• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Klar und korrekt ist gar nicht so einfach…

Untertitel
Von Bernadette Reichlin-Fluri
Klar und korrekt ist gar nicht so einfach…
© ra2 studio - fotolia.com
Ich verstehe, wenn jemand über den Begriff „Ambiguität“ stolpert oder das Antibiotika sagt - statt Einzahl Antibiotikum. Oder wer weiss, ob ein Philanthrop auch Briefmarken sammelt? Aber ich verstehe nicht, wenn ein Journalist mit Wörtern um sich wirft, die falsch sind. Sprache ist das Handwerk der Schreibenden. So wie ein Schreiner Bescheid wissen sollte über Holzarten, Leimsorten und was weiss ich sonst noch, so sollte ein Journalist souverän mit der Sprache umgehen können. Aktuelle Beispiele belehren uns vom Gegenteil.

Ein Postulat am Hauseingang

„Wir haben Securitas-Leute im Haus postuliert“, wird da ein Hotelier zitiert. Ich nehme an, so hat er es nicht gesagt. Aber vielleicht tönt postuliert einfach intellektueller als postiert?

Oder da wird eine Choreo angekündigt, bei der die Fans beim Einlaufen der Spieler Fahnen schwenken sollen. Also genauer eine Choreografie für Publikum und Spieler. Für mich, als Ballettkritikerin, eine sehr einfache „Choreo“: Die einen laufen, die andern schwenken. Aber tönt halt viel besser als simples Fahnenschwenken von den Rängen.

Taktlos und taktvoll

Es geht aber auch falsch mit durchaus "einheimischem" Sprachgut: „Die Fusion wurde taktvoll gefeiert.“ Ja, vielleicht soll da etwas nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Aber nein: Auf dem zum Text gehörenden Bild ist eine ganze Kapelle Blasmusik zu sehen. Musik und Takt, das gehört doch zusammen. Und tönt hier trotzdem falsch. Taktvoll wäre es höchstens, wenn man nicht allzu laut sagen würde, die Musiker seien nicht im Takt gewesen. Und taktlos wäre es, ihnen falsche Töne zu unterstellen.

Auch das ist deutsch: „Er begleitet indigene Völker in den Amazonas“. Das muss eine Art Moses sein, der da ganze Völker in das brasilianische Urwaldgebiet führt. Hoffentlich hatte er auch die Kraft, den Amazonas zu teilen, damit die Völker trockenen Fusses ans andere Ufer kamen. Oder dann hat da jemand den Mund ganz schön voll genommen: Er hat vielleicht Personen aus indigenen Volksstämmen begleitet, aber eine Völkerwanderung ausgelöst, das hat dieser Reisende bestimmt nicht.

Heilkräuter-Weltrekord

Noch so ein Aufschneider: Dieser schreibt eine Enzyklopädie über alle Heilkräuter der ganzen Welt. Darüber muss natürlich eine Zeitung sofort berichten. Denn bis heute hat das kein Mensch allein geschafft. Vielleicht kann er mit seinem Werk dann ja eine wandernde Ausstellung machen. Wobei der Berichterstatter einfach nicht realisiert hat, dass eine Wanderausstellung und eine wandernde Ausstellung – so mit roten Socken und schweren Schuhen – nicht dasselbe sind. So wie eine Bergbahn auch keine bergige Bahn ist, ein Ölbild kein öliges Bild und ein Sprachkritiker weder ein sprachlicher noch ein sprechender Kritiker.


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