• Dienstag, 26.09.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Mit Zivilcourage für die Menschenwürde

Von Maja Petzold  
  Es braut sich einiges zusammen...
© TERTIANUM-Stiftung
Der frühere Staatsanwalt und Tessiner Regierungsrat Dick Marty erhielt für sein vielfältiges internationales Engagement den diesjährigen Preis für Menschenwürde, den die TERTIANUM-Stiftung zusammen mit der Zürcher Kantonalbank an Personen oder Institutionen vergibt, die sich um die Menschenwürde verdient gemacht haben.


Die Jury ehrte Dick Marty mit dem Preis für Menschenwürde, dotiert mit CHF 10'000.-, insbesondere für seine Recherchen zu illegalen Gefangenentransporten und Geheimgefängnissen der CIA in verschiedenen Ländern und für die Untersuchungen zu illegaler Organentnahme im Kosovo. Beide Aufgaben waren ihm als Abgeordneten des Europarates sowie als Mitglied der OSZE-Kommission für Menschenrechte übertragen worden. Seine ausgezeichnete, unbestechliche Arbeit und sein verantwortungsvolles Handeln sollen mit diesem Preis ausgezeichnet werden.

Menschenwürde – Ein normatives Konzept der Zivilgesellschaft

Im Namen der TERTIANUM-Stiftung und der Zürcher Kantonalbank begrüsste Prof. Dr. Helmut Bachmaier die Gäste und stellte den kulturellen Hintergrund für die Preisvergabe dar. Dazu führte er aus: Die Menschenwürde ist gleichursprünglich mit der Existenz gegeben, kann also von keiner menschlichen Institution verliehen oder entzogen werden. Sie ist unverfügbar, und sie begrenzt die staatliche Interventionsmacht. Die Würde ist unteilbar, unantastbar, und es gibt nur die eine Würde, die allen Menschen in gleicher Weise zukommt. Sie besteht grundsätzlich in der Möglichkeit des Menschen, in Freiheit, autonom, entscheiden und handeln zu können.

Bereits 1496 hatte Pico della Mirandola, einer der Autoren des neuzeitlichen und bis heute gültigen Menschenwürdekonzeptes, geschrieben: "Ihr Menschen seid die Bildhauer und Dichter eures Lebens." Prof. Bachmaier erwähnte kurz die wichtigsten semantischen Entwicklungen des Begriffes (Pufendorf, Kant) und schloss seine Ausführungen mit der Feststellung, dass es sich bei Menschenwürde um ein normatives und zugleich appellatives Konzept handelt, das jedem Menschen die Freiheit zugesteht, aber auch dazu aufruft, selbständig zu entscheiden und zu handeln.

Im vollbesetzten Saal des Zürcher Kunsthauses wandte sich Peter Luginbühl, Zürcher Kantonalbank, bei der Übergabe der Auszeichnung mit folgenden Worten an den Preisträger: "Sie haben stets mit Professionalität, Akribie, Kampfgeist und Mut gehandelt und sind sich dabei immer selbst treu geblieben."

Ein Diener der res publica

Eine langjährige Parteigefährtin von Dick Marty, die Alt Nationalrätin Dr. iur. Lili Nabholz-Haidegger, hielt die Laudatio auf den Preisträger. Sie erinnerte an die Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung: ". . . gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen." Dick Marty gehört zu denen, die diesen Satz nicht nur im Munde führten, sondern auch umgesetzt haben. Sie beschrieb Dick Marty als vielschichtigen, facettenreichen Menschen, "mutig, unabhängig, unbestechlich, ein scharfer Richter über Recht und Gerechtigkeit, aber bescheiden und sanft im Umgang – alles andere als ein Opportunist". Sein ausgeprägter Gemeinsinn, seine konsequente Haltung für eine offene, freiheitliche Gesellschaft zeichnen ihn als echten Liberalen aus. Als Jurist und Politiker ist ihm die Suche nach Gerechtigkeit Leitmotiv und Schlüssel für sein Handeln. Dabei geht Dick Marty undogmatisch vor: Er sucht nach der Wahrheit mithilfe von Strategien der Annäherung. Die Aufklärung von Taten ist ihm wichtig, nicht die Bestrafung. Er strebt die Aufdeckung erlittenen Unrechts an, nicht die Vergeltung.

