einsatz von Barbara Vanza, Leiterin im Ausbildungsteam für Erwachsenensport bei Pro Senectute Schweiz. Mit einer Bewegungssequenz animierte sie die Anwesenden sowohl in den Workshops als auch in der Pause, Körper und Geist aufzulockern und dabei Spass zu haben, was rege genutzt wurde.

Mit dem Hinweis: „Auch für den kreativen Menschen gilt: 99 % Transpiration und 1 % Inspiration – Kreativität ist etwas, das einem nicht einfach zufällt, sondern es ist Folge einer Anstrengung“, verabschiedete Prof. Helmut Bachmaier die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kreativ-Tagung. Viele fühlten sich ganz offensichtlich inspiriert.

Bilder : © Pro Senectute Kanton Luzern



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