• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

„Wir sollten mit nichts gehen…“

Von Max Hugelshofer  
  Umzug in den Süden - am Beispiel pensionierter Deutschschweizer im Tessin
 Ein Beitrag der Schweizer Berghilfe   
© Schweizer Berghilfe
„Wir kommen mit nichts auf die Erde, und wir sollten auch mit nichts wieder gehen.“ Das ist einer der vielen Leitsprüche von Bernhard Wyss. Der 62jährige ist Frührentner, ein Geniesser und alleinstehend. Ein Teil seines Vermögens geht an die Schweizer Berghilfe. Die Hilfsorganisation richtet nach seinem Tod einen Fonds ein, aus dem nach Bernhard Wyss‘ Vorgaben Projekte unterstützt werden.


Im leeren Kuhstall ist eine engagierte Diskussion im Gang. Zwar haben der 62jährige ehemalige Kadermitarbeiter aus Winterthur im Kanton Zürich und der 30jährige Bergbauer aus Simplon Dorf im Kanton Wallis auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Aber obschon sie sich erst seit ein paar Minuten kennen, scheinen sich Bernhard Wyss und Meinrad Gerold bestens zu verstehen. Sie diskutieren über Landwirtschaftspolitik, über die voranschreitende Vergandung von Alpweiden, also den Prozess, der eintritt, wenn Bergwiesen nicht mehr gemäht werden, und über den Beitrag, den die Jungen zur Erhaltung unserer Kultur leisten können.


 
Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.
 

Wohnung und Familie

Meinrad Gerold ist auf einem Bergbauernbetrieb in einer der abgelegensten Gegenden der Schweiz aufgewachsen: auf der Südseite des Simplonpasses, auf knapp 1500 Meter über Meer in Simplon Dorf. Für ihn war schon als kleiner Junge klar, dass er später wie sein Vater Bergbauer werden wollte. Vor knapp zwei Jahren hat er nun gemeinsam mit seiner Frau Rosmarie den Hof übernommen. Dabei wurden viele Investitionen nötig. Zu viele für das junge Paar, das soeben den Grossteil seiner Ersparnisse für den Kauf des Hofes ausgegeben hatte. Besonders dringend war der Ausbau des Wohnhauses. Weil die Eltern weiterhin auf dem Hof leben und auch mithelfen wollten, reichte der Platz nicht mehr aus. Und dass Meinrad als neuer Betriebsleiter weg vom Hof in einer Mietwohnung lebte, war alles andere als ideal. Zwar konnten die Kosten durch viel Eigenleistung beim Bau stark gesenkt werden, alleine hätte es aber trotzdem nicht gereicht. Also fragte Meinrad Gerold die Schweizer Berghilfe um Unterstützung an. „Wir waren unglaublich erleichtert, als wir die Zusage erhielten“, sagt Meinrad. Heute leben er und Rosmarie direkt über Meinrads Eltern in einer schönen Wohnung, die auch genug Platz bietet für die Kinder,
Schweizer Berghilfe
© Schweizer Berghilfe
die sich das junge Paar wünscht. „Jetzt sind wir bereit, eine Familie zu gründen“, sagt Meinrad. Schon heute sitzen über Mittag teilweise mehr als ein halbes Dutzend Kinder am grossen Esstisch. Ein Bruder und eine Schwester Meinrads leben heute wieder in Simplon Dorf, direkt neben dem Hof. „Wir haben es zum Glück sehr gut miteinander und helfen uns jeden Tag gegenseitig“, sagt Meinrad. Dazu gehört auch die Kinderbetreuung.