Lili Nabholz fühlte sich an Martin Luther erinnert: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Diese Haltung findet sie auch bei Dick Marty. Dies hat ihm die Federführung in einigen höchst brisanten Dossiers eingetragen. Durch die überzeugende Lösung dieser Aufgaben hat er sich profiliert, aber auch exponiert. Die unbequemen Resultate seiner Untersuchungen liessen Dick Marty in den Augen gewisser Funktionsträger zum 'Störfaktor' werden. "Dick Marty", schloss Lili Nabholz ihre Laudatio, "ist kein achselzuckender Zeitgenosse, er setzt sich für die Wahrheit, für diejenigen, die Unrecht erlitten haben, tatkräftig ein. Er verkündet nicht nur die Ideale der Menschenwürde, er lebt sie."

 




Unbeirrbar auf der Suche nach der Wahrheit

Der Preisträger bedankte sich in einer berührenden, frei formulierten, sehr persönlichen Rede. Er betonte, dass er die Aufgaben, die ihm aufgetragen wurden, nie gesucht habe. 2005 sei er vom Europarat spontan zum Ermittler gewählt worden, um die Gerüchte über vermutete illegale CIA-Gefängnisse in Europa aufzuklären. Gerade bei den Regierungen der betroffenen Länder stiess er dabei keineswegs auf positives Echo. Viele wollten nicht wahrhaben, was Dick Marty herausgefunden hatte. Die spätere Veröffentlichung der Wikileaks-Dokumente, die grossen Staub aufwirbelten, aber in der Sache nicht bestritten werden konnten, bestätigte, dass seine Recherchen die Wahrheit aufgedeckt hatten, was ihn mit grosser Genugtuung erfüllte. Die Ergebnisse der Untersuchungen zur Organentnahme von Gefangenen im Kosovo stiessen ebenfalls nicht überall auf grosse Zustimmung. Peinliche Wahrheiten werden nicht gern gehört. Das Schwierigste dieser Untersuchungen war in seinem Empfinden die Einsamkeit, die er in diesen Situationen auszuhalten hatte. "Zum Glück", sagte Dick Marty, "kann ich Einsamkeit ertragen. Ich danke aber ganz besonders meiner Familie für den Rückhalt, den sie mir gibt." Und er erwähnte, dass schon seine Eltern ihn die Haltung gelehrt hatten, den eigenen inneren Werten treu zu bleiben.

Zivilcourage als Medizin gegen die Gleichgültigkeit in Politik und Öffentlichkeit

Bei der Wahrheitssuche gerät man unweigerlich auch an die Feinde der Wahrheit, und diese müssen bekämpft werden. Im Kampf gegen den Terrorismus hingegen, führte Dick Marty weiter aus, hat man Methoden angewendet, die nicht nur moralisch-ethisch verwerflich sind, sondern auch kontraproduktiv gewirkt haben. Terroristen dürfen nur als Kriminelle behandelt werden. Von Anfang an hätte man vermeiden sollen, dass sie zu Märtyrern werden konnten.

In seiner Ansprache hielt Dick Marty ein flammendes Plädoyer für die Zivilcourage, ohne die Unrecht nicht bekämpft werden kann. Die Gleichgültigkeit ist in seinen Augen der grösste Feind unserer Zivilgesellschaft. Auch wenn wir heute nicht direkt bedroht sind, ist es unsere Pflicht, uns für die Werte unserer Gesellschaft einzusetzen. Wer nicht bereit ist, die Würde und Freiheit der anderen zu schützen, ist auch nicht in der Lage, die eigene Würde und Freiheit zu verteidigen. Wir alle, insbesondere aber die Jugend, sollten reagieren gegenüber den heutigen Tendenzen, die Augen zu verschliessen vor dem Unrecht, das in anderen Ländern geschieht. Auf seinen zahlreichen Reisen in Konfliktgebiete hat Dick Marty erlebt, wie überlebenswichtig und notwendig Menschlichkeit für die Opfer in Krisengebieten ist.

Franz Fischlin, bekannt als Journalist der SF-Tagesschau, führte mit engagierten Bemerkungen und klugen Fragen an die Redner durch den Festakt. Die glanzvolle musikalische Umrahmung gelang dem Trio Artemis mit temperamentvollen und subtilen Interpretationen einiger bekannter Musikstücke aus der neueren und älteren Klassik.







Bildlegende Titelbild:
Von links nach rechts: Peter Luginbühl, Helmut Bachmaier, Lili Nabholz, Dick Marty, Franz Fischlin

 
Links zum Thema:
 

 

       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks