• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Integration oder Segregation bei Einschränkungen

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Integration oder Segregation bei Einschränkungen
© Marco 2811 / fotolia.com

Pragmatische Position

Die pragmatische Position tritt meist ein für Segregation bzw. Separation, und zwar aus folgenden Gründen:
  1. Zum Teil gibt es ein massives Abwehrverhalten der orientierten Bewohner gegenüber verwirrten Menschen.
  2. Das Personal kann bei Separation jeder Gruppe speziell gerecht werden und sich bei Spezialisierung völlig auf Pflege und Betreuung konzentrieren.
  3. Für weglaufgefährdete Bewohner muss weniger Sorge und vor allem weniger Zeit aufgewendet werden, was den Stress der Mitarbeitenden reduzieren kann.
  4. Langzeitpflegeeinrichtungen können ihre Bewohner/Patienten länger versorgen und erst später in gerontopsychiatrische Spezialeinrichtungen überweisen.
  5. Bei Separation kann die Kompetenz für eine besondere Gruppe besser umgesetzt werden für eine optimale Versorgung.
  6. Dies bedeutet Zeitersparnis, Konzentration der Kräfte und führt zu weniger Störungen im Heimalltag.
Bei diesen Gründen darf nicht verschwiegen werden, dass desorientierte Personen im Kontakt mit den anderen, orientierten Menschen lange Zeit besser im Alltag sich zurechtfinden können, als wenn sie in separaten Einrichtungen leben. Deshalb gibt es verschiedene Modelle, in denen die Übergänge (eigene Oasen) und nicht die Trennungen im Vordergrund stehen.

Ethische Position

Die ethische Position plädiert generell für das Verfahren und Modell der Integration oder Inklusion. In der Ethik geht es um die Praxis und die Normen, die eine Praxis leiten sollen. Es ist dabei eine spezielle Situation zu beurteilen, um richtig, angemessen, normengerecht zu handeln. Dazu gehören Entscheidungen, was wertvoll ist und welche Werte realisiert werden sollen. In dieser Perspektive können folgende Argumente angeführt werden:
  1. Die Menschenwürde, die von keiner menschlichen Autorität oder Institution verliehen oder abgesprochen werden kann, gilt uneingeschränkt, auch bei Krankheiten, Behinderung etc. Jeder Demenzkranke ist ein Individuum mit einer unverletzlichen Würde. Seine wahrgenommene Andersheit kann nicht als Rechtfertigung für eine Separierung oder Ausgrenzung dienen.
  2. Menschen mit Demenz können im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch handeln und etwas zum Ausdruck bringen.
  3. Separierung ist eine direkte Art von Ausgrenzung und beschädigt das Selbstwertgefühl.
  4. Ethische Regeln (z.B. der Kategorische Imperativ von Kant) gelten allgemein. Bei Separation müsste die Regel lauten: Alle Menschen mit Einschränkungen müssen irgendwie separiert werden, was zu vielfältigen Ghetto-Bildungen führen würde.
  5. Integration oder Inklusion versuchen, alles abzubauen, was Kranke und Gesunde trennt.
  6. Dass Kranke stören, weglaufen, Stress erzeugen ist kein Grund, sie zu isolieren.
  7. Integration/Inklusion bedeutet Brückenbauen, Separation oft Stigmatisierung.
Wenn wir uns für die Integration oder Inklusion aus ethischen Gründen entscheiden, dann nehmen wir den Stachel der Stigmatisierung weg, müssen uns allerdings für neue und häufig andere Organisationsformen in Alterseinrichtungen entscheiden.

Inklusion und Integration unterscheiden sich voneinander dadurch, dass bei Inklusion alle Bewohner oder Patienten in gleicher Weise am Leben im Heim teilhaben bzw. teilnehmen. Dies führt zu einer Durchmischung von Personen mit unterschiedlichen Graden an Selbständigkeit und unterschiedlicher Gesundheit. Integration versucht hingegen, Personen in Gruppen zusammenzufassen und den Alltag mit den Anderen in der Institution zu gestalten.

Entscheidung

Jede der beiden Positionen hat erhebliche Folgen für die Infrastruktur, für die Organisation und für das Personal einer Alterseinrichtung. Oftmals werden die Argumente vermischt und dann doch die eine oder die andere Form (mehr oder weniger) in die Praxis umgesetzt. Der Auffassung, dass Integration Brückenbauen, Segregation dagegen Stigmatisierung bedeutet, kann nicht leicht widersprochen werden.


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