• Samstag, 18.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Digitale Demenz.

Wie uns Internet und Smartphones um den Verstand bringen  
Von Maja Petzold  
   
  Umzug in den Süden - am Beispiel pensionierter Deutschschweizer im Tessin
© Karl-Heinz Laube / pixelio.de (Ausschnitt)
Der Titel des Buches "Digitale Demenz" beunruhigt. Die Dominanz der digitalen Medien muss uns alarmieren, meint der Autor Prof. Dr. Manfred Spitzer. Als Leiter des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen beschäftigt er sich schon seit vielen Jahren mit den Veränderungen, die durch Lernen im Gehirn entstehen. Das aktuelle Buch ist nicht sein erstes zu diesem Themenkreis, aber als sein brisantestes kann es wohl bezeichnet werden.


"Es ist mir ein Bedürfnis", erklärt Spitzer, bekannt auch durch seine Fernsehserie "Geist und Gehirn", im Vorwort: ". . . das selbstbestimmte Handeln aufgeklärter kritikfähiger Menschen zu fördern und sich für diejenigen einzusetzen, die das noch nicht können . . ." (S. 9). Er stützt sich in seiner Argumentation einerseits auf zahlreiche Studien, andererseits auf seine eigene Arbeit mit Internetabhängigen und Computerspielsüchtigen in der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, deren ärztlicher Direktor Manfred Spitzer seit mehr als 20 Jahren ist. Er tut damit den wissenschaftlichen Anforderungen an ein solches Werk Genüge, ohne jedoch auf leichte Lesbarkeit zu verzichten. Denn seine Erkenntnisse sollen nicht nur in Fachkreisen, sondern auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden.

Digitale Demenz

Dass die digitalen Medien – Computer, Fernsehen, Smartphones, Computerspiele – unser Leben beeinflussen, kann niemand in Zweifel ziehen. Wie diese technischen Errungenschaften auf unser Gehirn einwirken, darüber herrscht jedoch bei Experten alles andere als Einigkeit und Klarheit. Der Begriff "digitale Demenz" (engl. digital dementia) wurde vor einigen Jahren durch eine Studie südkoreanischer Forscher publik, die festgestellt hatten, dass 12% aller Schüler ihres Landes als internetsüchtig zu gelten haben (S. 75).

Spitzer erklärt anschaulich und gut verständlich, wie unser Gehirn lernt – es lernt von Geburt an unaufhörlich – und worin eigentlich Demenz besteht. Grundsätzlich können wir nämlich bis an unser Lebensende Neues lernen, sofern wir, vereinfacht gesagt, unsere Nervenzellen ständig benutzen, d.h. durch Lernen trainieren und ihnen immer neue Anreize zur Verarbeitung geben. Daran ist nicht nur unser Grosshirn (die "grauen Zellen") beteiligt, sondern der Hippocampus spielt dabei als zentrale Schaltstelle im Gehirn eine wichtige Rolle, er stellt die Verbindungen, die Synapsen, her. Um einem gravierenden Abbau im Alter (Demenz) vorzubeugen, empfehlen Mediziner heute Bildung und Bewegung von Kind auf bis ins hohe Alter.


 
Das vorliegende Werk behandelt vor allem die Auswirkungen der digitalen Medien bei Kindern und Jugendlichen. Es geht Spitzer um die kommenden Generationen, die er vor geistigem und sozialem, ja auch vor gesundheitlichem Abstieg zu bewahren sucht. "Ein Gehirn ohne Bildung ist wie ein Buch ohne Buchstaben", formuliert er prägnant (S. 321). Das gilt selbstverständlich für jeden Menschen. Digitale Medien und unser Umgang mit ihnen, heute und in Zukunft – vor diesen Themen kann niemand die Augen verschliessen. Um uns wachzurütteln, uns zum Nachdenken zu bringen und, wo möglich, Gegensteuer zu geben, darum geht es Manfred Spitzer in seinem bewusst pointiert formulierten Buch. Zum Schluss der Tipp des Autors: digitale Medien meiden.
 

