• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Es braut sich einiges zusammen...

Von Willy Burgermeister  
  Es braut sich einiges zusammen...
   
© Wikipedia (Briefmarke)
Wirtschaftlich erfolgreich, politisch stabil, angenehmer und sorgloser Lebensstandard, ein eng gestricktes soziales Netz – in all den Jahren leuchtete Europa stets als Vorbild für die Welt. Doch dieses Bild zersplittert. Beugen wir uns über Europa, dann erinnern wir uns vielleicht an Karl Jaspers: "Die Grundsituation des Menschen ist, dass wir uns in der Welt finden und nicht wissen, woher und wohin."


Merkwürdige Wortfetzen flattern uns um die Ohren: Bankenunion, Haftungsverbund, Eurobonds, Vereinigte Staaten von Europa – wer kennt sich da noch aus? Vor wenigen Wochen zerpflückte und zerzauste der Internationale Währungsfonds das europäische Krisenmanagement. Die Eurozone verheddere sich in einem „unhaltbaren Halbzustand“.

Alternativlos?

Uns wird aber auch - je länger, je deutlicher - bewusst, dass die EU-Eliten fast nur noch mit Drohungen verfahren. Sie erklären die EU zum alternativlosen Sperrgebiet. Unter fast allem, was sie uns erläutern, kann man sich so gut wie nichts vorstellen. Man kann sich die Rettungssummen so wenig vorstellen, wie man sich einen Reim darauf machen kann, was das denn sein soll: die „Vertiefung“ Europas. Es spiegelt etwas Verrücktes, wenn ausgerechnet jetzt der waghalsige, europäische Sprung gefordert wird. Es wäre die alte Methode: Auf jedes Problem mit der Erhöhung der Dosis zu reagieren (so Thomas Schmid in „Die Welt“). Europa fehlt eine klare Vorstellung der eigenen Zukunft.

Illusionen

Europa ist und bleibt vorerst nicht nur kulturell, sondern auch politisch und wirtschaftlich äusserst verschieden. Die Idee, Europa ein richtiges Parlament und eine richtige Regierung zu verpassen, klingt zwar gut, ist aber fahrlässig, denn noch kennen wir den Menschen nicht, der sich in einem abstrakten oder virtuellen Gebilde zu Hause fühlt.

Zwar hoffen alle auf das brüchige Versprechen der europäischen Schuldnerstaaten, ihre gigantischen Verpflichtungen eines Tages zu tilgen, ahnen aber gleichzeitig, dass wir uns hier in eine fatalen Illusion verrennen. Das Geld wurde verprasst, verpulvert und ist auf Nimmerwiedersehen verloren. Dieser unappetitlichen Wahrheit will aber niemand ins Auge blicken, und so vertrösten wir uns immer wieder, alles werde sich schon irgendwie wieder einrenken. Wenn nicht, dann werden sich unsere Nachfahren mit dieser heiklen Aufgabe herumschlagen müssen.

Fehlende Strategie

Aber auch in den USA fahnden wir vergeblich nach einer durchdachten, langfristigen Strategie, wirtschaftliches Wachstum und Schuldenabbau ins Gleichgewicht zu bringen. Die Konkurrenzfähigkeit der USA ist in Gefahr, analysierte der „Harvard Business Manager“ kürzlich in einem Artikel. Aufbrausender Wettbewerb weltweit macht den US-Firmen zu schaffen, und eine kurzsichtige Haltung von Politikern und Managern zusammen mit einer zunehmenden Handlungsunfähigkeit der Regierung verhindert dringend nötige Reformen. Mit dem Gezerre um das Weisse Hause vergiftet sich nun auch noch das politische Klima.

Die führenden Industriestaaten dieser Welt hinterlassen ihren Kindern eine beengende Bürde, während sich die Menschen in Asien mit harter Arbeit und viel Ehrgeiz aus der Armut befreien. Hungrig nach Erfolg und hoch motiviert, im Leben etwas zu erreichen, gehören 60 Arbeitsstunden in der Woche in den asiatischen Schwellenländern zum Alltag. Europas schleichender Niedergang wurzelt nicht allein im Euroschlamassel. Diese beängstigende Entwicklung fusst auch auf der Tatsache, dass andere Länder wirtschaftlich kräftig zulegen, während wir Europäer glauben, uns auf den Wohlstandslorbeeren ausruhen zu können.


 
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Perspektiven

Verstehen wir diese Welt eigentlich noch? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht – wir alle tun jedenfalls gut daran, alten Stabilitäten nicht nachzutrauern, sondern uns auf ein nur schwer zu durchdringendes Umfeld, gespickt mit Pleitegefahren, hektischen Kursausschlägen an den Finanzmärkten, kargen Zinsen und demographischen Umwälzungen, einzustellen.

So überrascht es keineswegs, dass sich über den Finanzmärkten unübersehbare Fragezeichen türmen, hängen sie doch kläglich am Tropf künstlicher Unterstützungen von Regierungen und Notenbanken. Wie weit treiben diese ihr gefährliches Spiel noch? Sind sie überhaupt noch Herr der Lage? Setzt denn diesen masslosen, geldpolitischen Machenschaften niemand mehr Grenzen? Wie weit können die Zinsen noch fallen? Auf Null?

Die führenden Währungshüter verstricken sich immer tiefer im Gestrüpp der Interventionen, aus dem sich kein Ausweg mehr finden lässt. Natürlich wird uns immer wieder eingetrichtert, besondere Umstände verlangten nach besonderen Massnahmen. Nur, wie müssen wir uns das vorstellen? Was kittet denn alles zusammen? Vertrauen? Politik? Gemeinsame Ideen? Kultur? Sprache? Regulierungen? Ideologien? Märkte? Geld? Da passt eigentlich wenig – wenn überhaupt – noch zusammen!

Mir scheint, Sparer und Verbraucher wähnen sich in einer trügerischen Sicherheit. Die Welt steckt in einer verlorenen Dekade, und wir dürfen nicht dem unseligen Trugschluss verfallen, die Krise wäre schon bald vorbei. Der Wurm hockt tief im Gebälk. William Faulkner, einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller, meinte einmal: "Die Gefahr bei der Suche nach der Wahrheit liegt darin, dass man sie manchmal findet."

 

 
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