• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

 

Menschenwürde 2012
Preisverleihung
6. September 2012, Kunsthaus Zürich

Laudatio auf Dr. Dick Marty

Laudatorin: aNR Dr. iur. Lili Nabholz-Haidegger, Zollikon


 

 
Lieber Dick, meine sehr verehrten Damen und Herren

Wir ehren heute eine Persönlichkeit, die ihr ganzes berufliches und politisches Leben in den Dienst der res publica, der öffentlichen Sache, gestellt hat. Als Staatsanwalt, als Regierungsrat und zuletzt als Ständerat hat Dick Marty in allen drei Gewalten unseres Staatswesens Ausserordentliches geleistet.

Die TERTIANUM-Stiftung zeichnet unter dem Motto Menschenwürde 2012 einen Menschen aus, der das, was in der Präambel unserer Bundesverfassung als Leitmotiv formuliert worden ist, zu seinem politischen Credo gemacht hat. Ich denke dabei u.a. an den letzten Absatz der Präambel, der lautet: „gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohle der Schwachen“.

Zahlreich sind die Politikerinnen und Politiker, die diesen bedeutungsschweren Satz in 1. August-Ansprachen und Sonntagsreden beschwören, rar sind diejenigen, die ihn in ihrer politischen Alltagsarbeit versuchen umzusetzen. Dick Marty gehört zu diesen, und dafür möchte ich ihm im eigenen wie im Namen zahlloser Mitbürgerinnen und Mitbürger danken.

Und natürlich gratuliere ich Dir, lieber Dick, von ganzem Herzen zu dem Dir heute verliehenen Preis. Ich erachte es als besondere Auszeichnung, dass Du mich gewählt hast, die heutige Laudatio zu halten.

Ich will versuchen, Ihnen den Preisträger, dessen Wirken weit über die Landesgrenzen hinaus ein Echo gefunden hat, etwas näher zu bringen. Dabei bin ich mir bewusst, dass dies im Rahmen einer solchen Feier nur bruchstückhaft sein kann. Kommt hinzu, dass es nicht einfach ist, einen so vielschichtigen, facettenreichen Menschen wie Dick Marty zu charakterisieren. Nichtsdestotrotz will ich es wagen und mit ein paar Stichworten zu seiner Person beginnen.

Spricht man von Dick Marty, dann fallen bald einmal Begriffe wie: mutig; unabhängig; unbestechlich. Ein scharfer Analytiker, stets auf der Suche nach Recht und Gerechtigkeit. Ich habe ihn in all den Jahren, seit ich ihn kenne, als ausgesprochen bescheiden, “suaviter in modo – fortiter in re“, erlebt.

Mit solchen Eigenschaften ragt der Preisträger weit über das helvetische Mittelmass der reinen Interessenvertreter auf dem politischen Parkett hinaus. Er ist nicht der Tages- oder Mainstream-Politiker, der zuerst mit dem nassen Finger in der Luft prüft, woher der Wind weht. Nie hätte ich es erlebt, dass er sich für irgendwelche Partikularinteressen hätte einspannen lassen. Opportunismus ist nicht seine Sache, und blind irgendwelche Parolen „nachzubeten“, kommt für ihn nicht in Frage. Um Dick Marty für ein Anliegen zu gewinnen, muss man ihn überzeugen. Sein politisches Handeln orientiert sich nicht primär an der gerade herrschenden Aktualität, sondern an grundsätzlichen Werten, für die er mit Ausdauer, hohem Sachverstand und Hartnäckigkeit einsteht.


Ein Liberaler im besten Sinn des Wortes

Das alles ist nicht zufällig, kommt nicht von ungefähr. Dick Marty ist ein Liberaler im besten Sinn des Wortes, der sich konsequent für eine offene, freiheitliche Gesellschaft und rechtsstaatliche Prinzipien einsetzt. Freiheit ist für ihn gepaart mit einem ausgeprägten Gemeinsinn, der die Voraussetzung schafft, ein selbst gestaltetes und -bestimmtes Leben in Würde und Verantwortung zu führen. Das unterscheidet ihn von den Libertären, die nur auf das Individuum setzen.

Die Schwester der Freiheit ist die Gerechtigkeit. Für den Juristen Dick Marty ist darum das Suchen nach dem, was gerecht und richtig ist, Leitmotiv und Schlüsselfrage zugleich. Wissend, dass alle Antworten bloss Annäherungen und nie definitiv sein können, ist er ein Suchender geblieben, wohltuend undogmatisch und frei von vorschnellen Urteilen.

Seine „Strategie der Annäherung an die Gerechtigkeit“ – wenn man so sagen darf – besteht für ihn im Ringen um die Wahrheit, d.h. um das, was in hohem Masse glaubhaft oder belegbar ist.