Lernen heisst: "Spuren im Gehirn" setzen

Die Basis für die geistige Leistungsfähigkeit wird in der frühesten Kindheit gelegt. Deshalb untersucht Spitzer Schritt für Schritt, wie in unserer Gesellschaft Kinder vom frühesten Babyalter bis zu Kindergarten und Schule mit modernen Informationsmedien eingedeckt werden. Besonderes Gewicht legt er dabei auf die Verarbeitungstiefe von Reizen und Lerninhalten im Gehirn. Forschungen der Lern- und Gedächtnispsychologie haben nämlich gezeigt, dass Schreiben und Lesen, aber auch Kopfrechnen nicht nur das reine Erkennen der Zeichen voraussetzen, sondern dass praktische Übungen unabdingbar sind, damit sich die Lerninhalte tief genug ins Gedächtnis eingraben. Das Gehirn, besonders das kindliche, muss durch verschiedenste Reize trainiert werden, nicht nur durch das Betrachten des Bildschirms, sondern durch konkretes Be-Greifen, Zeichnen, Singen, durch Bewegung in jedem Sinne.

"Digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe" (S. 69), sagt Spitzer, und daraus folgt, dass man Inhalte, die man nur per Computer lernt, schneller wieder vergisst, da man sie nur oberflächlich auf dem unbeständigen Bildschirm liest. Folgerichtig kritisiert er scharf die Einführung von Laptops für jeden Schüler, die Benutzung von Smartboards in Klassenzimmern sowie ganz grundsätzlich die "Auslagerung" des Unterrichts auf computergestützte Lernformen. Wer regelmässig Zeitung liest und von der gedruckten Zeitung auf das Online-Medium umsteigt, wird die Erfahrung der oberflächlichen Lektüre am Bildschirm zumindest teilweise bestätigen können.

Als Erwachsene können wir kritisch entscheiden, was wir in welcher Form aufnehmen wollen. Von Schulanfängern, die sich anschicken, das Lernen zu lernen, kann das niemand erwarten. Zudem liegt nach Meinung des Autors ein grosses Suchtpotential in der schier nicht zu überbietenden Attraktivität, die alle digitalen Medien eben nicht nur auf Erwachsene, sondern besonders auf Kinder ausüben. Nicht ohne bissige Ironie nennt Manfred Spitzer den Einsatz von Computern in der Schule eine "Geschichte der Lernverhinderungsmaschinen" (S. 89). Er stützt sich dabei auf mehrere amerikanische Arbeiten.


  " Der Einsatz von Computern in der Schule ist eine Geschichte der Lernverhinderungsmaschinen."  


Gegen Bildschirme von der Wiege bis zur Bahre

Mit Blick auf die beunruhigende Tatsache, dass es schon für die Allerjüngsten Fernsehprogramme ("Baby-TV") gibt, warnt Spitzer eindringlich vor dem wachsenden unkritischen Konsum elektronischer Medien, denn gerade Kinder und Jugendliche brauchen für die profunde Entwicklung ihres Gehirns und ihrer Persönlichkeit reale, nicht virtuelle Anreize zu eigenem, aktivem Lernen. Die Gefahr der entstehenden digitalen Anhängigkeit verschärft sich noch durch den zwangsläufig damit verbundenen Bewegungsmangel und unkontrolliertes Essen. Hier sieht Spitzer eine unheilige Allianz von "Dick- und Dumm"-Verursachern. Denn Lernen geschieht zwar im Gehirn, aber nicht allein durch reine, sogenannte "geistige" Aktivitäten.

Es sei noch einmal gesagt, was Spitzer immer wieder betont: Lernen, d.h. die Entwicklung des Gehirns, erfordert alle Sinne in Kombination mit Bewegung und einen gesunden Körper, der mit gesunder Ernährung fit bleibt und sich ebenfalls bis ins Erwachsenenalter entwickelt. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Bewegungsablauf vom Gehirn zuerst gelernt und geübt werden muss, ehe das Kind frei über seine Fähigkeiten verfügen kann. Die Gehirnzellen müssen ebenso trainiert werden wie die Muskeln. "Entscheidend ist", schreibt Spitzer, "dass der Körper beim Anlegen der Spuren auf einfachen Bereichen der Gehirnrinde unmittelbar beteiligt ist und dass jegliche 'höheren' geistigen Leistungen nur über die Spuren auf diesen einfachen Arealen überhaupt in die entsprechenden Bereiche des Gehirns gelangen können" (S. 169).