Rechtzeitig regeln

„Wenn ich einmal nicht mehr lebe, soll mein Geld für genau solche Projekte eingesetzt werden“, sagt Bernhard Wyss. Er habe zwar durchaus im Sinn, noch einige Jährchen zu leben, sagt der 62jährige. Dass er sich heute schon mit seinem Testament beschäftigt, hat mit dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr zu tun. Sie starb im Alter von 94 Jahren nach einer kurzen Krankheit zu Hause. „Ich war natürlich traurig, aber auch sehr froh, dass sie nicht lange leiden musste“, sagt Wyss. Emotional belastend sei aber gewesen, dass er gar nicht richtig zum Trauern gekommen sei, weil ihr ungeplanter Nachlass einige Arbeit verursachte. Also hat er sich gesagt: „Wenn ich einmal sterbe, soll alles aufgeräumt und klar geregelt sein. Die Redensart - „mein Haus bestellen“ - passt gut zu meiner Situation. Ich will vor meinem Tod alles regeln, um es später in Ordnung hinterlassen zu können.“ Da Wyss Junggeselle ist und keine Nachkommen hat, musste er beim Verfassen seines Testaments auf keinen Pflichtteil Rücksicht nehmen. Dadurch habe er sehr viel Freiheit, aber auch eine grosse Verantwortung gehabt, erinnert er sich. Wyss, der als Kadermitarbeiter einer grossen Versicherung ein Leben lang gut verdient hat, der nun aktiv seinen Ruhestand geniesst und regelmässig mit Freunden oder Verwandten auf Reisen ist, ansonsten aber einen eher bescheidenen Lebensstil pflegt, setzte sich hin und überlegte, was ihm wirklich am Herzen liegt. Die Kultur in allen Facetten, war die Antwort, sowie die Jungen, die diese Kultur pflegen und weiterentwickeln sollen.


 
Mit einem Fonds die Zukunft der Berggebiete mitgestalten
Ein Fonds bei der Schweizer Berghilfe ist eine sehr persönliche Form einer zweckbestimmten Zuwendung. Vom Grundgedanken her entspricht der Fonds einer Stiftung; die hohen Kosten und der administrative Aufwand einer Stiftung entfallen jedoch. Der Gründer des Fonds kann sowohl den Verwendungszweck als auch den Namen des Fonds bestimmen (Beispiel: Hans Muster-Fonds für Familien im Berggebiet). Zudem kann der Fonds nach den individuellen Wünschen oder Auflagen des Spenders erstellt werden. Die Errichtung eines persönlichen Fonds ist bei der Schweizer Berghilfe ab einem Betrag von 100’000 Franken möglich.

Ein Fonds kann zu Lebzeiten mit einer Schenkung oder nach dem Ableben mittels eines Legats oder einer Erbschaft erstellt werden. Im Testament werden der Name, die Zweckbestimmung und die Kapitalhöhe festgehalten. Das detaillierte Fondsreglement kann mit dem Willensvollstrecker oder zu Lebzeiten zusammen mit der Schweizer Berghilfe erstellt werden. Der Fonds wird von der Schweizer Berghilfe kostenlos verwaltet und von einer internen und einer externen Kontrollstelle jährlich geprüft.

Kontakt: Schweizer Berghilfe, Martin Schellenbaum, Soodstrasse 55, 8134 Adliswil, Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch
 

Kultur und Bergwelt

Zur Kultur gehören für Wyss aber nicht nur die Musik und die Kunst, sondern auch die Art und Weise, wie mit der für die Schweiz wichtigen und symbolträchtigen Bergwelt umgegangen wird. „Diese Welt kann nicht einfach sich selbst überlassen werden, ohne zu verarmen. Wir Unterländer sind darauf angewiesen, dass die Bergbevölkerung die Landschaft pflegt. Vor dieser strengen Arbeit habe ich grössten Respekt.“ Also informierte sich Wyss über die Schweizer Berghilfe und liess sich daraufhin im persönlichen Gespräch über die verschiedenen Möglichkeiten informieren, wie er diese wohltätige Organisation nach dem Tod unterstützen kann. Schliesslich verpflichtete sich Wyss, der Schweizer Berghilfe nach seinem Tod einen festgelegten Betrag zukommen zu lassen. Dieses Geld kommt in den zu gründenden Bernhard-Wyss-Fonds und darf nur für Projekte ausgegeben werden, die den Zweckbestimmungen von Wyss entsprechen: der Unterstützung von jungen Landwirten, jungen Gewerbetreibenden oder jungen Dienstleistern im Berggebiet, vorzugsweise als Starthilfe.

Um ein solches Projekt, das später einmal aus seinem Fonds unterstützt werden würde, kennenzulernen, reiste Wyss nach Simplon Dorf und traf dort den Jungbauern Meinrad Gerold. „Ich bin fasziniert davon, wie zielstrebig dieser junge Mensch sein Leben in die Hand nimmt und den Betrieb weiterführen will, der seit Generationen im Besitz der Familie ist“, sagt er nach dem Besuch. „Ich finde, das Geld ist hier gut eingesetzt. Ich hoffe, dass mit meinem Geld einmal genau so gute Projekte finanziert werden können.“
 
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