• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Was heisst das jetzt für mich?

Von Willy Burgermeister  
Was heisst das jetzt für mich?
© Wikipedia

"Entweder wir schaffen einen Schuldenerlass biblischen Ausmasses oder unsere Gesellschaften werden in wenigen Jahren zerbrechen“, urteilt David Graeber, Anthropologe und Vordenker der „Occupy“- Bewegung. Am Schluss des Artikels stehen Empfehlungen für eine Portfoliomischung nicht nur für Ältere.


Die Finanzkrise entpuppte sich als wahre Wirtschaftskrise, entlarvte sich dann als verheerende Staatsschuldenkrise und schlittert nun in eine gravierende Geldkrise. Europa fuhrwerkt mit einer gefährlichen Überlast, und es droht die Überforderung. Das Sozialprodukt der Eurozone hinkt bedenklich, der Euro zittert und wankt, und nirgends zeichnet sich ein Happy End ab. In den USA schwindet die Kraft. Unhaltbare Schulden, stagnierende Löhne, mauer Konsum verknüpft mit beängstigender Arbeitslosigkeit und erschlaffenden Unternehmensgewinnen skizzieren ein Bild rasanten Wohlstandsverlustes. Japan ringt verzweifelt mit der demographischen Wende. Flaues Wachstum vermengt mit einer aufschiessenden Teuerung knebelt Indien, und in China altern Generationen, ohne je von den Früchten des Wohlfahrtsstaates gekostet zu haben.


Die Lage

Klimawandel, Demographie und die Verknappung lebenswichtiger Ressourcen erschüttern unser Wirtschaftssystem. Wir leben in einer völlig überdrehten Welt, in der uns die langfristig entscheidende Planungssicherheit wegrutscht. Die G-20 kleistern ihre Probleme mit Worthülsen zu, verstecken Misserfolge hinter hohlen Phrasen, und über Fehlleistungen spricht man nicht. Die Interventionen der Notenbanken dieser Welt treffen den Kern des Kapitalismus, verzerren Preissignale und bringen Anleger in schwere Nöte. Ob Euro, Pfund, US-Dollar oder Yen – in einer „ankerlosen“ Welt des Papiergeldes bröckelt das Vertrauen in die führenden Währungen.

Lenin argumentierte einmal, der sicherste Weg eine Gesellschaft zu ruinieren, sei ihre Währung zu zerstören. Die Geldpolitik stösst unwiderruflich an Grenzen, und weil das Vertrauen überall zerstiebt, hallt in einer verunsicherten Gesellschaft der Ruf nach Regulierung und Kontrolle. Damit allerdings wächst keine Kultur des Vertrauens heran – im Gegenteil. Wo enge Regulierungen sich einnisten, keimt auch Korruption.

Die westlichen Demokratien müssen nun beweisen, dass sie tiefgreifende Verwicklungen zergliedern und entschärfen können, statt sie den kommenden Generationen aufzuhalsen. In einem Wirrwarr von Gefühlen und Meinungen verdreht sich alles, nichts scheint mehr normal, und niemand weiss, wie man die verworrenen Knoten zerschlägt. Trotzdem werden Wirtschaft und Politik nicht müde, uns vorzugaukeln, alles wende sich zum Guten – früher oder später.


Niederer Zins

Und zu allem Elend nagen auch noch kellertiefe Zinsen an unserer Altersvorsorge. Wir Kapitalanleger stecken in einer äusserst verzwickten Lage. Was tun? Natürlich vagabundiert sehr viel Geld durch die Finanzmärkte und befeuert die Aktienkurse, doch geben wir uns keiner Illusionen hin: Die vermeintlich gute alte Zeit kommt nicht wieder. Zwar bleibt die Sehnsucht nach Überschaubarkeit ungebrochen, doch Brüche statt Kontinuität prägen unser Umfeld. Unsere Auseinandersetzung mit der Zukunft darf sich nicht auf das Fortschreiben der Gegenwart beschränken.

Wem eine Lebenserwartung von 90 Jahren beschert wird, der wird mit den heutigen, kargen Renditen seinen gewohnten Lebensstandard im Ruhestand nur mit Mühe aufrechterhalten können. Von überall her wird uns nun eingetrichtert, langfristig zu denken und zu handeln. Schön und gut, doch wie verhalte ich mich als über 70-Jähriger, dem der langfristige Horizont mehr und mehr entgleitet? Was nützen mir 10-jährige Staatsanleihen mit ihren knauserigen Erträgen? Das ergibt doch keinen Sinn. Die Risiken überwiegen. Der Obligationenmarkt wird auf den Kopf gestellt, sein heutiger Ausnahmezustand wird zum Dauerzustand. Also Aktien kaufen und „langfristig“ liegen lassen? Das kann in einer Welt ungeheuerer Umwälzungen böse enden.

Viele Experten gehen davon aus, dass sich die Schuldenkrise nur mit einem Regime der „finanziellen Repression“ im Zaume halten lasse – niedrige Zinsen eingekeilt in harschen, regulatorischen Vorschriften. Stimmen wir dem zu, dann müssen wir uns auf mehr soziale Spannungen einstellen. Wir laufen Gefahr, in eine Phase bitterer Altersarmut abzukippen.



Eine Empfehlung zur Diskussion

Mit Blick auf die Brandherde wage ich es, eine Portfoliomischung für einen über 70-jährigen Anleger zur Diskussion zu stellen (Alternativen in Klammer):


  60 % (20 %) Liquide Mittel
10 % (40 %) Obligationen – nur kurze Laufzeiten
20 % (30 %) Aktien – solide, wettbewerbsfähige Unternehmen
10 % (10 %) Rohstoffe inkl. Gold
 


Einverstanden, mit 60 % liquiden Mitteln scheffeln wir keine Reichtümer, doch spuren sie unterschiedliche Handlungsspielräume und zäunen die Risiken ein.

Nur ein ungeschöntes, nüchternes Betrachten öffnet uns den Weg zu einer angemessenen Vermögensaufteilung. Das Wichtigste scheint mir zu versuchen, Verluste zu vermeiden.

Keine Frage, wir alle fühlen uns irgendwie niedergeschlagen. Wir grübeln nach aufbauenden Signalen in Wirtschaft und Politik, deuten jeden noch so kleinen Wink als Zeichen eines nachhaltigen Aufschwungs und schlagen dabei alle Warnungen in den Wind. Dem möchte ich nicht verfallen, denn ich glaube, wir müssen uns in den kommenden Jahren warm, sehr warm anziehen.

 
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