 
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Medienkonsum führt zu Abstumpfung

Vehement kritisiert Manfred Spitzer den ständig wachsenden Fernseh- und Videokonsum sowie Computerspiele, bei denen er vor allem Gewaltspiele im Auge hat. Er warnt vor der Gefahr, dass Kinder und Jugendliche dadurch u. a. wichtige soziale Kompetenzen verlören. Als besonders alarmierend stuft er die Abstumpfung von Gefühlen wie Mitgefühl und Empathie ein, die nach passivem Video- und Fernsehkonsum, besonders aber nach aktivem Spiel von PC-Gewaltspielen zu beobachten ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Abstumpfung sich sogar in der Messung körperlicher Funktionen nachweisen lässt: Wer 20 Minuten lang ein Video-Gewaltspiel spielt und dann Videoszenen mit realer Gewalt anschaut, reagiert darauf mit weniger erhöhtem Puls und geringerem Schwitzen als ein Jugendlicher, der vorher kein Gewaltspiel gespielt hat. Als Konsequenz vermindert sich die Bereitschaft zur Hilfeleistung. "Mediale Gewalt unterminiert die Grundfesten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens" (S. 202).

Suchen kann nur, wer schon weiss!

Der weit verbreiteten Meinung, dass die junge Generation heute mit den digitalen Medien viel "natürlicher" umgehe als die Älteren, kann Spitzer nichts abgewinnen. Zur Suche nach Informationen z.B. muss man zuerst einmal gelernt haben, diese einzuschätzen, um beurteilen zu können, welcher Wert ihnen im Rahmen einer Recherche zukommt. Die ausschliessliche Suche im Internet verführt zu oberflächlichen Schlüssen, die aus zufällig gefundenen Informationen gezogen werden. "Was man braucht, um im Netz fündig zu werden, ist eine solide Grundausbildung und vor allem Vorwissen" (S. 211). Bildung und geistige Schulung können laut Spitzer keineswegs durch kollektive Informationsverarbeitung geschehen. "Multitasking", scheinbares Zeichen grosser Flexibilität und geschwinder Auffassung, lehnt er aufgrund seiner oben angedeuteten Erkenntnisse über die Funktionen und das Wachstum des Gehirns ab.


  " Ein Gehirn ohne Bildung ist wie ein Buch ohne Buchstaben."  


Auch mit den E-Books geht Spitzer hart ins Gericht. Als Lehrbuch taugen sie weniger als die herkömmlichen Bücher aus Papier, denn mit dem E-Book lernt man weniger effizient. Wer nämlich dauernd auf Links und Hyperlinks stösst, lässt sich davon leicht ablenken und verliert die Konzentration. Dem Neurobiologen Spitzer fehlen beim elektronischen Lernen die sensomotorischen Eindrücke und das soziale Umfeld. Aufmerksamkeit lässt sich nicht am Computer trainieren.

Wer profitiert vom Boom der digitalen Medien?

Auf die Frage, weshalb sich die digitalen Medien trotz solcher schwerwiegender Einwände auf einem ungehinderten Siegeszug befinden, gibt es für Manfred Spitzer nur eine Antwort: die Interessen der marktbeherrschenden Medienkonzerne. Aus eigener Erfahrung vermutet der Autor, dass die Medienlobby im Hintergrund grossen Druck ausübt. Anders kann er sich nicht erklären, dass er als Experte vor politischen Kommissionen seine Untersuchungen und Schlussfolgerungen ausführlich darlegen kann, offensichtlich auf grosses Interesse stösst und dann Wochen später die Antwort erhält, es bestünde kein Handlungsbedarf. Den Einfluss der Medienindustrie, dem sich auch Bildungsverantwortliche zu unterwerfen scheinen, beklagt Spitzer mit scharfen Worten.


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