• Dienstag, 23.05.2017
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PERSPEKTIVEN

Unsterblichkeit im Cyberspace

Von Helmut Bachmaier  
 
   
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Der Wunsch nach Unsterblichkeit hat stets die Menschen bewegt. Die Neuen Medien scheinen ein elektronisches Weiterleben nach dem Tode im Cyberspace zu ermöglichen: das virtuelle Leben als Utopie.

Die Philosophie des Todes

kennt seit jeher den Wunsch nach Tröstung angesichts des Unvermeidbaren. Als Teil einer ars moriendi hat etwa Montaigne seinen Essay «Philosophieren heisst sterben lernen» verstanden. In diesem Text wird die permanente Erinnerung an den Tod statt seiner Verdrängung und das Loslassenkönnen zu einer Therapie gegen die Angst entwickelt. Im letzten Jahrhundert hat der Philosoph und Theoretiker der Moderne Georg Simmel den Tod als ein Grenzerlebnis beschrieben, durch das sich Individualität erst herausbildet: Die Grenze des Lebens durch den Tod konstituiert jeweils eine spezifische Individualität. Ohne den Tod wäre das Leben ein diffuser Strom von Energien, ohne eine bestimmte Richtung und ohne ein wesentliches Ziel.

Heideggers Thanatologie, die Existenz von ihrem Ende her und das Dasein als einen Gang in den Tod zu betrachten, ist wesentlich durch Simmel geprägt worden. Der philosophische Pessimismus in der Nachfolge Schopenhauers hat den Tod als Befreiung aus sinnlosem Dasein empfunden und den Suizid als eine Tat des sich selbst befreienden Willens interpretiert.



 
Michel de Montaigne Georg Simmel Martin Heidegger Arthur Schopenhauer
 


Verheissungen der Religion

Den Tröstungen (oder Trostlosigkeiten) der philosophischen Thanatologie haben die Menschen jedoch weniger vertraut als den religiösen Verheissungen, zumal diese eine Dauer, ein Weiterleben, die Unsterblichkeit und Unendlichkeit versprachen. Zwischenzeitlich hat die Religion eine moderne und technische Konkurrenz bekommen, die gegenwärtig mehr verspricht, als sie wohl wird halten können. Es geht hier nicht um die Gentechnik, sondern um die Auferstehung im Cyberspace.

Weiterleben im Cyberspace

Die Propheten der Neuen Medien sehen die Chance gekommen, durch High-Tech-Elektronik und Computer Unsterblichkeit als virtuelle Realität zu inszenieren. Danach lassen sich die Bilder von Verstorbenen animieren, ihre Stimmen speichern und diese wie Personen beleben, sogar haptisch vergegenwärtigen, wenn genügend Informationen über die Toten vorhanden sind. In einem Labor oder Studio kann man den Verstorbenen gegenübertreten, mit ihnen sprechen, ihre «Meinung» hören. Voraussetzung dafür ist, dass entsprechendes Informationsmaterial über einen Toten zur Verfügung steht und aufbereitet wird. Gibt es beispielsweise Material über verschiedene Entscheidungen und Werturteile aus seinem Leben, so kann modellhaft nachgebildet werden, wie er im virtuellen Raum auf entsprechende Fragen antworten wird. Es wird also möglich sein, verstorbene Eltern, Grosseltern oder andere wichtige Personen zu befragen, gar ihren Rat einzuholen.

Erlösung oder Horrorszenarium

Ganz wird eine Person in dieser Cyberwelt nicht zu erfassen sein, dies gelingt aber auch im wirklichen Leben selten. Für die einen ist diese Perspektive eine Art Erlösung des Menschen von der Endgültigkeit des Sterbens, für andere wiederum ein Horrorszenarium, weil wir nicht mehr unsere Zukunft und Selbstverantwortung im Blick haben werden. Zudem könnte die inszenierte Resurrektion, die Auferstehung im Cyberspace, zu extremen nekrophilen Kulten führen und unsere Welt in künstlich belebte Nekropolen verwandeln.

Der Tod als Maske

Was auch immer in der künstlichen Realität möglich sein wird, unser Bewusstsein wird sich auf neue Möglichkeiten einstellen müssen. Für die jüngere Generation, die in der Medienwelt gross geworden ist, erscheinen diese Entwicklungen kaum mehr als revolutionär, ist sie doch gewohnt, mit virtuellen Realitäten wie selbstverständlich umzugehen. In der Medienwelt gibt es nur eine «sekundäre» Wirklichkeit: Die primäre, eigentliche, substantielle Realität ist implodiert in Bilder, und der Schein ist zum eigentlichen Sein geworden. Wird das Leben in der sekundären Welt zunehmend virtuell, dann gewinnt auch der Tod beziehungsweise seine Austreibung aus dem Dasein eine neue Bedeutung. Der Tod ist nur noch eine Maske, hinter der sich das neue Leben der elektronischen Netze verbirgt.

[Erstveröffentlichung „Medizinzeitung“ (Magazin), Januar 1999, S. 16.].

 
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