• Samstag, 18.11.2017
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AUSWANDERN NACH DER PENSIONIERUNG

Einmal Auswandern – und zurück!
Die Auswanderung war geplant, die Rückkehr nicht.
 
Interview Maja Petzold  
Als Rentner ins Ausland  
Ruhestand im Ausland Leben im Alter im Ausland
© Foto: Oliver Brunner / pixelio.de
Das Schicksal jedes Menschen ist einzigartig und geprägt von den Wechselfällen des Lebens. Auswanderer gehen zumeist einen besonderen Weg. Sie lassen alles zurück und schaffen sich in einem fremden Land eine neue Heimat. Für viele junge Leute ist das ein Traum. Aber auch ältere Menschen, schon pensioniert oder kurz davor stehend, wagen diesen Neuanfang. Hanspeter Zgraggen erzählt von seinen ganz persönlichen Erfahrungen.

Auswanderung nach Nicaragua

Hanspeter Zgraggen
Hanspeter Zgraggen

Herr Zgraggen, als Sechzigjähriger, nicht mehr ganz jung, sind Sie ausgewandert. Was hat Sie motiviert, diesen einschneidenden Schritt zu tun?

Hanspeter Zgraggen: Auswandern war schon immer ein Traum von mir. Die Schweiz schien mir – bei allen Annehmlichkeiten – immer zu eng. Eine meiner Töchter lebt in Australien, andere Verwandte in Kanada. Der Drang in die Ferne liegt wohl in der Familie.

Weshalb gerade Nicaragua?

Hanspeter Zgraggen: Das entstand aus meinem Engagement in einem kleinen Hilfswerk, das ich mit Bekannten zusammen in Horgen gegründet hatte. Wir sammelten Kleider als Hilfe für Bedürftige in der Schweiz und später auch im Ausland. Von einem Bekannten hörte ich, dass in Nicaragua grosse Armut herrschte und unsere Kleiderspenden hochwillkommen wären. Da ich aber nie Spenden an mir unbekannte Orte verschickte und wissen wollte, wohin die Sachen gelangten, fuhr ich zuerst selbst nach Nicaragua. Dort haben wir Kleider verteilt – und ich habe meine zweite Frau kennengelernt.

Daraus entstand der Plan, mit Erreichen des Pensionsalters nach Nicaragua auszuwandern, und ich begann, mich nach einer Farm umzuschauen. Schliesslich beschleunigte sich alles: Ich verlor im Alter von 58 meine Arbeit in der Schweiz. Damit wurde die Auswanderung für mich eine Chance, etwas Neues in Angriff zu nehmen. Die Farm besass ich damals schon sechs Jahre lang, so dass ich nach allen Vorbereitungen mit 60 ausgewandert bin, scheinbar endgültig. Insgesamt war ich vorher ca. zehnmal dorthin gereist.


  Ruhestand in Nicaragua  


Bitte beschreiben Sie uns Ihre Farm!

Hanspeter Zgraggen: Die Farm ist sehr weiträumig, es ist hügeliges Gelände, ich kann mich dort stundenlang bewegen. Wie gesagt, ich hatte mir immer ausgemalt, eigenen Boden zu besitzen und aus eigener Kraft etwas aufzubauen. Ich habe die Farm als Baumschule genutzt, sie ist eingezäunt und wird von Farmangestellten bewacht, denn in Nicaragua ist Holzraub eine grosse Gefahr. Die Menschen sind arm und brauchen das Holz, was Diebe konsequent ausnützen. Deshalb habe ich bewusst die Aufforstung gefördert. Wir haben Samen von einheimischen Bäumen gesammelt und daraus rund 4000 neue Bäume gezogen. Die Liebe zu den Bäumen hatte mein Grossvater in mir geweckt.

Daneben habe ich die vorhandenen Wildpflanzen studiert und einen Naturheilmittel-Shop aufgebaut. Über die beiden wichtigsten einheimischen Heilpflanzen Nopalea und Moringa oleifera entstand ein Buch, das ich mitverfasst habe.

Ein neues Leben gestalten

Wie haben Sie Ihr Leben in Nicaragua von der Schweiz aus vorbereitet?

Hanspeter Zgraggen: Land und Leute kannte ich bereits ziemlich gut. Schon vorher hatte ich beschlossen, in Nicaragua keine Krankenkassenversicherung abzuschliessen, aber auch nicht die unverhältnismässig teure Schweizer Versicherung weiterzuführen. Es war sehr viel günstiger, die Arztkosten dort direkt bar zu bezahlen.

Das Verfahren der Niederlassung ist in Nicaragua extrem kompliziert, und die Interpretation der Gesetze ändert sich schnell. Das führt leicht zu Unsicherheiten. Es ist eine schier unmögliche Kunst, mit den richtigen Papieren im richtigen Moment am richtigen Ort bei der richtigen Person zu erscheinen.

Für die Niederlassungsbewilligung musste ich beweisen, dass ich genug Einkommen besass. Was ich vorweisen konnte, war zwar zum Leben reichlich, genügte aber den Behörden nicht. Deshalb habe ich die Farm auf meine Frau überschrieben, und sie garantierte mir (auf dem Papier) einen hohen Lohn. Nur so bekam ich die Aufenthaltserlaubnis.

Auch von der Schweiz aus gibt es Hindernisse zu überwinden, vor allem die Lösung der Steuerfragen benötigt unbedingt gute Beratung.

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Welche Schwierigkeiten mussten Sie bei der Eingewöhnung in die neue Heimat überwinden?