Ich habe den Eindruck, dass dieser Impetus ihn durch alle seine beruflichen und politischen Stationen begleitet. Es hat mich beeindruckt, wie er, der einstige Staatsanwalt, seine Aufgabe verstanden hat. „Schon als Staatsanwalt war die Aufklärung von Taten für mich wichtiger als die Bestrafung von Leuten“, beschrieb er seine Funktion als oberster Ankläger des Kantons Tessin in einem Interview.


Aufklärung statt Vergeltung

Und genau in diesem Geiste hat er auch seine Untersuchungsberichte als Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarats erarbeitet. Nicht der Ruf nach Sanktionen, sondern der nach Aufklärung von Unrecht stand für ihn im Mittelpunkt. Der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen heisst nicht, sich mit Vergeltungsmassnahmen zu begnügen. Für die Opfer, als deren Stimme er sich versteht, liegt sie im Aufdecken des erlittenen Unrechts.

Als Präsident des Menschenrechtsausschusses im Europarat, als Mitglied der OSZE-Delegation, als Vizepräsident der Weltorganisation gegen die Folter – um nur einige seiner Funktionen zu nennen – hat er sich mit brisanten Dossiers befasst und sich weit über die Schweiz hinaus einen Namen gemacht. Er nutzte seine Position als offizieller Berichterstatter mit Konsequenz und mit klaren Worten. Es hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, wenn er ohne Rücksicht auf den Status der Täter die Dinge beim Namen nannte. In seinen vielbeachteten Berichten über die CIA-Geheimgefängnisse, die damit verbundenen Verschleppungen, oder die Unsäglichkeiten und Verbrechen im Zusammenhang mit dem Handel von Organen von serbischen Gefangenen nach dem Kosovokrieg, in welchen führende Mitglieder der UCK und selbst der Ministerpräsident Taci verwickelt sein sollen, hat er sich nicht nur profiliert, sondern auch sehr stark exponiert.


Standhaftigkeit gegen Gleichgültigkeit

Er war und ist ein Unbequemer, oder wie er es selbst ausgedrückt hat, „ein Störfaktor“. Mehr als einmal geriet er in den Strudel von medial inszenierten Polemiken und Diffamierungen. Kollegen gingen zeitweise auf Distanz oder kritisierten ihn hinter vorgehaltener Hand mit nicht gerade schmeichelhaften Bemerkungen. Angefochten hat es den streitbaren Einzelkämpfer nicht. Mir scheint, als habe er das Lutherwort „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ in sein Stammbuch geschrieben. Er weiss natürlich auch genau, dass wer heisse Eisen anfasst, sich die Finger verbrennen kann.

Aber so ist Dick Marty. Er ist eben kein achselzuckender Gleichgültiger, „keine stumme Null“, wie es die Grand Dame der Deutschen Liberalen, Hildegard Hamm-Brücher in ihrer 1983 erschienen Schrift „Der Politiker und sein Gewissen“ (München, 1983) nennt. Wo er Ungerechtigkeiten sieht oder vermutet, handelt er. Dabei sind es nicht nur die spektakulären Fälle der sog. „grossen Politik“, für die er sich engagierte. Ich erinnere mich an einen Vorstoss im Ständerat, in welchem er sich für einen kleinen Jungen Alessandro einsetzte, der ein Opfer der Gleichgültigkeit, Unfähigkeit und Fahrlässigkeit von Gerichts- und Verwaltungsbehörden wurde. Oder der Fall einer Person, die schuldlos auf die im Rahmen der Terrorismusbekämpfung erstellten sog. Schwarzen Listen der UNO geriet, was u. a. zur Folge hatte, dass ihr gesamtes Vermögen eingefroren wurde und für sie keine Möglichkeit zur Rehabilitation bestand. Unvergessen ist auch sein für den Europarat mit grosser Sachkenntnis verfasster Rapport über das schwierige Thema Sterbehilfe.

Mit seinem Einsatz hat sich Dick Marty in der Öffentlichkeit Respekt und hohe Glaubwürdigkeit verschafft, wie sie nur wenigen Politikern zu Teil werden. Wer ihn erlebt, ihm zuhört, spürt, mit welchem Engagement, ohne ein Eiferer zu sein, er für das einsteht, was er für richtig hält.

Es war daher nur folgerichtig, dass er auch nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament mit wichtigen und heiklen Dossiers betraut wurde, sei dies z.B. als Präsident der interjurassischen Versammlung oder als Untersuchungsbeauftragter in der Schwyzer Justizaffäre.

Mit Dick Marty zeichnet die TERTIANUM-Stiftung eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeit aus, die das, was unter Menschenwürde zu verstehen ist, nicht nur verkündet, sondern auch lebt.

Wir können stolz sein, dass es in unserem Lande einen Menschen seines Formats gibt und möchten uns wünschen, dass es mehrere seines Kalibers gäbe.
 
 
 
Mehr zum Thema:
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks