• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

15 Jahre engagiert im Einsatz

Von Max Hugelshofer  
Umzug in den Süden - am Beispiel pensionierter Deutschschweizer im Tessin  
   Ein Beitrag der Schweizer Berghilfe 
© Schweizer Berghilfe
Romano Tomaschett war während 15 Jahren ehrenamtlich als Experte für die Schweizer Berghilfe unterwegs. Über 500 Projekte hat er während dieser Zeit unter die Lupe genommen und genauso viele spannende Menschen kennengelernt. Auf Ende Jahr ist er zum zweiten Mal in Pension gegangen.


„Dieses Mal brauchen wir den Allradantrieb wohl nicht“, sagt Romano Tomaschett. Links und rechts der schmalen und kurvigen Strasse, die von Grüsch im Prättigau nach Valzeina führt, ragen zwar beeindruckende Schneemauern in die Höhe, auf der Fahrbahn liegt aber nur etwas Schneematsch. Es ist Tauwetter. Routiniert und gemächlich steuert der 75-Jährige den schwarzen Kombi die Spitzkehren hoch. Sein Ziel: Der Hof der Familie Hartmann.

Im vergangenen Jahr hat die Schweizer Berghilfe die Bergbauern beim Bau einer Remise unterstützt. Der im Kanton Zürich wohnhafte Tomaschett ist gerade im Bündnerland unterwegs, um ein neues Projekt zu prüfen und will die Gelegenheit nutzen, um sich vor Ort zu überzeugen, dass alles so umgesetzt wurde, wie es ursprünglich geplant war.

Schweizer Berghilfe
Sennaria Surselva
Der Rentner und ehemalige IBM-Manager ist einer der dienstältesten der 34 ehrenamtlichen Experten, die für die Schweizer Berghilfe vor Ort alle eingereichten Anträge prüfen. Er ist für das Prättigau und die Surselva zuständig. Über 500 Projekte hat er während seiner 15 Jahre als Experte unter die Lupe genommen. Von der Güllengrube im hintersten Krachen bis zu riesigen Bauvorhaben wie den Klosterstall und die Sennaria Surselva in Disentis. Auch im vergangenen Jahr ist er knapp 30 Mal zusammen mit den Gesuchstellern am Küchentisch gesessen und hat gemeinsam mit ihnen deren Projekt durchleuchtet, die Finanzierung diskutiert und auch mal Nachbesserungen verlangt, wenn seiner Meinung nach etwas nicht ausgereift war. „Es ist eine wunderschöne und sehr befriedigende Aufgabe“, sagt er. „Was mich damals nach meiner Pensionierung zur Schweizer Berghilfe gebracht hat, war die Aussicht darauf, etwas ganz Neues zu machen“, erinnert er sich. Man komme in einen Kreis von Menschen hinein, den man sonst nie kennenlernen würde. „Ich bin unheimlich dankbar, so viele spannende Projekte und vor allem die Leute, die hinter ihnen stehen, kennengelernt zu haben.“


 
Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.
 

Automatisch bergtauglich

Inzwischen ist Tomaschett beim Hof der Familie Hartmann angekommen und parkiert direkt vor der neuen Remise. So bequem ist es nicht immer. Manchmal, besonders bei Projekten, die mit der Alpwirtschaft zu tun haben, ist erst ein langer Fussmarsch nötig. Man müsse schon einigermassen fit sein, schmunzelt Tomaschett. Vor allem, weil die Bergler einen Berghilfe-Experten automatisch als bergtauglich einstufen würden. „Ich habe auch schon mal ein paar Tourenskis und mehr oder weniger passende Skischuhe in die Hand gedrückt bekommen, und bevor ich mich versah, waren wir auf dem zweistündigen Aufstieg zu einem Maiensäss. Ob ich Skifahren kann, hat mich dabei nie jemand gefragt.“

Schweizer Berghilfe
Andreas Hartmann hat Romano Tomaschett herzlich begrüsst und führt ihn nun stolz durch seinen Hof. Die neue Remise ist schnell besichtigt. Länger verweilen die beiden Männer beim Vieh, diskutieren über dessen Gesundheit und fachsimpeln über die verschiedenen Kuhrassen und die jüngsten Zuchterfolge. Tomaschett: „Als ich anfing, hatte ich keine Ahnung von Landwirtschaft. Heute würde ich mich zwar immer noch nicht als Fachmann bezeichnen, aber ich habe mir über die Jahre ein bescheidenes Wissen angeeignet.“ Noch immer kommt ein Grossteil der Gesuche aus dem Bereich Landwirtschaft. Immer mehr Gewicht bekommt aber auch der sanfte Tourismus, der dazu beitragen kann, dass die Bewohner von abgelegenen Gegenden vor Ort ein Einkommen erwirtschaften können und diese Regionen nicht aussterben. Im vergangenen Jahr hat die Schweizer Berghilfe 18 Prozent ihrer Hilfe in diesem Bereich geleistet. Auch Tomaschett hat bereits viele Tourismus-Projekte begleitet. Die Bandbreite reicht dabei von Schlafen im Stroh auf einem Bauernhof in der Surselva über eine Renovation eines Berggasthauses in St. Antönien bis zum Bau einer Hängebrücke in der Ruinaulta.


 
Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch
 

Noch grössere Herausforderungen

Inzwischen sitzen Romano Tomaschett, Andreas Hartmann und dessen Frau Ursula beim Kaffee am Küchentisch. Geredet wird über den vielen Schnee, die Schulsituation im Dorf und über das Leben in den Bergen. Hat es sich verändert in den 15 Jahren von Tomaschetts Expertentätigkeit? Sind die Herausforderungen grösser oder kleiner geworden? „Ich denke, speziell für die Bergbauern ist es eher noch schwieriger geworden“, sagt er. Es werde dermassen viel reguliert, dass es teilweise schwierig sei, den Überblick über alle Vorschriften und Bestimmungen zu behalten. Vor allem, weil sich diese laufend änderten. „Ein Bauer ist heute immer auch Unternehmer. Ein Bauer im Berggebiet ist ein Unternehmer, der unter erschwerten Bedingungen wirtschaften muss.“

Während der Diskussion am Küchentisch hat es draussen wieder zu schneien begonnen. Auf dem Nachhauseweg ist Tomaschett doch noch froh um den Allradantrieb.

 
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