• Samstag, 18.11.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Kinder sind die Zukunft der Welt

Interview von Helmut Bachmaier  
Kinder sind die Zukunft der Welt
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Dr. med. h. c. Heinrich von Grünigen, Vize-Präsident des Stiftungsrates von Terre des hommes - Kinderhilfe, im Gespräch mit Helmut Bachmaier.


Herr von Grünigen, Sie sind bei verschiedenen Hilfswerken engagiert, seit Ihrer nachberuflichen Zeit. Welche Stationen gingen diesem Engagement voraus?

Heinrich von Grünigen: Ich habe Germanistik und Anglistik studiert. Eigentlich wollte ich Lehrer werden. Aber wirklich per Zufall bin ich beim Rundfunk gelandet. Ich war 40 Jahre beim Radio und zuletzt Programmchef von Radio DRS1. 2001 bin ich in den sogenannten Ruhestand getreten und habe mich dann voll auf die Arbeit bei Hilfswerken konzentriert.

Ich bin bei der Schweizerischen Adipositas-Stiftung SAPS als Präsident und als Stiftungsrat der Stiftung Terre des hommes engagiert, davor war ich auch noch bei der Glückskette. Terre des hommes ist eine sehr spannende Herausforderung für mich.

Folgen Sie bei Ihrem Engagement einer bestimmten Idee oder einer Handlungsmaxime?

Heinrich von Grünigen: Ich habe eigentlich keine spezielle Handlungsmaxime. Wenn es ein Lebensmotto sein müsste, dann würde ich sagen: „Nimm’s wie es kommt und mach das Beste draus.“ Gelassenheit finde ich in jeder Lebenslage sehr wichtig. Ausserdem sollte Humor hinzukommen. Damit lässt sich alles ertragen, und es hilft auch bei der Menschenführung.

Humor lässt sich evolutionär auch als Dominanzverzicht verstehen, also als eine Art Umkehrung des Aggressions- oder Beuteschemas?

Heinrich von Grünigen: „Dominanzverzicht“ – das gefällt mir sehr in diesem Kontext.



  Heinrich von Günigen und Helmut Bachmaier  
  Heinrich von Günigen (links) und Helmut Bachmaier  


Bislang ging ich davon aus, dass Ihnen Ironie wichtiger ist als eine solche Art von Humor?

Heinrich von Grünigen: Da ist Ihre Beobachtung nicht ganz falsch. Aber Ironie ist ein Minenfeld. Ironie verstehen viele nicht und fühlen sich verletzt. Etwas durch Ironie infrage zu stellen, oder durch Selbstironie eine gewisse Distanz zur eigenen Positionen herzustellen, das wird oft als blosser Relativismus missverstanden. Ich habe eine besondere Affinität zum literarischen-politischen Kabarett und bin das letzte noch lebende Gründungsmitglied des Kabarett-Preises „Salzburger Stier“.

Kommen wir zu Terre des hommes, zum Auftrag der Stiftung. Wie lässt sich dieser kurz beschreiben?

Heinrich von Grünigen: In unserer Charta von 1960 heisst es: „Solange es Kinder gibt, die hilflos Hunger, Elend, Verlassenheit und Leid ausgesetzt sind, wird sich Terre des hommes – ein zu diesem Zweck gegründetes Hilfswerk – für sofortige und möglichst umfassende Hilfe einsetzen.“ Dies gilt bis heute. Und das Leid hat in den letzten 50 Jahren nicht abgenommen.

Am Schluss unseres Interviews drucken wir die Charta von Terrre des hommes ab. Wie wird der Sinn der Charta erfüllt?

Heinrich von Grünigen: Terre des hommes ist das grösste Kinderhilfswerk in der Schweiz. Verglichen mit weltweit aktiven Kinderhilfswerken sind wir klein, aber wir haben ein gewisses Renommee. Wir erhalten namhafte Mittel sowohl von Schweizer Institutionen (DEZA und Glückskette) wie von in- und ausländischen Donatoren und Entwicklungsorganisationen (z.B. USAID) zur Realisierung unserer Projekte.

Terre des hommes hat als erste Aufgabe die Kinderhilfe. Diese umfasst:

  1. Engagement für Kinderrechte
    In vielen Ländern wird noch kein Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern in der Rechtsprechung gemacht. Kinder werden zusammen mit erwachsenen Gefangenen ins gleiche Gefängnis gebracht. Die Auswirkungen kann man sich vorstellen…Hier arbeitet Terre des hommes eng mit den Behörden zusammen.

    Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist der Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen als billige Arbeitskräfte.
     
  2. Verbesserung der Ernährung und der Gesundheit
    Hier stehen oft zwei Aufgaben im Vordergrund: Sanitäre Anlagen zu bauen und die Wasserqualität entscheidend zu verbessern. Für Nahrungsmittel muss ebenfalls gesorgt werden.
     
  3. Katastrophenhilfe
    Bei allen Arten von Katastrophen sind wir zugegen, um Not zu beseitigen und den Menschen vor Ort schnell zu helfen.

    Insgesamt haben wir 34 Projekte weltweit. Das oberste Ziel der Projekte ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Nach drei Jahren sollten die Nutzniesser der Projekte sich selber helfen, sie sollten ohne uns ihr Leben fortsetzen können.

     

Könnten Sie uns ein Projekt kurz vorstellen?

Heinrich von Grünigen: Ein Projektbeispiel aus Kabul, Afghanistan. Eine ausgebildete Ärztin durfte in Zeiten der Taliban-Herrschaft aus den bekannten Gründen nicht mehr praktizieren. Sie hatte ein Berufsverbot. Terre des hommes ermöglichte dieser Ärztin, in Kabul afghanische Hebammen auszubilden, welche bei Geburten, aber auch bei der Familienplanung weiterhelfen. Die Dienste der Hebammen waren sehr geschätzt. Auch von den Frauen der Taliban-Funktionäre!


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Noch einen Blick nach vorne. Wie sollte sich Terre des hommes weiterentwickeln?

Heinrich von Grünigen: Wichtig wäre es mir, dass die verschiedenen Terre des hommes-Bewegungen in der Schweiz – es gibt heute aus der historischen Entwicklung drei verschiedene Gruppierungen – wieder zusammenfinden.

Warum arbeitet die Stiftung Terre des hommes mit der TERTIANUM-Stiftung zusammen?

Heinrich von Grünigen: Die Kinder sind die Zukunft der Welt. Wenn es den Kindern schlecht geht, geht es ihnen als Ältere wahrscheinlich auch schlecht. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Kindheit und Alter, auch wenn viele Jahre dazwischen liegen. Die beiden Stiftungen ergänzen sich gut, indem jede einen Schwerpunkt in dem Lebenslauf eines Menschen intensiv behandelt. Die TERTIANUM-Stiftung hat ja einen ausgesprochen intergenerativen Ansatz, und sie verleiht seit vielen Jahren den Preis für Menschenwürde an Personen und Institutionen, die sich für ein menschenwürdiges Leben eingesetzt haben. Wir gehen also auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziel.

Gesprächsprotokoll: Edith Pausewang



  Charta von Terre des hommes
(Originaltext von 1960)
 
 
«Dieser Text ist die Antwort auf den weltweiten und stummen Schrei von Millionen von Kindern, die Leid und Tod geweiht sind.

Solange es Kinder gibt, die hilflos Hunger, Elend, Verlassenheit und Leid ausgesetzt sind, wird sich Terre des hommes – ein zu diesem Zweck gegründetes Hilfswerk – für sofortige und möglichst umfassende Hilfe einsetzen. Wo ein hilfsbedürftiges Kind ausfindig gemacht wird, versucht Terre des hommes, es mit den am besten geeigneten Mitteln zu betreuen. In erster Linie soll dies im Heimatland des Kindes selbst geschehen, falls dies nicht möglich ist, auch in einem anderen Land. Das Kind wird ernährt, gepflegt, in einer Familie untergebracht und einem Leben zugeführt, das den Kinderrechten entspricht: Es erhält liebevolle, sachkundige und dauerhafte Hilfe.

Diese Tätigkeit wird ohne politische, konfessionelle oder ethnische Erwägungen und im Streben nach Gerechtigkeit als zwischenmenschliche Hilfe weitgehend anonym ausgeführt. Terre des hommes setzt sich aus engagierten bezahlten und unbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, deren Ziel es ist, notleidenden Kindern zu helfen, um ihr Leben oder Überleben zu sichern und ihnen ihr Mitgefühl zu zeigen. Alle Betroffenen - die, die Hilfe brauchen und die, die sie geben - sollen wissen: Terre des hommes wird versuchen, die Gesellschaft aufzurütteln und sie im Hinblick auf die unsagbare Not ungezählter Kinder zusammenzuführen.»
 
       
 
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