Hanspeter Zgraggen: Für mich persönlich war die Sprache, die ich vorher nicht beherrschte, die grösste Hürde. Zudem sprechen die Leute auf dem Land nicht das Spanisch aus dem Lehrbuch, sondern eine ziemlich spezielle Mischung. Aber mit Blicken und Gesten konnte ich mich anfangs mit meinen Angestellten gut verständigen. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis mit ihnen.

In Nicaragua gibt es tiefe Gräben zwischen den Gesellschaftsschichten, fast wie die Kasten in Indien. Darauf muss man im Umgang mit den Menschen achten. Es ging nicht, dass ich als Chef mit meinen Leuten zusammen am gleichen Tisch zu Mittag ass, auch die Angestellten hätten sich geniert.

Die Mentalitätsunterschiede sind ebenfalls eine beträchtliche Hürde. Ich war dort als Schweizer immer viel zu schnell im Denken, Handeln und in der Weitergabe meiner Anordnungen, das führte leicht zu Konflikten. Aber im Ganzen gesehen, hatte ich mich sehr gut eingelebt, im Herzen bin ich immer noch dort.

Was hat Ihnen in Nicaragua gefallen? Wie unterscheidet sich das Leben dort von dem in der Schweiz?

Hanspeter Zgraggen: In Nicaragua habe ich gelernt, das Leben zu geniessen. Hier in der Schweiz fürchte ich viel zu schnell, jemanden zu belästigen. Die Herzenswärme, die Gelassenheit und Offenheit der Menschen hat mir seit meinem ersten Besuch gefallen. Auch die Musik, die in Nicaragua vielerorts gespielt wird, gefällt mir sehr.

Das Klima ist sehr ausgeglichen, ca. 11 ½ Monate lang ist Sommer. Man isst sehr gut in Nicaragua – und es gibt einen besonders feinen Rum, von dem allerdings ziemlich grosse Mengen getrunken werden. Rum macht leutselig, fröhlich, beschwingt, aber unversehens kommt der Moment, dass man zu viel davon getrunken hat. Leider sieht man deshalb viele "Alkoholleichen".

Haben Sie den Kontakt zur Schweiz weiterhin gepflegt?

Hanspeter Zgraggen: Das ergab sich von selbst, denn meine Kinder wohnten ja noch hier. Ausserdem habe ich immer den Kontakt zu Freunden in der Schweiz gepflegt, z.B. regelmässig übers Internet mit ihnen Karten gespielt. Aber eigentlich hatte ich mit der Schweiz abgeschlossen, ich hatte keine Sehnsucht zurückzukommen. In den neun Jahren dort habe ich nur eine Reise in die Schweiz gemacht.

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Die unumgängliche Rückkehr

Sie mussten jedoch aus gesundheitlichen Gründen wieder in die Schweiz ziehen, d.h. die Ärzte rieten Ihnen ab, nach Mittelamerika zurückzugehen. War das ein Schock?

Hanspeter Zgraggen: Es war ganz dramatisch: Ich hatte bei der Ankunft in der Schweiz eine Herzattacke. Glücklicherweise kam ich gleich in kompetente ärztliche Behandlung, aber eine Herzoperation wurde unumgänglich. Dies war eigentlich der Grund für meine definitive Rückkehr, die sich äusserst kompliziert gestaltete. Ich konnte nicht wie geplant einfach als Gast gemeldet bleiben, sondern musste mich fest anmelden, damit ich die für die Operation notwendige Krankenversicherung abschliessen konnte. Ich musste regelrecht von Pontius zu Pilatus laufen. Die gesetzlichen Vorschriften schienen mir voller Fallstricke.

Wie fühlen Sie sich heute? Würden Sie noch einmal genauso handeln?

Hanspeter Zgraggen: Ja, ich würde ganz genauso vorgehen. Nachdem ich mich lange auf meine Farm zurückgesehnt hatte, lebe ich heute hier zufrieden. Meine Träume und mein Fernweh gehören einfach zu mir. Ich bin dankbar für die zahlreichen Erfahrungen, das ist ein Schatz, den ich nicht missen möchte. Ich weiss nun aus eigenem Erleben, wie man sich als Ausländer fühlt, und kann deshalb die Ausländer in der Schweiz besser verstehen. Man hat auch eine andere Perspektive, wenn man die Schweiz vom Ausland aus betrachtet, und lernt die Sicherheit, die gute medizinische Versorgung besser schätzen. – Aber trotz allem vermisse ich die Weite.

 
Persönliche Tipps von Hanspeter Zgraggen für Menschen, die eine Auswanderung ins Auge fassen:
  • Nicht zu lange nachdenken, sondern einen Entscheid fällen und ihn dann umsetzen. Je länger man überlegt, desto mehr Zweifel kommen.
  • Eine positive Einstellung einnehmen, auch mit Blick auf zu überwindende Hürden.
  • Sämtliche benötigten Papiere schon vorher, von der Schweiz aus mit Hilfe der Botschaft des Landes zusammenstellen. Diese Abklärungen schriftlich verlangen, so dass man sie im Lande selbst vorweisen kann.
  • Alle Versicherungs- und Steuerfragen vorher gründlich abklären.
  • So viele Informationen wie möglich über das Land sammeln, viel lesen. Das Land vorher besuchen und sich mit Land und Leuten vertraut machen.
  • Schliesslich: Eine kleine Rückzugsmöglichkeit in der Schweiz bewahren für den Fall, dass alle Stricke reissen.
 



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